Denn sie wissen nicht, was sie tun

Julia Harlfinger | aus HEUREKA 6/02 vom 11.12.2002

Trotz "Bravo" und Biounterricht sind Österreichs Jugendliche in Sachen Sex verblüffend ahnungslos. Geeignete Aufklärungskonzepte fehlen. Kein Wunder, denn die Forschung zur Jugendsexualität hat hierzulande den Status einer exotischen Geheimwissenschaft.

Erkenntnis und Interesse. "Gehen wir auch in eine Peepshow?", so lautet eine immer wiederkehrende Frage an Sylvia Kirchengast. Angehende Biologielehrer hören bei ihr die Vorlesung "Sexualbiologie". Als die Wiener Humanbiologin ihre Lehrveranstaltung das erste Mal abhielt, fand sie es "extrem erstaunlich", dass sich viele Studierende "Verhütung" als Schwerpunkt wünschten. "Ich habe geglaubt, die kennen sich schon aus, wo sie doch Biologie studieren!", wundert sich Kirchengast: "Die Studentinnen nehmen jahrelang die Pille und wissen nicht einmal, wie sie funktioniert." Und ist denn gar nichts vom Sexualkundeunterricht hängen geblieben?

"Schützt die Pille vor Aids?" - "Der Mann bekommt einen Steifen - und die Frau? - "Kann man beim ersten Mal schwanger werden?" Derartige Fragen kommen von Jugendlichen, die bereits sexuell aktiv sind. Andererseits glauben Mädchen und Burschen, über ihren eigenen Körper und Verhütungsmethoden gut Bescheid zu wissen, wie eine deutsche Studie zur Jugendsexualität aus dem letzten Jahr belegt. Viele Teenager sind also nur "scheinaufgeklärt". Ob es an der Art der Vermittlung liegt?

"Die Sexualkunde hat erst Mitte der Achtzigerjahre in österreichischen Schulen Einzug gehalten. Und zwar legitimiert durch die Aids-Bedrohung." Josef Aigner vom Innsbrucker Institut für Erziehungswissenschaften hält dies für den denkbar schlechtesten Einstieg, um mit Schülern über Sexualität zu sprechen. Dabei werde doch zuallererst vermittelt, dass Sex etwas Gefährliches sei. Außerdem käme die Sexualpädagogik wieder in den Ruf der Gesundheitserziehung. "Als ob man krank wäre, wenn man Sex hat."

Notstand Sexualforschung. Lehrer und Eltern stehen vor einem Paradox: In allen Schulen steht Sexualkunde als Pflichtfach auf dem Lehrplan, es gibt flächendeckend Beratungsstellen, an anatomisch expliziten Aufklärungsseiten mangelt es in Jugendmagazinen nicht - und dennoch bleibt das wohlmeinend Erklärte nicht in den Köpfen der Teenager! Woran liegt das? Es fehlt nicht zuletzt an einer systematischen Überprüfung und Weiterentwicklung der derzeitigen Aufklärungsangebote.

So gibt es in Österreich kein eigenes Universitätsinstitut für Sexualwissenschaft. Daher können bestehende Unterrichtsmethoden nicht evaluiert, bessere Materialien nicht entwickelt und das Sexualverhalten von Jugendlichen kaum erforscht werden. Ein Teufelskreis: Ohne Sexualforschung wird es keine geeigneten Vermittlungsformen geben, die Wissenschaftler zum Gegenstand weiterer Arbeiten machen könnten. Dementsprechend dürftig sieht es mit sexualwissenschaftlichen Forschungsarbeiten aus. Aigner und Kirchengast lassen Diplomarbeiten und Dissertationen etwa zur Geschichte der weiblichen Masturbation nebenher mitlaufen.

Kirchengasts Studenten bekommen oftmals nicht die geeignete Unterstützung bei der Durchführung ihrer Forschungsprojekte von Landesschulräten oder Beratungsstellen - "aus organisatorischen Gründen". Offenbar löst die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Sexualität vielerorts noch immer Unbehagen aus. Abhilfe können vielleicht die ersten Absolventen des Wahlfachstudiengangs für Sexualwissenschaft schaffen, der letztes Jahr in Innsbruck startete.

Sex aus dem Bauchladen. Kirchengast wünscht sich ein fächerübergreifendes Konzept für den Aufklärungsunterricht an allen Schulen. "Bis jetzt wird Sexualkunde in zwei Fächern unterrichtet, die gegensätzlicher nicht sein könnten." Im Biounterricht wird "Prüfungswissen" an Schautafeln zu Anatomie und Hormonhaushalt gepaukt, und in der Religionsstunde sehen die Schüler als Kontrapunkt moralisierende Antiabtreibungsfilme. Damit schießen die Lehrinhalte voll am Zielpublikum vorbei.

