"Die concrete perverse Handlung"

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 6/02 vom 11.12.2002

Vor genau hundert Jahren starb Richard von Krafft-Ebing, einer der wichtigsten und bis heute umstrittensten Pioniere der modernen Sexualwissenschaften. Der Psychiater, der an den Universitäten Graz und Wien tätig war, prägte in seinem Hauptwerk "Psychopathia sexualis" Begriffe wie Sadismus, Masochismus oder Fetischismus.

Interesse am Stoff. Schon Karl Kraus konnte ihn nicht leiden und denunzierte ihn in der "Fackel" als den "im weitesten Seelenreiche beschränktesten Forscher". Seine Wertschätzung, so Kraus weiter, verdanke Richard von Krafft-Ebing nämlich bloß dem "stofflichen Interesse, das überhitzte Romanleser seiner Lehre von den Perversitäten abgewinnen". Tatsächlich war seine 1886 erstmals veröffentlichte Studie "Psychopathia sexualis" ein weit über die Fachgrenzen hinaus berühmt-berüchtigter Bestseller - mit dem sich sein Autor auch zahlreiche Feinde machte.

Einer, der den aus Deutschland stammenden und ab 1872 in Österreich tätigen Psychiater ganz und gar nicht leiden konnte, war der Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch. Der Autor des erotischen Romans "Venus im Pelz" empörte sich bis an sein Lebensende darüber, dass Krafft-Ebing seinen Namen missbraucht hätte, um damit die sexuelle Lust aus Unterdrückung zu bezeichnen. Doch nicht nur der Begriff Masochismus wurde in der sechsten Auflage der "Psychopathia sexualis" erstmals verwendet - auch dem Sadismus oder dem Fetischismus hat erst Krafft-Ebing ihre Namen und Definitionen gegeben.

Seine ursprünglich bloß 109 Seiten starke Studie basierte auf 51 Fallgeschichten, eine - zumindest für die damalige Zeit - erstaunliche Sammlung sexueller Monstrositäten. "Die concrete perverse Handlung" indes war für Krafft-Ebing nicht entscheidend, "so monströs sie auch sein mag". Vielmehr ging es ihm um eine "Unterscheidung zwischen Krankheit (Perversion) und Laster (Perversität)" - und zwar auf Basis der "Gesamtpersönlichkeit des Handelnden".

Sexualität und Wahrheit. Für Historiker wie Michel Foucault wurde Krafft-Ebing durch sein Hauptwerk zu einem Geburtshelfer der modernen, medikalisierten und verwissenschaftlichten Sexualität. Denn Hand in Hand mit der Klassifizierung abweichender Sexpraktiken sei auch deren Stigmatisierung erfolgt (bis zur zwölften Auflage 1903 sollte die "Psychopathia" übrigens auf den vierfachen Umfang der Erstausgabe anschwellen.) Und das wiederum habe dazu geführt, dass heute eine anonyme "Biomacht" unsere Lüste kontrolliert und diszipliniert.

Erst in jüngster Zeit hat sich auch dieses negative Bild von Krafft-Ebing wieder etwas gewandelt. Neue Studien - wie Harry Oosterhuis' detaillierte und viel gelobte Darstellung "Stepchildren of Nature" - lassen die Arbeit des Psychiaters in einem neuen Licht erscheinen. Krafft-Ebing habe sich stets davor gehütet, abweichendes Verhalten mit Amoralität gleichzusetzen. Zudem sei er beispielsweise für eine Liberalisierung jener Gesetze eingetreten, die damals die Homosexualität unter strenge Strafe stellten.

Und auch hinsichtlich der Hunderten Briefe von Betroffenen, die sich nach der Erstveröffentlichung der "Psychopathia sexualis" vertraulich an Krafft-Ebing wandten, kommt Oosterhuis zu anderen Interpretationen als Foucault: Während dieser in den Verfassern solcher Selbstzeugnisse bloß die ersten Opfer des medikalisierten Sexdiskurses sah, erscheinen sie nun als eigenständige Subjekte, die freilich erst durch Krafft-Ebings Buch erfuhren, dass sie mit ihrem Leiden nicht allein sind.

Richard von Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis. München 1997 (Matthes & Seitz). 460 S., e 29,70

Harry Oosterhuis: Stepchildren of Nature: Krafft-Ebing, Psychiatry, and the Making of Sexual Identity. Chicago 2000 (Chicago University Press). 321 S., $ 35,-

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