An den Mann gebracht

aus HEUREKA 6/02 vom 11.12.2002

Interview: Monika Chabicovsky und Stefan Löffler

Mannsbilder haben es heute schwer: Muskulös sollten sie sein, fit und brünstig wie ein junger Stier, und das alles bis ins hohe Alter. So verlangt es der Zeitgeist. Testosteron, notfalls synthetisch zugesetzt, kann ja alles richten - oder doch nicht? "heureka" hat das hoch gelobte Wunderhormon einfach selbst befragt.

heureka: Männermagazinen und Fitness-Zeitschriften ist zu entnehmen, dass Sie Wunder wirken.

Testosteron: Das stimmt. Man sagt von mir, dass ich das Zaubermittel sei, das schlaffe Männer wieder scharf macht. Legionen von Ärzten und die Pharmaindustrie fahren voll auf mich ab. Dank mir klingeln die Kassen.

Sind Sie etwa käuflich?

Und ob. Mich gibt es mittlerweile als Tablette, Implantat, Pflaster, konzentriert in Ampullen und in den USA nun auch als Gel.

Man schmiert also Männlichkeit auf wie Sonnencreme?

Wenn Sie so wollen. In den USA brummt jedenfalls das Geschäft. Meine Umsätze wachsen jährlich um satte dreißig Prozent. Zu meinen besten Abnehmern zählen Kliniken, die Anti-Aging anbieten. Wer auch immer die "Andropause" erfunden hat, verdient einen Orden.

Ist das etwa das männliche Pendant zur Menopause?

Genau. Schon ab dem dreißigsten Lebensjahr bildet der Körper weniger Hormone. Bis der geänderte Hormonhaushalt seine Auswirkung zeigt, vergehen aber noch einige Jährchen. Zwischen dem fünfzigsten und sechzigsten Lebensjahr, also ein paar Jahre später als bei der Frau, ist es bei den meisten Männern so weit. Das Fett sammelt sich um die Hüften, die Lebensfreude nimmt ab, auch die Libido leidet. Wie Sie sich vorstellen können, hilft das ungemein, mich an den Mann zu bringen.

Pausiert in der Andropause die Männlichkeit?

Na ja, das ist ein wenig geflunkert. Einige Mediziner mögen den Begriff auch nicht. Stattdessen war schon von "Penopause" zu lesen, einige reden lieber von "männlichem Klimakterium", andere von "Pedam", das steht für "partielles endokrines Defizit des alternden Mannes". Aber, seien wir ehrlich: Wer außer ein paar oberschlauen Ärzten kann sich so einen Begriff merken?

Es stimmt aber schon, dass Sie den Mann zum Mann machen?

Richtig, ohne mich gäbe es weder Pubertät noch Fortpflanzung. Ich bin nicht das einzige, aber das wichtigste männliche Sexualhormon. Da ich vom Körper nur schlecht gespeichert werde, muss ich immer wieder neu produziert werden - und zwar durch Umwandlung von Cholesterin in den Hoden. Bis in die Zwanzigerjahre vermutete man dort eine Art Pubertätsdrüse. Man ging davon aus, dass sie den Prozess des Alterns steuert, indem sie sich langsam entleert, und dass sich der männliche Organismus verjüngen würde, wenn man die Entleerung verhindern könnte. Die Hoffnungen Anti-Aging schon vor achtzig Jahren einzuführen, zerschlugen sich natürlich.

Erklären Sie doch mal, wie Sie wirklich funktionieren!

Zunächst werde ich von einem bestimmten Molekül Huckepack aufgeladen und über den Blutkreislauf im ganzen Körper verteilt: an die Muskeln, die Haut, die Haare, zum Kehlkopf, zum Genitalapparat, im Hoden zur Spermienproduktion, sogar zum Knochenmark und zum Skelett.

Sie haben ja mächtig viel zu tun.

Da können Sie mal sehen, was die Rezeptoren leisten müssen, damit ich in jedem Organ anders wirken kann.

Tja, was wäre man ohne Sie ...

Jetzt übertreiben Sie aber. Im weiblichen Körper bin ich nur in zehnfach niedrigerer Konzentration vorhanden, und trotzdem geht es den Frauen nicht so schlecht. Immerhin sterben sie im Durchschnitt ein paar Jährchen später.

