Bestiarium der Evolutionsbiologie

Benedikt Föger | aus HEUREKA 6/02 vom 11.12.2002

Im Laufe der Evolution haben Tiere die absonderlichsten Sexualpraktiken entwickelt, die menschliche Kopulationsfantasien blass aussehen lassen. Weil aber die animalische Sexualität mindestens ebenso kompliziert ist wie die unsrige, spendet eine gewisse Dr. Tatiana Hilfe suchenden Tieren seit kurzem Trost und Rat.

Tierische Seitensprünge. Stacheln am Penis, Haken in der Vulva, tagelange Kopulationen und explodierende Genitalien. Die Strategien, mit denen Tiere ihren Fortpflanzungserfolg erhöhen, sind vielfältig. Zentrale Herausforderung dabei ist, wie sichergestellt werden kann, dass die richtigen Eier mit den richtigen Spermien befruchtet werden - was bei vielen Tierarten unter anderem auch zu ausschweifender Promiskuität führt. Dabei gilt, dass vielfach auch die Weibchen mit vielen verschiedenen Männchen kopulieren - nicht nur durch Fernsehserien wie "Sex and the City", sondern auch durch neue zoologische Erkenntnisse ist der Mythos vom vielweibernden Männchen und vom treuen Weibchen infrage gestellt.

Seit genetische Analysen genaue Aussagen über Vaterschaften zulassen, entdecken Wissenschaftler fast täglich neue Tierarten, bei denen die Weibchen offensiv "Gen-Shopping" betreiben. So haben weibliche Kaninchen und Präriehunde viel höhere Empfängnisraten, wenn sie mit mehreren Partnern Sex haben. Ein Sandechsenweibchen brütet umso mehr Eier aus, je mehr Liebhaber sie hatte. Und bei vielen Fischweibchen ist Gruppensex die beste Methode, um möglichst viele Nachkommen zu haben.

Vögeln bei Fischen. Dabei ist anzumerken, dass bei den meisten Fischarten gleich ganz auf Haut- bzw. Schuppenkontakt verzichtet wird, denn die Befruchtung findet außerhalb des Körpers statt. Um es drastisch zu formulieren: Das Männchen masturbiert - wenn auch ohne Hände oder Flossen - einfach auf die Eier. Die Weibchen vieler Insekten- und Spinnenarten wiederum verfügen über so genannte Spermatheken - kleine Speicherorgane, in denen sie das Sperma verschiedener Männchen bunkern und je nach Bedarf zum Befruchtungseinsatz bringen.

Für die Männchen der jeweiligen Art bedeuten diese Strategien umgekehrt erhöhte Konkurrenz durch ihre Rivalen, weshalb sie die erstaunlichsten Vorkehrungen entwickelt haben, um die Rivalen auszutricksen. Ihre Penisse ähneln nicht selten mittelalterlichen Folterinstrumenten, sind mit Stacheln oder Bürsten bewehrt, spiralförmig gewunden oder - im Verhältnis zum restlichen Körper - riesengroß. Sie dienen nämlich nicht nur dazu, Sperma abzuliefern, sondern auch dazu, fremdes Sperma zu entfernen und unschädlich zu machen. Das führt so weit, dass manche Männchen Teile ihres Geschlechtsapparates im Weibchen zurücklassen, um deren Genitaltrakt zu versiegeln.

Briefkastentante Tatiana. Kein Wunder, dass die Tiere bei so absonderlichen Sexualpraktiken auch hin und wieder Probleme haben. Seit einiger Zeit können sie sich damit vertrauensvoll an eine gewisse Dr. Tatiana wenden, die sich ihrer Leiden annimmt - und nun auch ein Buch darüber geschrieben hat. In diesem eben erschienenen Ratgeber mit dem Titel "Dr. Tatianas Sex Advice to All Creation" erkundigte sich etwa eine Gottesanbeterin bei der "Sexpertin", ob es wohl normal sei, dass sie den Sex mehr genieße, wenn sie dabei ihrem Partner den Kopf abbeiße. Eine Stabheuschrecke wieder schrieb während einer bereits seit zehn Wochen andauernden Kopulation, wie sehr sie ihr Partner bereits langweilen würde. Und eine Bienenkönigin machte sich Sorgen, weil es die Genitaltrakte ihrer Männer während der Paarung allesamt zerreißt.

Dr. Tatiana alias Olivia Judson löst alle diese Probleme persönlich und diskret. Und dabei gelingt es der Forscherin vom renommierten Imperial College der Oxford University auf gleich kluge wie humorvolle Weise, einer breiten menschlichen Leserschaft en passant die erstaunlichen Erkenntnisse der Evolutionsbiologie näher zu bringen: Immer auf Basis neuester wissenschaftlicher Literatur erläutert Judson nämlich, warum und wie Tiere versuchen, ihren Genen einen möglichst guten Startvorteil zu verschaffen.

Der verunsicherten Gottesanbeterin rät sie etwa, sich keine Sorgen über ihre enthaupteten Liebhaber zu machen, denn ihr Verhalten würde aus evolutionärer Sicht durchaus Sinn machen. Denn solange die Partner die Möglichkeit hätten, ihr Sperma abzuliefern, würde es nur Vorteile bringen, wenn sie ihren eiweißreichen Körper doch auch gleich für die Jungenaufzucht zur Verfügung stellten. Außerdem komme ein Männchen-Kannibalismus bei über achtzig Tierarten vor.

Explosiver Bienensex. Der Stabheuschrecke erklärt sie, dass ihr Mann mit seiner Dauerkopulation doch nur sichergehen möchte, dass die Nachkommen auch wirklich von ihm sind. Selbst der Bienenkönigin kann sie ihre Sorgen mit den explodierenden Partnern nehmen: Schließlich und endlich gebe es doch schlimmere Todesarten, als beim Orgasmus zerrissen zu werden. Außerdem würden die Männchen das ohnehin nur machen, um die königliche Geschlechtsöffnung mit ihren Körperteilen vor Nebenbuhlern zu schützen - die "Bienenversion eines Keuschheitsgürtels", so Dr. Tatiana.

Es überrascht angesichts solcher Extreme nicht, dass es im Tierreich auch häufig zu Vergewaltigungen kommt. An Teichanlagen kann man immer wieder beobachten, wie Stockentenerpel in Gruppen über einzelne Weibchen herfallen und diese dabei fast ertränken. Doch es gibt natürlich auch Formen der weiblichen Vergewaltigung: Bei den Kraken beispielsweise läuft die Kopulation so ab, dass das Männchen dem Weibchen in einem längeren Vorspiel das Samenpaket mit einem Spezial-Tentakel in die so genannte Manteltasche steckt. Das macht er aber nicht nur einmal, sondern über einen Zeitraum von einigen Stunden alle zehn Minuten. Beginnt der Sex-Tentakel nach der überlangen Beanspruchung schlapp zu werden, packt das Krakenweibchen seinen Partner, hält ihn fest und schiebt sich den Tentakel selbst in ihre vorgesehene Öffnung.

Hol's der Geier. Nach so viel animalischem Sex and Crime sei aber auch nicht verschwiegen, dass es im Tierreich auch Beispiele für häusliche Treue und Monogamie gibt. Insbesondere Vögel bleiben sich beim Vögeln treu - zwar nicht bei über neunzig Prozent aller gefiederten Arten, wie man vor zwanzig Jahren noch glaubte, aber doch in etlichen Fällen. So beschwerte sich denn auch ein Geierpärchen bei Dr. Tatiana, dass es das ewige Gerede von der Promiskuität im Tierreich satt habe. Die beiden würden als alte Traditionalisten selbstverständlich nur die lebenslange Treue kennen. Und Sex werde natürlich auch nur in der Privatsphäre des eigenen Nestes praktiziert.

Olivia Judson: Dr. Tatiana's Sex Advice to All Creation. New York 2002 (Metropolitan Books). 308 S., e 25,63

Michael Miersch: Das bizarre Sexualleben der Tiere. Ein populäres Lexikon von Aal bis Zebra. München 2001 (Serie Piper). 416 S., e 10,20

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