Ultraschwanger

Elke Ziegler | aus HEUREKA 6/02 vom 11.12.2002

Am Anfang stand auch einmal die Vision, durch die künstliche Befruchtung die Abhängigkeit der Frau vom Mann zu beenden. So wie Reproduktionsmedizin derzeit praktiziert wird, gaukelt sie Freiheiten jedoch nur vor.

"Die Eizelle wurde als Dornröschen beschrieben, das schlafend auf den Eroberer in Form eines Spermiums wartet", erinnert sich die Wiener Biologin Sabine Hammer an die Version der menschlichen Befruchtung, die während ihrer Studienzeit um 1980 in den Lehrbüchern stand. "Dass die Eizelle an ihrer Oberfläche so genannte Microvilli produziert und damit die Samenzelle aktiv anzieht, ist zwar schon 1895 entdeckt worden, wurde aber für wissenschaftlich irrelevant befunden und nicht weiterverfolgt."

Von Feminismus hat Sabine Hammer an der Uni nichts gehört. Den entedckte sie durch ihr politisches Engagement in den Achtzigerjahren. Die Debatten um Gentechnik, Embryonenforschung und schließlich die Reproduktionsmedizin prägten ihr Selbstverständnis als Forscherin in der von Männern dominierten Welt des Labors. Die heute am Institut für medizinische Biologie tätige Forscherin beschloss, sich auf die Erforschung des Bestehenden zu konzentrieren, anstatt dem technisch Machbaren nachzujagen.

Auch Britta Cacioppo hat zwei Jahrzehnte als Biologin hinter sich, überwiegend in der immunologischen und klinischen Forschung eines Pharmaunternehmens. Vor ein paar Jahren hat sie der Laborarbeit den Rücken gekehrt und wurde Journalistin bei "AUF - eine Frauenzeitschrift". Ihre wichtigsten Themen sind Biotechnologie und Reproduktionsmedizin. Sie zeigt, wie schwangere Frauen die Verfügungsmacht über ihren Körper an Ärzte und Technik verlieren. "Die Frau braucht medizinische Untersuchungen, um zu wissen, wie es ihr geht", folgert Cacioppo zynisch.

"Es gibt einen Untersuchungsplan, den schwangere Frauen automatisch durchlaufen", berichtet Doris Petz vom Frauengesundheitszentrum in Graz. "Die meisten haben nie darüber nachgedacht, was sie mit den Ergebnissen anfangen sollen. Was nützt einer Frau das Wissen um eine mögliche Behinderung des Kindes, wenn sie für sich eine Abtreibung sowieso ausschließt?" In die gleiche Kerbe schlägt Judith Binder vom Frauengesundheitszentrum Trotula in Wien mit dem Verweis auf die in der sechsten bis achten Schwangerschaftswoche übliche Ultraschalluntersuchung: "Bei einer normalen Schwangerschaft bringt das nichts außer einer Bestätigung dessen, was die Frau sowieso weiß, nämlich dass sie schwanger ist."

Die Ärzte verschweigen in aller Regel, dass nicht alle im Mutter-Kind-Pass vorgesehenen Untersuchungen verbindlich sind, so Judith Binder. "Das passiert aus einem Absicherungsreflex der Ärzte heraus. Viele fürchten, rechtlich belangt zu werden, wenn Frauen auf eine Untersuchung verzichten und ein behindertes Kind gebären." In ihrer Beratung will Binder die Frauen daher in die Lage versetzen, möglichst eigenständige Entscheidungen treffen zu können.

Freiheit zur Entscheidung - gibt es die wirklich? Die Hamburger Politologin Ingrid Schneider meldet Zweifel an: "Die Reproduktionsmedizin wird benutzt, um erwünschte von unerwünschten Kindern zu unterscheiden. Die Entscheidung, ob sie ein wahrscheinlich behindertes Kind austragen will, wird der Frau zugeschoben." Mit der Fruchtwasseruntersuchung wird im Wesentlichen nur ermittelt, ob der Embryo Trisomie hat, also mit dem Downsyndrom zu rechnen ist. Erheblich weiter gehen die Versprechen der Präimplantationsdiagnostik, wo eine im Reagenzglas befruchtete Eizelle auf verschiedene genetische Merkmale untersucht werden kann, bevor sie der Frau eingepflanzt wird.

An den Anfängen der Reproduktionsmedizin stand auch einmal die Vision, durch die künstliche Befruchtung die Abhängigkeit der Frau vom Mann zu beenden. Davon, findet Britta Cacioppo, kann in Österreich keine Rede sein: "Hier dürfen sich nur verheiratete Paare zur künstlichen Befruchtung anmelden." Dass also die Ermöglichung einer biologischen Verwandtschaft mit beiden Elternteilen im Vordergrund steht, geht der Wiener Feministin gegen den Strich. "Was zu kurz kommt, sind die sozialen Komponenten von Familienzugehörigkeit wie Zuwendung und Wärme."

Elke Ziegler ist Politologin und Teilnehmerin des Universitätslehrgangs für Wissenschaftskommunikation.

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