Wie die Jungfrau zum Kind

Stefan Löffler | aus HEUREKA 6/02 vom 11.12.2002

Die Sexualforschung ist in Österreich zwar kaum universitär verankert, aber in zwei Verbände gespalten. Rotraud Perner hat in den letzten sechs Jahren als Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Sexualforschung viel Kritik auf sich gezogen. Im Gespräch mit "heureka" erklärte die vielfach engagierte Wienerin ihren Wissenschaftsbegriff.

Voriges Jahr im September trafen sich in Linz einige Männer und Frauen, um die Sexualwissenschaft in Österreich auf ein neues Fundament zu stellen. Sie gründeten eine Akademie. Zusammengeführt hatte sie eine Frau, die nicht unter den Anwesenden weilte.

Bald nachdem Rotraud Perner 1996 den Vorsitz der Österreichischen Gesellschaft für Sexualforschung (ÖGS) übernommen hatte, war es zum Eklat gekommen. Für die Sexualforschung, die die Gesellschaft im Namen trägt, blieb kein Platz in ihrer "One-Woman-Show" als Multi-Kolumnistin mit unzähligen Medienauftritten. So jedenfalls sieht es Josef Aigner. Der Sexologe und Psychologe von der Universität Innsbruck führte eine Welle von Austritten aus der ÖGS an und wurde später in Linz zum Gründungsvorsitzenden der Akademie gewählt.

Sie habe keine anderen Interessen gehabt, als die Gesellschaft vor der drohenden Auflösung zu retten, entgegnet Perner. Den Vorwurf wertet sie als typisch akademische, typisch männliche Demütigung: "Ich habe ein paar Feinde, aber das ist deren Problem. Ich kann nicht verhindern, dass jemand fantasiert über mich. Natürlich tut es mir weh, wenn es gerade ein Psychoanalytiker ist. Von dem würde ich Selbstreflexion erwarten." Auch wenige Wochen nachdem sie den ÖGS-Vorsitz abgegeben und gegen das Amt der Dritten Vorsitzenden getauscht hat, zeigt die 58-jährige Wienerin Lust an der Auseinandersetzung. Aber ganz so einfach ist es nicht. Einfach ist nichts bei Perner, die findet: "Wir leben in einer Kampfkultur, wo Leute immer glauben, sie müssten sich gegen jemand anders durchsetzen - mich interessiert das nicht."

Das Haus am Franziskanerplatz, in dem sie schreibt und therapiert, ist seit Jahren eine Baustelle. In ihr reichlich mit Gelegenheiten zum Sitzen und Liegen ausgestattetes Arbeitszimmer dringt wenig Licht, aber jede Menge Lärm. Die Atmosphäre ist zum Zerreißen gespannt. Ein kleines Wunder, dass Rotraud Perner konzentriert auf Fragen eingehen kann.

"Mir hat mal jemand gesagt: Alle Leute projizieren ihre Probleme auf dich, mach doch einen Beruf daraus. So bin ich Psychoanalytikerin geworden", bietet Perner einen Einstieg in ihr widersprüchliches Wirken. "Ich bin mein ganzes Leben lang immer wie die Jungfrau zum Kind gekommen, es gab immer Leute, die sagten, mach doch das. Darum bin ich gewohnt, es laufen zu lassen."

Alles zugleich will sie sein: Therapeutin und Lehrerin, Forscherin und Journalistin. Man kann nur staunen über die Zahl an beruflichen, familiären und politischen Meilensteinen in der Biografie auf ihrer Homepage. "Ich habe eine fünffache psychotherapeutische Ausbildung", betont sie, ohne danach gefragt worden zu sein. "Ich habe die Fachliteratur richtig gelernt. Meine Biografie ist zum Nachlesen, alles in staatlich kontrollierten Bahnen, daher bin ich da auch unangreifbar."

Einerseits ist ihr der Wissenschaftsbetrieb suspekt, andererseits schmückt sie sich mit dessen Attributen: "Institut Prof. Dr. Rotraud A. Perner" steht unter ihren E-Mails. Der Professorentitel ist ihr 1999 vom Wissenschaftsministerium verliehen worden. "Hätte ich gewollt, hätte ich als Studentin gleich an der Uni bleiben können. Auch heute strebe ich keine Wissenschaftskarriere an, das ist mir egal. Geholt haben mich die Studenten. Wenn sie mich wollen, gehe ich halt vorsingen. Finden es die Professoren interessant, dann mache ich es. Aber es ist nicht mein Hauptberuf, nein, das ist nicht meins."