Frauen haben doch keine Hoden. Wo kriegen die ihr Testosteron her?

Sie bilden mich in den Eierstöcken und der Nebenniere. Ich habe vorhin nicht erwähnt, dass auch Männer einen Teil ihres Testosterons aus den Nebennieren holen, aber das spielt fast keine Rolle, eher schon, dass mich das Enzym Aromatase zu Östradiol und Östron umwandelt, also zu eigentlich weiblichen Hormonen ...

Sie schweifen ab. Was stellen Sie mit der Frau an?

Da bin ich für Knochenwachstum, Muskelbildung und Eiweißaufbau zuständig. Die Nummer eins unter den weiblichen Hormonen bleibt natürlich das Östrogen. Es gibt Frauen, die trotz normaler Östrogenwerte lange vor der Menopause ständig schlapp sind und keine Lust auf Sex mehr haben. Einigen Ärzten fällt keine bessere Diagnose ein als "weiblicher Androgenmangel", aber das ist noch so gut wie gar nicht erforscht. In synthetischer Form komme ich bei Frauen schon öfter zum Zug, um Behandlungen gegen Brustkrebs zu unterstützen.

Unsere Achtung steigt unaufhörlich. Haben Sie denn keine Schwächen oder, wie es medizinisch heißt, Nebenwirkungen?

Ach, allerhand. Wie bei vielen anderen Substanzen entscheidet die Menge. Wer zu viel von mir erwischt, kann Akne kriegen oder eine Glatze, Thrombose oder einen Leberschaden. Früher wurde ich von vielen Spitzensportlern und Sportärzten zur Muskelbildung regelrecht missbraucht.

Klingt nach Doping.

Sie sagen es. Athletinnen mit tiefer Stimme und Bartwuchs sind nicht jedermanns Sache. Auch Bodybuilder haben mich löffelweise verdrückt. 1984 hat das Internationale Olympische Komitee meine synthetischen Formen auf die Liste verbotener Substanzen gesetzt. Eine andere Wirkung von mir ist Aggressivität. Man ging sogar so weit, mich für alle möglichen männlichen Fehler wie übermäßige Aggressivität verantwortlich zu machen.

Okay, zu viel ist nicht gut, aber zu wenig taugt auch nicht. Was ist davon zu halten, dass man Testosteron zusetzt, sobald der Körper zu wenig davon bildet?

Das Wissen über Hormonwirkungen beruht vor allem auf Untersuchungen an jungen Männern. Im Frühjahr kam eine kalifornische Studie heraus, derzufolge ältere Männer bei Tests zu Konzentration, Sprache und Gedächtnis besser abschnitten, je höher ihr natürlicher Testosteronspiegel lag. In einer anderen Studie haben Männer über 65 nach Hormontherapien Muskelmasse zugelegt, aber nicht an Kraft gewonnen. Das sind Einzelbefunde. Es fehlt schlicht und ergreifend noch an verlässlichen klinischen Studien zu Hormontherapien.

Gibt es Hinweise auf Nebenwirkungen?

Schon als körpereigenes Hormon löse ich ja oft Prostatakrebs aus. Für potenzielle Krebszellen, die eine Veränderung im Erbgut tragen, erhöht zugesetztes Testosteron die Chance, dass sie loslegen, also durch Zellteilung mit der Tumorbildung beginnen.

Unangenehm.

Mittlerweile haben viele Ärzte auch andere Hormone entdeckt und setzen nicht mehr einseitig auf mich. Es besteht halt noch Forschungsbedarf.

Jetzt reden Sie wie ein Wissenschaftler. Wenigstens zu Sex können Sie alternden Männern schon verhelfen?

Leider ein Mythos. Erektionsstörungen werden viel öfter durch Gefäßverengungen, Diabetes oder Nebenwirkungen von Medikamenten oder Operationen verursacht als durch Hormonmangel. Es gilt sogar umgekehrt: Zu viel von mir kann zumindest vorübergehend zu Impotenz führen.

"Andropause - Männer als Verdränger?" Unter www.falter.at/heureka finden Sie ein Interview mit der Wiener Sozialwissenschaftlerin Edith Schlaffer.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige