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Daniel Kehlmann | aus HEUREKA 6/02 vom 11.12.2002

Am Tag seines Besuchs bei Voltaire machte Giacomo Casanova die Bekanntschaft einer neuen, angeblich zur Perfektion entwickelten Erfindung: ein Beutel aus feinem Seidengewebe, welcher sowohl unerwünschte Fortpflanzung als auch Ansteckung verhindern sollte. Casanova war skeptisch, erprobte das neue Produkt jedoch mit seiner üblichen Neugier und immerhin drei Genferinnen, die ihm als willige Forschungsassistentinnen zu Diensten waren. Den Besuch bei Voltaire verarbeitete er später zu einer meisterhaften Skizze, von der seidenen Erfindung jedoch ist bis zum Ende seiner Lebensgeschichte nicht mehr die Rede. Nicht dass dies überraschend wäre: Casanova erlebte seine Abenteuer normalerweise mit bezahlten Partnerinnen - er war vieles, aber wirklich kein Verführer. Für den mehrfach durch Quecksilberbehandlungen gegangenen und nach Gefahr süchtigen Syphilitiker selbst waren Geschlechtskrankheiten etwas zu Selbstverständliches, eben die gott- und naturgegebene Folge des Vergnügens. Und seinen Frauen war klar, dass sie bei möglichen Folgen mit keiner Hilfe zu rechnen hatten.

Casanova, der sich zwar als Wissenschaftler versucht und doch das Milieu der Alchemie und der Cagliostro'schen Hochstapelei nie ganz verlassen hatte, würde die Pille wohl nicht interessieren, Latexkondome (diese perfekten und immer leicht erschreckenden Nachfahren seines fein gewebten Seidenbeutels) wären ihm ein Gräuel. Der sexuelle Freibeuter würde wohl freimütig Norman Mailer zustimmen, der in einem denkwürdigen Gespräch mit Madonna die Aidsprävention als den Tod des Abenteuers und der wahren, stets an Gefahr geknüpften Romantik bezeichnete. Mailer und Casanova hätten mit alldem, irgendwie, ja auch Recht. Und doch ... müssen wir die Gegenargumente natürlich gar nicht aufzählen. Jedem Nachteil, den die Eingriffe der Wissenschaft ins Sexualleben gebracht haben mögen, steht eine Unzahl an Vorteilen gegenüber, allen voran, selbstverständlich, die Befreiung der Frauen durch die Empfängnisverhütung - eine Emanzipation, die Casanova vermutlich gar nicht recht gewesen wäre.

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