Geile Sager

aus HEUREKA 6/02 vom 11.12.2002

Prominente Sexualforscher sind oft Quereinsteiger: Ernest Borneman, der 1975 an der Universität Salzburg die seit dem Krieg inaktive Österreichische Gesellschaft für Sexualforschung wieder ins Leben rief, stieß erst mit Ende vierzig zur Wissenschaft. Nachdem sich Shere Hite auf einem Werbefoto des Computerherstellers Olivetti ("Er ist so smart, dass sie es nicht sein muss") als tumbe Sekretärin erkannt hatte, kam sie zur Frauenbewegung, wo sie in zahllosen persönlichen Gesprächen feststellte, dass die Stereotypen über das sexuelle Erleben der Frau nicht der Realität entsprachen, und erhielt so die Idee zu ihren Bestsellerstudien. Rotraud Perner ging 23-jährig als promovierte Juristin von der Universität ab. Mit politischem Engagement für Beratungsstellen begann ihr Weg, der zu einer Gastprofessur an der Universität Klagenfurt und mehreren Lehraufträgen führte.

Reichlich Selbstbewusstsein, missionarischer Eifer und Talent zur Selbstdarstellung sind ihre gemeinsamen Qualitäten. Ohne akademischen Ballast bewegt es sich leichter in den Medien. Und deren Bedarf nach Sex-Experten ist enorm. Borneman war in den Siebzigerjahren nahezu konkurrenzlos. Heute teilen sich Gerti Senger und Perner den österreichischen Markt. Ein oder zwei Anfragen, sagt Perner, lehne sie pro Woche als unseriös ab, aber manchmal "ist es kräfteschonender, fünf Minuten mit einem Journalisten zu reden, als ihm zehn Minuten lang zu erklären, warum nicht". Stimme das Honorar, sei das etwas anderes, zudem habe sie Freude an journalistischer Tätigkeit.

Auch Josef Aigner wird oft um Interviews gebeten. Hinterher seien viele Journalisten enttäuscht, weil sie "geile Sager" erhofft haben, hat der Innsbrucker Universitätsprofessor beobachtet. Vermutet er von vornherein "Wünsche nach voyeuristischer Auskunft", lehne er die Anfrage ab. Aufhänger seien vielfach Umfragen zur Häufigkeit von Sex, die keiner methodischen Prüfung standhalten. Der schier endlosen öffentlichen Thematisierung von Sex kann er nur eines abgewinnen: "Dass man über alles reden kann", doch dieser Punkt sei längst überschritten. Konfrontiert mit expliziten Details, kämen sich viele Menschen verklemmt oder unnormal vor. Aigner schließt: "Der individuelle Liebreiz geht verloren." S. L.

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