Auffrisierte Spermien

Monika Chabicovsky | aus HEUREKA 6/02 vom 11.12.2002

Es geht längst schon ohne. Die Reproduktionsmedizin ermöglicht Fortpflanzung ohne Sex. Es geht aber längst noch nicht alles, jedenfalls nicht überall und schon gar nicht in Österreich. Über heimische Gesetze, den boomenden Fortpflanzungstourismus und die Zukunft des Kinderkriegens.

Ein Zukunftsmarkt. Das erste österreichische Baby aus der Retorte kam 1982 zur Welt. Heute ist es Automechaniker. Was vor mehr als zwanzig Jahren als sensationeller Durchbruch gefeiert wurde - schließlich war nach mehr als 100.000-jähriger Entwicklung des Homo sapiens Sex erstmals keine Bedingung mehr für Reproduktion -, ist heute längst Routine. Bereits eine Million Menschen weltweit verdanken ihre Existenz der Kunstfertigkeit von Medizinern und Biologen. Und: Fortpflanzungsmedizin ist zum Wirtschaftsfaktor geworden.

Das Geschäft mit der in vitro (also: im Glas) durchgeführten Zeugung (In-vitro-Fertilisation) boomt - auch in Österreich. In allen österreichischen Bundesländern verteilt sind mittlerweile 25 In-vitro-Fertilisations-Zentren eingerichtet. Sowohl als private Zentren wie auch als klinische Institute stehen sie 30.000 Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch zur Verfügung. Der Wegzur Erfüllung dieses Wunsches ist allerdings steinig. An dessen Beginn steht zumindest in Österreich die Hochzeit. Denn nur verheirateten Paaren wird die Gunst gewährt, ihren Nachwuchs im Labor zeugen zu lassen.

Selten gelingt schon der erste Versuch. Jeder Misserfolg und jeder neue Anlauf ist mit körperlichen und psychischen Schmerzen verbunden - einmal ganz abgesehen von den Kosten: Rund 1400 Euro kostet ein Versuchsdurchgang, Medikamente noch nicht eingerechnet. Seit drei Jahren wird in Fällen, die Erfolg versprechen - die Frau muss unter vierzig sein, der Mann unter fünfzig, beide sollten nicht dickleibig sein -, ein Teil der Kosten vom Staat finanziert. Der eingerichtete IVF-Fond, der jeweils zur Hälfte vom Familienlastenausgleichsfonds und der Sozialversicherung gefüllt wird, übernimmt siebzig Prozent der Kosten für die ersten vier Versuche. Aber häufig braucht es mehr als vier Anläufe. Seit der Gründung des IVF-Fonds ist die Nachfrage deutlich gestiegen. Ungefähr jedes achtzigste Kind wird heute bereits in vitro gezeugt.

Befruchtung im Glas. Verliert Sex als Funktion der Fortpflanzung seine Bedeutung? Bei der In-vitro-Befruchtung werden Ei- und Samenzelle außerhalb des weiblichen Körpers zusammengeführt. Die ursprünglichen Vorbedingungen für die Zeugung eines Kindes werden in diesem Schritt von Mann und Frau auf Ei- und Samenzelle reduziert, ein Laborgefäß ersetzt den Eileiter.

Kann ein Spermium nicht aus eigener Kraft in die Eizelle eindringen, wird es mit einer Spritze direkt injiziert (Intracytoplasmatische Spermien-Injektion, kurz ICSI). Außerdem können Spermien zur Förderung der anschließenden Zellteilung vor dem Eindringen in die Eizelle chemisch "auffrisiert" werden. Auch beim Schlüpfen des Embryos aus der Eihülle, also vor der Einnistung in die Gebärmutter, assistiert der Arzt im Bedarfsfall und ritzt die Eihülle an. Die befruchtete Eizelle wird dann häufig noch im Brutschrank bis zum Blastozystenstadium großgezogen, bevor sie in die Gebärmutterhöhle eingespült wird - was die Erfolgsquote der IVF deutlich erhöht.

Damit sind die Eingriffsmöglichkeiten der österreichischen Geburtshelfer schon voll ausgeschöpft. Eizellspende, Präimplantationsdiagnostik (PID, siehe Kasten unten) und Leihmutterschaft sind gesetzlich untersagt. Geschlechtszellen und überzählige Embryonen dürfen in Österreich nur ein Jahr aufbewahrt werden. Danach müssen die tiefgefrorenen Ei- und Samenzellen ohne Ausnahme vernichtet werden. In Europa haben nur noch Deutschland, die Schweiz und Schweden ein ähnlich restriktives Gesetz.

Fortpflanzungstourismus. Zahlreiche IVF-Experten sehen sich in ihrem Schaffen behindert. Für Frauen, die keine funktionsfähigen Eizellen besitzen, bietet die österreichische Gesetzeslage keinen Ausweg. Betroffene und Spezialisten wollen sich mit dem Verbot der Eizellspende nicht abfinden. Die Lösung heißt natürlich nicht Sex-, sondern Fortpflanzungstourismus. Jedes Jahr begeben sich österreichische Paare zum Kinderzeugen ins Ausland - vorbei an österreichischen Gesetzen, unterstützt von hiesigen Ärzten, angetrieben von der Sehnsucht nach eigenem Nachwuchs. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ist diese besondere Art des Tourismus entstanden. Nach konservativen Schätzungen treten jährlich Dutzende Paare diese Reproreise an, möglicherweise sind es aber auch Hunderte.

