Genshopping in der Disco

aus HEUREKA 6/02 vom 11.12.2002

Interview: Julia Harlfinger und Oliver Hochadel

Den Macho als Samenspender für die Kinder, den Softie für die Beziehung - Frauen können nicht anders. Herausgefunden hat das ein Mann: Der Wiener Verhaltensforscher Karl Grammer ist den biologischen Grundlagen der Partnerwahl auf der Spur. Praktisch anwenden lässt sich dieses Wissen leider nicht - gegen Naturgesetze kommt man nicht an.

Wenn Sie gerade Liebeskummer haben - sparen Sie sich das Selbstmitleid. Man bekommt immer, was man verdient. Für männliche Singles gilt: Keine Panik, die Richtige wird Sie schon finden. Doch Obacht! Ihr Aussehen verrät, wie viel Sie als Nachwuchsproduzent taugen. Ein Tipp für die Frauen: Schnüffeln Sie am verschwitzten T-Shirt Ihres Partners. Wenn Sie dabei fast ohnmächtig werden - lassen Sie besser die Finger von ihm. Ihre Immunsysteme sind nicht kompatibel.

Karl Grammer vom Wiener Ludwig-Boltzmann-Institut für Stadtethologie lässt seine Probanden Gesichter auf ihre Attraktivität bewerten und Sexualhormone inhalieren. Der Evolutionsbiologe wähnt sich damit Charles Darwin auf der Spur, der 1862 sinnierte: "Wir wissen nicht im Geringsten über die letzten Gründe der Sexualität Bescheid. Die ganze Angelegenheit liegt bis jetzt völlig im Dunkeln."

heureka: Die Humanbiologie geht davon aus, dass sich bei der Paarung die Frauen für die Männer entscheiden und nicht umgekehrt. Wie hat Ihre Frau Sie denn ausgesucht?

Karl Grammer Das weiß ich nicht mehr. Ich bin schon dreißig Jahre mit ihr zusammen. Wahrscheinlich hat sie mich ausgesucht. Die Theorie ist aber schlecht auf Einzelfälle anzuwenden. Die Leute sagen immer: "Bei mir war's ganz anders." Na klar. Wir reden über ein Segment in der Menge der Fälle. Daraus entstehen Durchschnitte, und jeder Einzelfall kann ganz anders liegen.

Wie kommt es, dass die Männer meistens glauben, sie würden die Wahl treffen?

Im Flirtverhalten gibt es biologisch bedingte Asymmetrien. Das weibliche Geschlecht hat - Stichwort Schwangerschaft und Erziehung der Kinder - das potenziell höhere Investment und muss daher vorsichtiger sein. Die Frauen verstecken ihren Eisprung vor den Männern, damit sie sich den genetischen Vater aussuchen können: Die Männer halten dagegen. Sie produzieren den Duftstoff Androstenon, der die Frauen abstößt - außer zum Zeitpunkt des Eisprungs. Wenn Sie diese evolutionär gewachsene Spirale einmal angestoßen haben, können Sie sie nicht mehr aufhalten. Dennoch sind es die Frauen, die die Kontaktaufnahme kontrollieren.

Wählen die Frauen eher den Cornettotypen mit den breiten Schultern oder den Softie?

Frauen suchen sich zum Zeitpunkt des Eisprungs die maskulineren Männer aus, als Vater für die Kinder. Um maskulin zu sein, brauchen Sie aber ein hohes Level an Testosteron. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Aggression auftritt. Als Langzeitpartner sind die Machos daher weniger geeignet als die Softies, die weniger Testosteron haben.

Welchen Typ Mann sollten sich Frauen aussuchen?

Wir wissen nicht, was sie tun sollen. Wir wissen, was sie tun.

Und mit wem tun sie's? Oder anders gefragt: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass der offizielle Partner einer Frau zum Zeitpunkt der Empfängnis auch der Vater des Kindes ist?

Österreichische Zahlen gibt es nicht. International schwankt das im Durchschnitt zwischen achtzig und neunzig Prozent. In der Schweiz oder unter Akademikern stimmen Partner und biologischer Vater in 99 Prozent der Fälle überein. Gehen Sie nach Liverpool in entsprechende soziale Schichten, da sinkt die Quote auf 53 Prozent. Frauen gehen fremd, um Variabilität im Nachwuchs zu erzeugen. Zehn bis zwanzig Prozent reichen aus für einen evolutiven Effekt, also zur Verbesserung des Gen-Pools.

