Alles Humbug oder was?

Stefan Löffler | aus HEUREKA 1/03 vom 05.03.2003

Sollte sich die Forschung stärker damit befassen, was sich an ihren Rändern abspielt, um alternative Wissensquellen besser zu nützen? Oder ist sie ohnehin schon zu tolerant gegenüber den Grenzwissenschaften? Eine Spurensuche an den Grenzgebieten der Forschung und des Erforschbaren.

Astrologin mit Doktorhut. Vor zwei Jahren veröffentlichte die Fernsehastrologin Elizabeth Teissier einen 900-seitigen Wälzer. Sie beschrieb ihr Metier, prangerte die Unterdrückung der Astrologie durch die Wissenschaft an und zitierte aus Dankesbriefen zufriedener Kunden - unter ihnen auch der frühere französische Staatspräsident François Mitterand. Dass eine prominente Sterndeuterin, deren Fernsehkarriere ihrem Ende zuging, ein derartiges Opus verfasst, wäre nicht weiter der Erwähnung wert - wenn Teissiers Wälzer nicht als Doktorarbeit in Soziologie an der ehrwürdigen Sorbonne angenommen worden wäre.

Prompt brach in Frankreich ein Sturm der Entrüstung los. Soziologen, die die Arbeit lasen, lachten zwar herzlich über die Bewertung Max Webers als "pragmatischem Stier", entdeckten aber keinen wissenschaftlichen Anspruch. Mehr als 400 Fachvertreter unterschrieben eine Forderung, die Promotion zurückzunehmen. Vergeblich. Teissier durfte ihren Titel behalten, den Medienrummel bekam sie als Draufgabe geschenkt. Sie ließ sich mit Doktorhut ablichten und forderte, dass an der Sorbonne ein Lehrstuhl für Astrologie eingerichtet werde.

Der Mehrheit der Europäer dürfte das egal sein. Vor allem auch deshalb, weil die Astrologie vom Durchschnittseuropäer für "wissenschaftlicher" gehalten wird als etwa die Ökonomie oder die Geschichte. In einer Eurobarometer-Umfrage des Jahres 2001, für die 20.000 EU-Bürger befragt wurden, stuften fast 53 Prozent die Astrologie als "ziemlich wissenschaftlich" ein.

Wissenschaftler als Ausgrenzer. War es im 17. Jahrhundert durchaus akzeptabel, wie Johannes Kepler, sowohl Sternenforschung als auch Sternendeutung zu betreiben, können moderne Wissenschaftler Horoskopen nicht nur nichts mehr abgewinnen, sondern hielten es 1976 sogar für nötig, die Bevölkerung vor dem Irrglauben zu warnen: 186 angesehene Köpfe, darunter zahlreiche Nobelpreisträger von Konrad Lorenz bis Linus Pauling, unterzeichneten ein Manifest, dass die Astrologie jeglicher Wissenschaftlichkeit entbehre.

Allerdings traute sich dann keiner, diese Position auch in einer öffentlichen Debatte zu verteidigen, wie der Wissenschaftsphilosoph und Freidenker Paul Feyerabend bekrittelte. Aus Sicht der Wissenschaftler wäre es freilich Zeitverschwendung gewesen, sich in die Astrologie einzuarbeiten. Welche physikalische Grundlage gäbe es auch für die Annahme, dass sich die Konstellation der Planeten auf unser Leben auswirke? Um auch nur die Gravitation des Mondes spüren zu können, sind Menschen - anders als Meere - viel zu klein. Und die Schwerkraft des der Erde nächstgelegenen Planeten Mars beträgt nur etwa den 300.000sten Teil der Schwerkraft des Mondes.

Hilft's nix, so schadet's nix. Wenn die Sterne wirken, dann wohl nur, wenn man an sie glaubt. Das Gleiche gilt für die meisten alternativen Heilverfahren. Sie wirken, weil die Patienten sich dies versprechen, also dank des Placebo-Effekts. Selbst Beten kann zur Gesundung beitragen. Von über 200 Studien zum medizinischen Effekt von Religiosität stellten immerhin drei Viertel einen positiven Zusammenhang fest. Wenn eine Krankheit die Selbstheilungskräfte des Körpers überfordert, stoßen Glauben und Alternativverfahren zwar an ihre Grenzen, dafür sind im Gegensatz zur Schulmedizin keine unerwünschten Nebenwirkungen zu befürchten.

