NS-Naturschutzgebiet

Monika Chabicovsky | aus HEUREKA 5/02 vom 13.11.2002

Der Neusiedler See ist nicht nur ein beliebtes Erholungs- und Freizeitgebiet der nahe gelegenen Stadt Wien. Als Nationalpark Neusiedler See/Seewinkel ist er auch der zweitälteste der inzwischen sechs österreichischen Nationalparks, die in Österreich seit 1992 eingerichtet wurden. Anfang 2003 wird der Nationalpark Neusiedler See/Seewinkel seinen zehnten Geburtstag feiern. Die Bemühungen, aus dem See ein Naturschutzgebiet zu machen, reichen indes Jahrzehnte zurück - und erreichten unter nationalsozialistischer Herrschaft ihren ersten Höhepunkt.

Bestrebungen, Bereiche des Neusiedler Sees und des Seewinkels zu schützen, gab es bereits Ende der 1920er-Jahre. Eine wichtige Rolle spielte der Ethnologe und Hobby-Ornithologe Hugo A. Bernatzik (1897-1953). Er veröffentlichte Fotos vom "Vogelschutzparadies Neusiedler See" und drängte auf die Umwandlung des Neusiedler Sees in ein Schutzgebiet. Tatsächlich wurden 1932 per Gesetz die Zitzmannsdorfer Wiese und Lackenbereiche bei Illmitz und Apetlon als so genannte "Bannengebiete" ausgewiesen.

Erste konkrete Ideen zur Errichtung eines Nationalparks bestanden nachweislich seit 1935. Man wollte damals Pläne verhindern, die aus wirtschaftlichen und verkehrstechnischen Überlegungen die Regulation des Wasserstandes durch Dämme, Schleusen oder Zuleitungen propagierten - bis hin zur völligen Trockenlegung von Teilen des Sees. Dagegen wendeten sich Mitglieder des Österreichischen Naturschutzbundes (ÖNB) und verfassten 1935 erste Pläne zur Errichtung eines Nationalparks.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden die Naturschutzbestrebungen vor allem von Wissenschaftlern wie Otto Koenig, einem Schüler des späteren Nobelpreisträgers Konrad Lorenz, und dem bereits erwähnten Hugo A. Bernatzik getragen, der seit 1939 als Naturschutzwart am See wirkte und sich zunächst erfolgreich gegen Truppenübungen sowie Jagd- und Fototourismus deutscher Politfunktionäre im Brutgebiet des Schilfgürtels einsetzte.

In den Jahren 1939 und 1940 waren auch die Verwaltungsstellen bemüht, den See und seine Umgebung im Sinne des seit dem Beitritt zu Nazideutschland auch in Österreich geltenden Reichsnaturschutzgesetzes vor Zerstörungen jeglicher Art zu bewahren. Beim Naturschutztag im steirischen Schladming 1940 wurde die Idee der Errichtung eines Nationalparks am Neusiedler See intensiv diskutiert. Am 30. Mai 1940 trat gegen den Willen der Bauernschaft des Seewinkels die Verordnung des Reichsstatthalters zur Errichtung von Naturschutzgebieten in Kraft.

Diese Verordnung enthielt das Verbot, "Veränderungen vorzunehmen, die geeignet sind, den Naturgenuss zu beeinträchtigen oder das Landschaftsbild zu verunstalten". Verboten ist insbesondere "frei lebenden Tieren nachzustellen, sie zu beunruhigen (...) oder zu töten (...) unbeschadet der berechtigten Abwehrmaßnahme gegen Kulturschädlinge und sonst lästige oder blutsaugende Insekten". So konnte Bernatzik in der 1941 erschienenen zweiten Auflage seines Buches "Vogelparadies" stolz festhalten: "Auf Einschreiten des Reichsmarschalls Göring, dem ich Bilder aus den Kolonien am Neusiedler See vorlegen lassen konnte, wurde ein großzügiges Naturschutzgebiet gegründet."

Die ökologischen Bemühungen wurden allerdings bald darauf von den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges buchstäblich überrollt: Das Gebiet wurde als "Artillerieübungsplatz und Bombenabwurfgelände" genutzt. Unmittelbar nach dem Krieg gab es Versuche, an die Bestrebungen vor 1945 anzuschließen. Doch es sollte noch fast ein halbes Jahrhundert dauern, ehe der Nationalpark Wirklichkeit wurde.

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