Wenn Genshopping eine biologische Notwendigkeit ist, warum ist das dann je nach Kultur oder Milieu verschieden?

Weil die Männer unterschiedlich viel Kontrolle ausüben. Das Patriarchat ist eine Reaktion der Männer auf das Problem der Vaterschaftsunsicherheit. Das ist eine wilde Theorie, aber für mich die einzig plausible. Die Männer konnten sich den Fortpflanzungserfolg nur sichern, indem sie den Frauen Restriktionen auferlegt haben. In arabischen Ländern gibt es die Verschleierung, bei uns gab es früher Gesetze, die Ehebruch mit Strafe belegten.

Aber Frauen wollen doch auch treue Männer?

Ja, aber aus einem anderen Grund. Männer werden wegen sexueller Untreue emotional, Frauen bei finanzieller Untreue. Wenn der Mann in eine fremde Frau investiert, trifft das die Partnerin mehr, als wenn er mit der fremden Frau ins Bett geht. Wir haben an der größten internationalen Studie über das Sexualverhalten teilgenommen. Über hundert Wissenschaftler aus 66 Nationen haben 10.000 Personen befragt, und da stellte sich heraus, dass die Muster der Untreue in allen Kulturen gleich sind.

Historiker differenzieren aber: Im ländlichen Bereich folgt die Partnerwahl anderen Mustern als in der Stadt.

Die kulturelle Überformung ist nicht so groß, wie oft behauptet wird. Das, was die Menschen tatsächlich tun, hat biologische Grundlagen. Mein Kollege David Buss hat in den Achtzigerjahren 36 Kulturen untersucht. Auch andere historische Arbeiten haben Heiratsanzeigen auf Hawaii, den Philippinen, in den USA und anderswo ausgewertet. Die Muster sind überall die gleichen.

Wenn man weiß, wie das funktioniert, ändert man dann sein Verhalten?

Wie wollen Sie das anwenden? Die meisten dieser Prozesse laufen auf einer Ebene auf die Sie keinen direkten Zugriff haben. Die Evolution hat ein Bedürfnis nach Sex eingebaut. Es gibt im Gehirn aber keine einzelne Instanz, die immer über die Reproduktion nachdenkt, sondern Denkmodule, die bestimmte Entscheidungen in bestimmten Situationen favorisieren, aber nicht determinieren. Die Evolution hat keine Maschine gebaut, sondern ein komplexes dynamisches System, das auch Entscheidungen treffen kann, die der Reproduktion entgegenstehen.

Einer Discobesucherin gefällt ein Macho-Typ. Dann erinnert sie sich aber, was sie bei Ihnen in der Vorlesung gehört hat ...

Entschuldigung, aber das habe ich noch nie gehört! Es würde mir Leid tun, wenn ich so etwas bewirken würde. Das dürfte der seltene Fall sein, dass jemand die Kognition so weit in den Vordergrund stellt. In dem Fall spielt die Ausrichtung eines Organismus auf ganz bestimmte Ziele eine Rolle - und das geht über Gefühle und Einstellungen.

Aber beim Wettbewerb zwischen Frauen spielt doch auch das Kalkül eine Rolle?

Zur Optimierung der Suchstrategie gibt es Untersuchungen, die mit Theorien aus den Wirtschaftswissenschaften arbeiten. Das ist die so genannte Schwellenwert-Methode - einen festhalten und weitersuchen, bis ein besserer kommt. Oder auch die Pool-Methode - möglichst viele Beziehungen gleichzeitig pflegen und vergleichen. Oder ich nehme den Ersten, der richtig ist. Aber dann darf die Schwelle weder zu hoch noch zu niedrig sein. Der Partner-Marktwert führt zum Prinzip "Gleich und gleich gesellt sich gern". Je ähnlicher sich ein Paar ist - von der Persönlichkeit bis zum physischen Erscheinungsbild -, desto mehr Kinder werden produziert und desto stabiler ist die Beziehung im Durchschnitt.

Wie fällt aber die konkrete Entscheidung des Einzelnen?

