Liebe Leserin, lieber Leser!

Klaus Taschwer, Stefan Löffler und Oliver Hochadel | aus HEUREKA 6/02 vom 11.12.2002

Es weihnachtet bereits sehr, das "Ihr Kinderlein kommet" hat heuer allerdings einen irritierenden Beiklang. Noch in diesem Monat soll laut Brigitte Boissellier das erste Klon-Baby geboren werden. Die französische Wissenschaftlerin will damit dem italienischen Reproduktionsmediziner Antonio Severino zuvorkommen, der ebendies für nächsten Jänner angekündigt hat. Der Ort wird bei solchen Behauptungen stets geheim gehalten. Wien wird allerdings nie genannt. Ja, lang, lang ists her. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war Wien einmal so etwas wie das Weltzentrum der Sexualwissenschaft. Nicht nur Sigmund Freud ging in diesem "Druckkochtopf der Moderne" den verborgenen Seiten der Libido nach. Noch vor dem "berühmtesten Ohr unserer Epoche" (Michel Foucault) forschte der Psychiater Richard von Krafft-Ebing in Österreich den sexuellen Perversionen und Perversitäten nach. Dieser Pionier der Sexualwissenschaft, dessen Todestag sich zwei Tage vor Weihnachten zum hundertsten Male jährt, prägte in seiner "Psychopathia sexualis" unter anderem die Begriffe Sadismus, Masochimus oder Fetischismus.

Heute hingegen liegt die österreichische Sexualforschung im Argen. Die kleine Fachgemeinschaft ist in zwei Vereine gespalten. Während es in allen Nachbarländern Lehrstühle gibt, sind alle einschlägig forschenden Österreicher anderen Fächern zugeordnet. Josef Aigner zum Beispiel ist Professor für Psychologie in Innsbruck. Nebenbei hat er voriges Jahr den freien Wahlfachstudiengang Sexualwissenschaft etabliert. Für Lehraufträge, Tutoren, Unterrichtsmaterial beträgt das Jahresbudget gerade mal 9000 Euro. Spart Österreich am falschen Ende? Ist mit mehr Wissenschaft "dem weit verbreiteten sexuellen Elend" beizukommen, das der Wiener Sexualpädagoge Franz Altrichter diagnostiziert? Die Medien jedenfalls investieren reichlich. Ausgewiesene, wenn auch nicht unbedingt akademisch anerkannte Sex-Expertinnen wie Gerti Senger und Rotraud Perner beratschlagen uns auf allen Kanälen.

Forschung, die bei den Medien ankommt, betreibt auch Karl Grammer. Im Interview mit "heureka" erklärt der Wiener Verhaltensbiologe, was beim Flirten unter unserer Schädeldecke so abläuft. Leider alles reine Grundlagenforschung und nicht für die Partnersuche zu gebrauchen. Anwendbare Forschung wäre auch nicht schlecht - etwa im Bereich der Sexualpädagogik. Es fehlt an Untersuchungen darüber, warum kaum etwas vom Sexualkundeunterricht bei österreichischen Jugendlichen hängen bleibt und wie er zweckmäßiger zu gestalten wäre. Was Geld kostet, aber die hohe Zahl ungewollter Teenagerschwangerschaften verringern könnte. Gewollte Schwangerschaften können auch teuer werden. Eine In-vitro-Fertilisation kostet in Österreich etwa 1400 Euro - pro Versuch, von denen meist mehrere notwendig sind. Für andere Arten der künstlichen Befruchtung bleibt nur die Reise ins Ausland. Südafrika ist sehr beliebt, aber auch Kliniken in Brüssel und Brünn werben mit Leihmüttern und Eizellspenden um deutschsprachige Paare. Ein Angebot zur Klonierung findet sich allerdings noch nicht auf den offiziellen Homepages. Ein geruhsames Fest der Liebe wünschen

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