Kopulationsschlitz im Nachthemd

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 6/02 vom 11.12.2002

Der Ethnologe Hans Peter Duerr ist ein unermüdlicher Sammler und Jäger. Kaum jemand hat mehr Material über sexuelle Praktiken und Schamgrenzen aus allen Zeiten und Kulturen zusammengetragen als er. Und all das nur, um den Soziologen Norbert Elias und dessen Theorie des Zivilisationsprozesses zu erlegen.

Wie er wohl seine Belege ordnet und aufbewahrt? In überquellenden Zettelkästen mit Aufschriften wie "Die entblößte Brust" oder "Geschlechtsverkehr in der Öffentlichkeit"? Oder in einer elektronischen Datenbank, die auf Tastendruck Belegstellen zu Nacktheit in Japan oder zu frühneuzeitlichen Hochzeitsnachtbräuchen ausspuckt? Zu gern wüsste man es, aber Hans Peter Duerr spricht nicht mit Journalisten. Im Sinne eines gegenseitigen Austausches spricht Duerr mit überhaupt niemandem, er spricht nur für sich, und er widerspricht.

Sein fünfbändiges Opus magnum, "Der Mythos vom Zivilisationsprozess", ist ein einziger, lauthals vorgetragener Widerspruch; dessen letzter Band unter dem Titel "Die Tatsachen des Lebens" wurde eben ausgeliefert. Nach über 14 Jahren und mit insgesamt 3,3 Kilogramm bedrucktem Papier, 3572 Seiten und 6557 Fußnoten glaubt der Ethnologe Duerr endlich die zentrale These des Soziologen Norbert Elias widerlegt zu haben, sprich: die zunehmende Triebkontrolle und die "Affektmodellierung", die in seinem 1939 erstmals erschienenen Hauptwerk "Über den Prozess der Zivilisation" beschrieben werden.

Während bei Elias' empirischen Belegen für die im Laufe des Mittelalters allmählich einsetzende "Zivilisierung" Tischmanieren im Zentrum stehen (Schnäuzen, Spucken, Essen mit Besteck) und die Scham eher nur am Rande vorkommt (und Sexualität fast gar nicht), geht es bei Duerr quasi ausschließlich um Scham und vor allem um Koitus, Beischlaf und Penetration.

Elias' These von der allmählichen Internalisierung von Scham versucht Duerr durch die reine Masse von Gegenbeispielen platt zu walzen. Nie waren sich Aristoteles und Klaus Kinski so nah wie bei Duerr. Der weiß, was sich in mittelalterlichen Badezubern abgespielt hat und dass Nachthemden früher mit Kopulationsschlitzen versehen und deren Säume mit frommen Sprüchen bestickt waren. Genauso lässt er sich aber über die Klitorisbeschneidung bei den Shipibo im Amazonasbecken oder die Brutalität der Hochzeitsnächte bei den Awlad-'Ali-Beduinen in Ägypten aus.

Duerr ist nicht nur ein unersättlicher Bücherfresser, sondern auch selbst ein unermüdlicher Beobachter: Er zählt die oben ohne badenden Frauen auf Mallorca und auf der Heidelberger Neckarwiese, seinem Heimatstrand. Er befragt balinesische Tänzerinnen nach ihren Schamgrenzen und seine Großmutter nach den Zuständen in einem Brüsseler Arbeiterviertel um 1900. Dem methodischen Ideal seiner eigenen Disziplin, der Ethnologie, sich intensiv mit nur einer Kultur zu befassen und die eigene Beobachterrolle zu reflektieren, kommt Duerr durch seinen wahllosen Eklektizismus nicht gerade nahe. Worauf will der Empiriker des Erotischen eigentlich hinaus?

Während Elias versucht hatte, einen inneren Wandel als komplexen sozialen Prozess zu beschreiben, tritt der Mensch bei Duerr auf der Stelle. Er findet "in sämtlichen Gesellschaften die gleichen elementaren Gefühls- und Verhaltensdispositionen" - die universellen Konstanten der Soziobiologie lassen grüßen.

Die Elias-Duerr-Kontroverse ist längst Gegenstand unzähliger Feuilletons, soziologischer Seminare und gelehrter Abhandlungen geworden. Tiefschläge inklusive. So attestierte zuletzt der Elias-Anhänger Michael Hinz Duerr "Größen- und Rebellionsfantasien". Er geriere sich als "unverstandener, ausgestoßener Outsider" und versuche nun das "Denkmal" Elias zu stürzen. Duerrs ursprüngliche Verehrung sei in "Vernichtungswillen" umgeschlagen.

Duerr ist freilich auch nicht zart besaitet. Immer wieder sucht er Elias und seinen Schülern nachzuweisen, dass sie ihre Quellen falsch interpretieren. Er selbst gibt sich allerdings auch wenig Mühe, die eigenen Belege einzuordnen. Ohne Unterlass rattert das Stakkato von Zitaten, alles ist gleichwertig, egal ob moralisierende Predigt, geheimer Brief oder BH-Werbung. Kritiker sprechen von "chaotisierter Enzyklopädie" und "zum Buch gebundenen Zettelkasten".

Duerrs Fokus auf die im doppelten Sinne nackten Tatsachen führt dazu, dass sich seine Bücher über weite Strecken eher wie eine erotische, mitunter gar pornographische Anthologie lesen. Das gilt ebenfalls für die meist expliziten Illustrationen der Bände. Ein Rezensent der "Tatsachen" fühlte sich daher gar genötigt, vor deren Lektüre in der Öffentlichkeit zu warnen.

Hans Peter Duerr: Die Tatsachen des Lebens. Der Mythos vom Zivilisationsprozess. Band 5. Frankfurt a.M. 2002 (Suhrkamp). 1019 S., zahlr. Sw-Abb., e 51,50

Michael Hinz: Der Zivilisationsprozess: Mythos oder Realität. Wissenschaftssoziologische Untersuchungen zur Elias-Duerr-Kontroverse. Opladen 2002 (Leske + Budrich). 430 S., e 51,50

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