Genetische Inspektion

aus HEUREKA 6/02 vom 11.12.2002

Gesetzliche Beschränkung. "Wenn Sie die Wahl haben, ein gesundes oder ein krankes Kind zu bekommen, wofür würden Sie sich entscheiden?" Das ist die Lieblingsfrage der Befürworter der so genannten Präimplantationsdiagnostik (PID), die in Österreich gesetzlich verboten ist. Mit anderen Worten: Künstlich in der Petrischale erzeugte Embryonen dürfen vor der Übertragung bzw. Implantation in die Gebärmutter nicht "genetisch inspiziert" werden. Nur Deutschland und die Schweiz haben in Europa ähnlich restriktive Regelungen wie Österreich.

"Man hat uns die Augen verbunden", klagt deshalb Wilhelm Feichtinger, der "medizinische" Vater des ersten österreichischen Retortenbabys und Vorstand des Wiener Wunschbabyzentrums. "Die Eltern zahlen, und wir können ihnen nicht einmal versprechen, dass ihr Wunschbaby gesund sein wird." Bei einer 40-jährigen Frau haben bereits dreißig bis sechzig Prozent aller natürlich oder in vitro (im Glas) gezeugten Embryonen Chromosomenschäden.

Präimplantationsdiagnostik ist in den Augen der meisten Reproduktionsmediziner also nichts Schlechtes. "Die Diagnose wird durch PID nur vorgeschoben", meint Stefan Szalay, Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin. Und sein Kollege Feichtinger weist in dem Zusammenhang auf einen besonderen Widerspruch in der österreichischen Gesetzeslage hin: "Vorher überprüfen darf man nicht, aber dafür bis kurz vor dem ersten Atemzug abtreiben, das darf man in Österreich."

Frauen, die per In-vitro-Fertilisation (IVF) schwanger werden und wegen befürchteter Chromosomenschäden auf Nummer sicher gehen wollen, müssen also ins weniger restriktive Ausland fahren. Zum Beispiel nach Belgien oder Italien, den diesbezüglich beliebtesten Reisezielen in Europa.

Geschlecht nach Wunsch. Mit PID können aber nicht nur genetisch bedingte Krankheiten festgestellt werden. Auch das Geschlecht eines zukünftigen Kindes lässt sich auf diesem Weg vorherbestimmen. Für rund 6000 Euro sorgen Reproduktionsmediziner in Brüssel dafür, dass das Wunschkind ein Mädchen oder Bub wird - so wie es die Eltern eben wollen. Vom Geschlecht des Sprösslings ist es dann aber auch nicht mehr allzu weit bis zum Wunschbaby von der Stange. Der provokante britische Evolutionsbiologe Robin Baker sieht auch darin nichts Böses: "Die Bevorzugung von bestimmten Haar-, Haut- oder Augenfarben halte ich für völlig harmlos, solange sich die Eltern das selbst wünschen können und es ihnen nicht diktiert wird."

Was halten die österreichischen Reproduktionsmediziner von solchen Möglichkeiten? Hat konkret die Vorherbestimmung des Geschlechts per PID noch etwas mit Gesundheit zu tun? "Nein", sagt Feichtinger, "aber mit der Kultur. In Indien oder China werden Millionen Mädchen während der Schwangerschaft oder nach der Geburt getötet. Im Judentum ist eine Geschlechtsbestimmung sogar erwünscht." Auch sein Kollege Szalay spricht auf diese Fragen entrüstet die Situation in diesen Kulturen an.

Auf die Nachfrage, was das mit Österreich zu tun habe, wo Embryonen aufgrund ihres Geschlechts doch nicht abgetrieben werden, folgt eine erstaunlich uneindeutige Antwort des Experten: "Na, ich glaube nicht. Aber was weiß man? In unserer Klinik machen wir es jedenfalls nicht. Und außerdem", wird man belehrt, "hat das Geschlecht sehr wohl auch etwas mit Krankheit zu tun. Es gibt ja auch Krankheiten, die sich nur bei Männern ausprägen."

Zehn Fälle jährlich. Markus Hengstschläger, naturwissenschaftlicher Leiter des genetischen Labors der Abteilung für Pränatale Diagnostik und Therapie an den Wiener Universitätskliniken, steht dieser PID-Euphorie seiner Kollegen eher distanziert gegenüber. Es gebe nur wenige Ausnahmefälle, bei denen PID anstelle von Pränataldiagnostik eingesetzt werden sollte: "Nämlich insbesondere dann, wenn ein sehr hohes Risiko für eine lebensbedrohliche Erbkrankheit vorliegt." In Österreich wären das aber nur zirka zehn Fälle pro Jahr. Trotzdem soll PID in Österreich seiner Meinung nach verboten bleiben. In solchen begründeten Ausnahmefällen könnte einfach eine temporäre Kommission eingesetzt werden, die Straffreiheit erwirkt. M. C.

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