Der Sexualkundeunterricht sollte noch andere Aufgaben außer Warnungen vor Aids, Geschlechtskrankheiten und ungewollter Schwangerschaft haben, fordert Aigner: "Gerade in der Pubertät sind die Eltern die letzten Ansprechpartner für die Jugendlichen. Schließlich ist ihre Sexualität ein Teil des Autonomwerdens vom Elternhaus." Lehrer und Berater sind daher am Zug. Aigner plädiert für eine "Bauchladen-Sexualpädagogik". Wenn es um heiklere Themen wie das erste Mal oder sexuelle Orientierung geht, sollten Lehrer verstärkt auf Literatur und Filme zurückgreifen. "Wir müssen weg von den normativen Ansätzen, die Jugendlichen aufdrängen, was richtig und falsch ist." Anstelle einer Liste von "Dos und Don'ts" sollten Lösungsmodelle angeboten werden, die zur eigenen Entscheidung motivieren. "Wenn man selbst wählt, dann bleibt auch was hängen", glaubt Aigner. Ganz im Gegensatz zur Frontalsexualkunde, die den Schulunterricht immer noch dominiert.

Let's talk about sex. Angehende Biologielehrer werden zwar fachlich ausgebildet, doch nach der Lehrveranstaltung "Sexualpädagogik" sucht man vergeblich in ihren Prüfungspässen. Kichernden Schülern und hochroten Lehrern bliebe so mancher peinliche Moment erspart, wenn sie sich Sexperten in die Schule holen würden. Ein erfolgreiches Modell hat Brigitte Cizek vom Österreichischen Institut für Familienforschung entwickelt. Seit 1996 gastieren die "Love Talks" jährlich an etwa achtzig österreichischen Schulen. "Je nach Alter und Schultyp holen wir die Schüler dort ab, wo sie sind", so Cizek. "Gleichzeitig vermitteln wir, dass Sexualität viel mit Respekt für die Intimsphäre zu tun hat."

Mit ihren Projekten will sie Schülern, Eltern und Lehrern die Scheu nehmen, über Sexualität zu kommunizieren. Als gleichgestellte "Partner in der Sexualität" werden die drei Gruppen aufgefordert, gemeinsam ein Projekt zu entwickeln. Unter der Anleitung von Moderatoren schlagen die Schüler Themen wie "Grenzen setzen", "In andere Rollen schlüpfen" oder "Verhütung" vor. Die Umsetzung der Projekte - dazu gehören auch Exkursionen in die Frauenarztpraxis oder zur Familienberatungsstelle - ist fächerübergreifend: Die Kochlehrerin kreiert erotische Gerichte und mithilfe des EDV-Lehrers wird ein Computer-Sextest entworfen, bei dem die Love Talker ihr eigenes Wissen abfragen können.

"Love Talks" haben auch weitere positive Nebenerscheinungen: Eltern finden plötzlich wieder Zugang zu ihren pubertierenden Rabauken. Wiederholt kontaktierten Schüler aus den "Love Talks" - Runden Brigitte Cizek und trauten sich erstmals, Hilfe von Beratungsstellen in Anspruch zu nehmen, bei Partnerschaftsproblemen ebenso wie bei sexuellem Missbrauch.

"Eine ganz böse, dumme Sache". Als im letzten September die Aufklärungsbroschüre "Love, Sex und so" vom Sozialministerium veröffentlicht wurde, meldete sich prompt Erzdiözesanbischof Kurt Krenn empört zu Wort. Es herrschte Tumult um das Skandalheftchen, das laut Elternverband der höheren und mittleren Schulen zu "zügellosem Sexualleben" einlädt. Die Befürworter der Broschüre sind irritiert, dass sich in den letzten 15 Jahren seit der Schlacht um den berühmt-berüchtigten Sexkoffer nichts geändert hat.

"Was mich wirklich geärgert hat, war der Vorwurf, die Broschüre vermittle keine Werte", so Cizek, eine der Autorinnen. Die Angst vieler Eltern, dass gut aufgeklärte Kinder einfach alles ausprobieren, ist unbegründet: Jugendliche, die gut über Sexualität Bescheid wissen, werden später sexuell aktiv als ihre schlecht informierten Altersgenossen.

Dies zeigt etwa ein Blick in die Niederlande, wo die Sexualerziehung schon im Kindergarten beginnt. Junge Niederländer haben später Sex als andere Europäer, und das Land verzeichnet nur halb so viele Teenager-Schwangerschaften wie Österreich. Nirgendwo sonst wird so viel in die Sexualpädagogikforschung investiert, um herauszufinden, wann, wie und worüber kommuniziert werden soll. Das lässt die hiesigen Sexologen vor Neid erblassen. Ein Institut für Sexualwissenschaft in Österreich wäre vielleicht keine schlechte Idee.

Julia Harlfinger ist Zoologin und Teilnehmerin des Universitätslehrgangs für Wissenschaftskommunikation (www.scimedia.at).

Love, Sex und so: Download der Aufklärungsbroschüre unter: www.bmsg.gv.at/bmsg/ relaunch/jugend/welcome.htm

Lehrgang am Institut für Erziehungswissenschaften, Universität Innsbruck: info.uibk.ac.at/c/c6/c603/Studi um_Lehre/Wahlfachstudium/Se xualwissenschaft/sexualwissen schaft.html

Infobroschüre Love Talks, Österreichisches Institut für Familienforschung: www.oif.ac.at/aktu ell/lovetalks_flyer_2002.pdf

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