Selbst Kritiker sprechen Perner als Erwachsenenbildnerin Verdienste zu. Ihre Veröffentlichungen genügten dagegen keinen wissenschaftlichen Ansprüchen. Sie selbst hält es sehr wohl für Forschung: "Ich beziehe mich auf meine Erfahrungen, die ich nicht nur mit den Klienten in meiner Praxis gemacht habe, sondern auch in den Beratungsstellen, in denen ich über zwanzig Jahre gearbeitet habe, und im Rahmen der Supervisionen, die ich in Gefängnissen und Spitälern mache. Ich habe eine Fülle von Einblicken." Sie forsche stets nachfrageorientiert. Zuletzt habe sie viel mit pädophilen Priestern zu tun gehabt. "Das kleide ich derzeit in ein Fachbuch, nichts für den breiten Markt." Am wichtigsten sei ihr aber ihre Arbeit zur Gewaltprävention. Dabei versuche sie als überzeugte Hermeneutikerin stets, "subjektiv zu schreiben, weil ich nicht das Ziel habe, meine Gedanken absolut zu setzen. Das sind immer nur Anstöße zum Weiterarbeiten".

In ihren ersten Jahren habe sie für die ÖGS Kontakte zu Politikern hergestellt oder Tagungen vorbereitet. Ende der Achtzigerjahre sei sie von niemand anderem als ihrem heutigen Kritiker Aigner erstmals für den Vorsitz ins Gespräch gebracht worden. Nachdem sie 1996 den Vorsitz übernommen hatte, warb sie neue Mitglieder unter den Sexualberatern, die sie in Lehrgängen zu Gebühren von gegenwärtig rund 9000 Euro ausbildet.

Laut ÖGS-Satzung muss sie sich "für eine Integration der Sexualforschung im Universitätsbereich" einsetzen. Dass sich die Gesellschaft auf Sexualberatung und Sexualpolitik konzentriere und die Wissenschaft zu kurz komme, bestätigt sie. "In der empirischen Forschung haben wir derzeit niemanden, aber das ist privat auch gar nicht zu leisten. Eine Studie ist entweder nicht repräsentativ, oder sie kann praktisch nur von einem Meinungsforschungsinstitut durchgeführt werden. Da kostet eine Frage in der Größenordnung von 1000 Euro", zeigt Perner allerdings eine etwas einseitige Auffassung empirischer Sozialforschung. Sie verlegt die von der Gesellschaft herausgegebene Zeitschrift "Sexus". Auf ihrem Schreibtisch liegen Texte für die vierte Ausgabe des Jahrgangs 1999, die noch immer nicht fertig ist. Es sei einfach nicht alles zugleich zu schaffen.

Zwischenzeitlich hat die ÖGS ihren Schwerpunkt gewechselt. Wie bei ihrer deutschen Schwestergesellschaft in den Siebzigerjahren steht nun die Emanzipation gleichgeschlechtlicher Lebensweisen im Vordergrund. Zweiter Vorsitzender ist bereits seit 1992 der offen homosexuelle Jurist Helmut Graupner, der sich seit Jahren für eine Reform des Sexualstrafrechts einsetzt. Den Vorsitz übernahm im September Johannes Wahala, der nach seinem Coming-out als schwuler Priester von Perner zur ÖGS geholt wurde.

Der gefragte Psychotherapeut, der auch in der Wiener Beratungsstelle Courage arbeitet, hat sich für die ÖGS zum Ziel gesetzt, die Sexualtherapie als Bestandteil in allen psychotherapeutischen Ausbildungen zu verankern. In Sachen Forschung will Wahala die Palette der Sexualitäten erschließen. Beim Weltkongress der Psychoanalyse habe er bereits einen Hauptvortrag über Homoerotik gehalten. Wahala sagt, er werde bald auf die Akademie zugehen. Josef Aigner strebt, sobald Perner ganz ausscheidet, einen Zusammenschluss an: "Getrennt verschleißen wir auf Dauer unsere Kräfte."

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