Neben beliebten Destinationen wie Großbritannien, Belgien und Spanien gelten Kliniken in Osteuropa als Geheimtipp im expandierenden Fortpflanzungstourismus. Internationale Qualitätszertifikate bestätigen den hohen medizinischen Standard. Südafrikanische Kliniken werben mit besonders niedrigen Preisen für Eizellspenden.

Häufiger wird mit "fruchtbaren Kooperationen" geworben. Auf der Homepage eines österreichischen Instituts für Reproduktionsmedizin ist eine "Außenstelle" im liberaleren Italien angeführt - die wissenschaftliche Leitung beider Institute unterliegt der selben Person. Und in der Einleitung der Homepage einer IVF-Klinik in Kapstadt ist zu lesen: "Wir sind gerade dabei, zusammen mit einem Embryologen in Köln eine ,Deutsche IVF-Klinik' aufzubauen, wo wir außer der Behandlung auch billige Unterkunft in Kliniknähe anbieten." Fast alle Internetseiten geben auch in deutscher Sprache Auskunft über die angebotenen Leistungen. Und in den Kliniken selbst sind Dolmetscher meist überflüssig. Man hat sich auf deutschsprachige Gäste eingestellt, heißt es.

In welcher Weise diese "Reisetipps" von österreichischen Ärzten offiziell weitergegeben werden dürfen, ist fraglich, Telefon oder Webadressen sind jedenfalls eine große Hilfe: In Internetplattformen korrespondieren Betroffene über neue Therapien und ausländische Kliniken und geben Behandlungspreise und Erfolgsstatistiken weiter.

Eizellen am Markt. Im Internet hat sich auch eine neue Branche eingenistet: der Handel mit Ei- und Samenzellen. Firmen vermitteln die "ideale" Version von Geschlechtszellen an Paare, die ansonsten kinderlos blieben. Über das Internet sind die Spenderprofile abrufbar. Körperliche Merkmale der Spenderin sind aus dieser Beschreibung ebenso zu erfahren wie die bisherige Karriere oder ihre Lieblingsfilme. 3000 und 6000 Euro ist die offizielle Preisspanne für eine Eizellspende zum Beispiel in Italien.

Ein Blick in die USA zeigt, was liberale Gesetze möglich machen: Für die "besten" Eizellen werden am freien Markt bis zu 50.000 US-Dollar erzielt - an Vermittlungsgebühr wohlgemerkt. Die Spenderin erhält davon nur einen Bruchteil. Für solche Summen erhoffen sich die Eltern natürlich auch Schönheit und Intelligenz für ihr Wunschbaby. Samenzellen von Nobelpreisträgern und Eizellen von attraktiven Frauen liegen hoch im Kurs. Dass tatsächlich so manche Spenderin ihre Eizellen verkauft, um mit den 500 bis 600 Dollar pro Spende ihre Ausbildung zu finanzieren oder für ein eigenes Heim zu sparen, wird geflissentlich verschwiegen.

Alles ist freilich selbst im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht erlaubt. Das Klonen menschlicher Embryonen ist in den USA wie in den meisten anderen Ländern verboten. Leider - wie sich jetzt zeigt - gilt das Verbot noch nicht weltweit. Der italienische Reproduktionsmediziner Severino Antinori, der vor wenigen Jahren Schlagzeilen machte, als er einer 67-jährigen Frau zu Nachwuchs verhalf, kündigte am 26. November in einer Pressekonferenz die Geburt des ersten geklonten Menschen für den Jänner 2003 an. Seine Brutstätte hält er freilich noch geheim.

Fortpflanzung morgen. Neben selbst ernannten Klonern gibt es auch selbst ernannte Visionäre. Der britische Evolutionsbiologe Robin Baker verdient sich als Sachbuchautor mit provokanten Thesen zur Reproduktionsmedizin der Zukunft eine goldene Nase. Anything goes? Im "heureka"-Interview gibt sich Baker überzeugt, "dass die Leute mit der Zeit draufkommen, dass die Vorteile jene Risiken aufwiegen, vor denen Fortschrittsgegner heute noch warnen. Die ethischen Einwände werden zunehmend trivial erscheinen." Wie die IVF in den letzten zwei Jahrzehnten von einer umstrittenen Technik zum alltäglichen Fortpflanzungsgeschäft geworden ist, hegt Baker auch keine Zweifel, dass das Klonen zu Reproduktionszwecken handelsüblich werden wird. Bleibt zu hoffen, dass sich diese Ansagen als bloßer Marketingtrick erweisen.

Monika Chabicovsky ist Toxikologin und Teilnehmerin des Universitätslehrgangs für Wissenschaftskommunikation (www.scimedia.at).

Martin Spiewak: Wie weit gehen wir für ein Kind? Im Labyrinth der Fortpflanzungsmedizin. Frankfurt a.M. (Eichborn). 256 S., e 23,60

Markus Hengstschläger: Das ungeborene menschliche Leben und die moderne Biomedizin - Was kann man, was darf man? Wien 2001 (Maudrich). 184 S., e 23,90

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