Vom Laster zur Krankheit

aus HEUREKA 6/02 vom 11.12.2002

Keine Kommunikation. Nein, er habe keine Zeit. "Und es hätte wohl auch wenig Sinn." Für eine Diskussion mit Karl Grammer konnte sich Franz X. Eder nicht erwärmen. Beide interessieren sich für die Sexualität des Menschen. Aber für den Evolutionsbiologen erschließt sich diese in der Analyse von Duftstoffen und der zyklusabhängigen Attraktivität der Frau. Der Historiker stolpert schon über Begriffe wie "Trieb" oder "Körper" und zeigt, wie diese im Laufe der Zeit mit Bedeutung aufgeladen wurden. Sexuelles Begehren ist nicht einfach nur da, sondern historisch überformt und kulturell vermittelt. Die Evolutions- bzw. Soziobiologen gelten den Geisteswissenschaftlern als reduktionistisch, als Essentialisten, die eine universelle Natur des Menschen festschreiben wollen. Aber: "New Guinea is not Amsterdam."

"Wenn sich theoretische Debatten totlaufen, treten häufig Glaubensbekenntnisse an ihre Stelle." Auf beiden Seiten, so Eder in seinem gelungenen Überblickswerk zur Geschichte der Sexualität. Diese ist längst kein "jungfräuliches" Feld mehr, wie noch in den Siebzigerjahren gewitzelt wurde. Vor allem "deviante" Formen der Sexualität wie Homosexualität und Prostitution standen im Mittelpunkt der Forschung. So sieht Eder etwa im Anti-Onanier-Diskurs des 18. Jahrhunderts die freilich angefaulten Wurzeln des modernen sexuellen Subjekts. In unzähligen Schriften wurde vor der "Selbstbefleckung" gewarnt, die zur moralischen und körperlichen Zerrüttung führe. Durch die Benennung und Thematisierung veränderte sich die Onanie, wurde medizinalisiert, vom Laster zur Krankheit. Noch 1964 verschrieb die "Bravo" kaltes Duschen und lange Spaziergänge als Gegenmittel. O. H.

Franz X. Eder: Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität. München 2002 (Beck). 359 S., e 16,40

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