Das würden wir auch gerne wissen! Wir wissen, was Attraktivität ausmacht: Die drei Grundpfeiler sind Durchschnittlichkeit und Symmetrie des Aussehens sowie die Sexualhormonmarker. Physische Attraktivität in diesem Sinne zeigt drei Dinge an: Parasitenresistenz, die Qualität des Immunsystems und Entwicklungsstabilität.

Sie betonen sehr stark die biologische Natur des menschlichen Verhaltens. Welche Rolle spielt die Umwelt?

Kein Verhalten kann sich ohne Interaktion zwischen Genetik und Umwelt entwickeln. Das Lernen dient nicht nur dazu, Information über die Umwelt zu erwerben, sondern auch dazu die Variabilität zwischen den Individuen zu erhöhen. Man muss lernen, sein Attraktivitätsbild an die Population anzupassen, in der man aufwächst. Wenn man ein fixes Attraktivitätsbild besitzt, findet man wahrscheinlich keinen entsprechenden Partner.

Sie betonen, dass Ihre Metatheorien auf biologischen Grundannahmen basieren und empirisch überprüfbar sind. Wurde eine davon widerlegt?

Nein. Es ist fast erschreckend, dass man keine wesentlichen Ausnahmen gefunden hat. Im empirischen Befund lässt sich manches relativieren. Aber das Gegenteil hat man noch nicht gefunden. Das macht die Evolutionstheorie gegenüber anderen Erklärungskonzepten unschlagbar.

Ein herrlicher Wissenschaftszweig also.

Ja. Die Basishypothesen gehen auf. Bestimmte Hypothesen müssen durch Unterhypothesen gestützt werden, zum Beispiel die Hypothese von der Spermienkonkurrenz oder vom zyklusabhängigen Attraktivitätsbild der Frau. Es gibt aber nirgendwo in der Wissenschaft ein theoretisch so kohärentes Bild. Die Einfachheit der Erklärungen ist ein entscheidendes Plus. Zum Beispiel für die Tatsache, dass Frauen häufig an Männer geraten, die so ähnlich sind wie ihr Vater. Das hat die Sozialpsychiatrie zu komplexen Erklärungen veranlasst. Es geht viel einfacher.

Und zwar wie?

Wenn "Gleich und gleich gesellt sich gern" funktioniert, dann ist natürlich der Partner dem Vater ähnlich! Oder nehmen wir die Tatsache, dass nach Geburten in Beziehungen immer sexuelle Probleme auftreten. Die Familientherapeuten haben dazu komplizierteste Theorien entwickelt. Dabei wechselt die Frau nach der Geburt schlicht ihre olfaktorischen Präferenzen. Vorher spielte Gegensätzlichkeit eine Rolle und nun aber Gleichheit - und dann riecht der Mann auf einmal nicht mehr gut.

Wie funktioniert die Partnerwahl, wenn man den eigenen Geruch durch Parfums verschleiert?

Der eigene Geruch wird durch Parfums verstärkt und nicht verschleiert! Wenn Frauen Parfums auswählen, dann wählen diejenigen das gleiche aus, die ein sehr ähnliches Immunsystem haben. Die meisten Parfums bekommt man ja von jemandem geschenkt, der einen kennt und sich an den Geruch erinnert.

Ihre Untersuchungen zur Attraktivität finden doch im Labor statt. Verzerrt dies nicht die Ergebnisse?

Zu einem gewissen Grad, aber das kann man berechnen. Es gibt Hinweise darauf, dass die Unterschiede zwischen Situationen mit echten Personen und dem Betrachten von statischen Bildern vorhanden, aber gering sind. Man könnte zehn Frauen in eine Disco stellen und zählen, von wie vielen Männern sie angemacht werden. Dann könnten Sie das mit den Fotografien der Gesichter vergleichen. Das hat aber noch nie jemand probiert.

Ist es eigentlich schwierig, für Ihre Untersuchungen Testpersonen zu finden?

Ja. Neunzig Prozent unseres Wissens in dem Bereich stammt von Biologie- und Psychologiestudenten, die durch gewisse Vorannahmen "belastet" sind. Wir haben jetzt aber Versuche mit Normalpopulationen gemacht, und das Ergebnis war auch nicht anders. In der Regel bewahrheitet sich das, was man schon vorher gewusst hat.

Gibt es eine konkrete Anwendung Ihrer Forschungen zur Partnerwahl?

Nein, das ist reine Grundlagenforschung, um herauszufinden, was Darwin sich nicht erklären konnte.

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