Schaden kann es nicht, nur helfen, sagt sich auch die Asfinag. Seit Jahren setzt die österreichische Autobahnverwaltung Wünschelrutengänger ein, die angeblich potenzielle Gefahrenstellen ausfindig machen können oder Unfallschwerpunkte entschärfen. Zu diesem Zweck vergraben sie bestimmte Steine neben der Straße, die auf die Erdstrahlung wirken sollen. Laut den Wünschelrutengängern, die sich, weil es irgendwie wissenschaftlich klingt, gerne Radiästheten nennen, können Erdstrahlen bei Autofahrern Adrenalinschübe auslösen und damit Fahrfehler. Die Materialkosten sind das einzige, was die Wünschelrutengänger der Asfinag in Rechnung stellen. Journalisten sind dankbar für solche Themen. Es reicht, dass die Sache kurios ist. Kritisches Denken gilt in vielen Redaktionen nicht unbedingt als Instanz, um einen Beitrag ins Blatt oder in die Sendung zu hieven. Und so werden Medienberichte zur erstklassigen Werbung - in dem Fall für die Wünschelrutengänger, und ein bisschen für die gesamte Branche der Esoterik und Parawissenschaften.

"Die Medien lieben solche Leute", klagt Robert Park, "aber sie haben niemand, der ihnen sagt, wer ein Scharlatan ist und wer nicht." Der Physiker nimmt sich in seinem Buch "Fauler Zauber" nicht nur Grenzwissenschaftler zur Brust, sondern auch diejenigen, die innerhalb seiner eigenen Wissenschaft abgedriftet sind. Etwa Stanley Pons und Martin Fleischmann, die noch Jahre, nachdem ihre "kalte Fusion" experimentell widerlegt worden war, das Geld gläubiger japanischer Sponsoren "verbrannten". Oder Eugene Podkletnow, der behauptete, die Schwerkraft reduzieren zu können.

Phänomenales Eigenleben. Dass rätselhafte Phänomene in der Öffentlichkeit plötzlich ein unkontrollierbares Eigenleben bekommen, beweist der Vorfall von Roswell, New Mexico. Nachdem ein Bauer im Juni 1947 Trümmer eines Ballons gefunden und dem nahe gelegenen Luftwaffenstützpunkt gemeldet hatte, erlaubte sich deren Pressestelle einen folgenschweren Scherz: Man sei "in den Besitz einer fliegenden Untertasse gelangt". Als die Mitteilung kurz darauf dementiert wurde, war die Legende bereits in der Welt, und alle Erklärungen, die die Behörden seitdem abgaben, wurden als Verschleierung der Wahrheit gedeutet.

Bevor erstmals Außerirdische mit dem Vorfall in Zusammenhang gebracht wurden, vergingen mehr als drei Jahrzehnte, dann legte die Roswell-Industrie richtig los: Alien-Puppen wurden produziert, UFO-Treffen vermarktet (einige Konferenzen fanden sogar an renommierten Universitäten statt) und düstere Dokumentationen als investigativer Journalismus ausgegeben. Selbst ernannte Experten und Verschwörungstheoretiker fanden ihr Auskommen.

1995 schließlich tauchte ein extrem unscharfer Schwarzweißfilm auf, der angeblich die Autopsie eines Außerirdischen zeigte. Fox TV scheffelte Millionen damit. Als das Interesse drei Jahre später erlahmte, schwenkte der Sender dreist um und rühmte sich, den Streifen als Fälschung und "einen der größten Skandale aller Zeiten" zu entlarven.

Einschließen oder ausschließen? Von der UFO-Forschung bis zur Astrobiologie, von der Kryptozoologie bis zur Parapsychologie liefern obskure Wissensgebiete der Film- und Medienindustrie nicht nur Inhalte, sondern gerne vorgezeigte "Wissenschaftler". Aus Sicht der "Normalwissenschaft" sind es gewissermaßen die Verwerter ihrer Abfälle, denn Daten, die nach Fehlern in der Methode riechen, und Beobachtungen, die unerklärlich aber nicht reproduzierbar sind, ziehen die Grenzwissenschaftler geradezu an. Dass man nichts aus-schließen darf, ist ihre Philosophie.

In der öffentlichen Forschungsförderung, wo anerkannte Wissenschaftler das Sagen haben, kommen parawissenschaftliche Projekte nicht zum Zug - gelegentlich aber unter dem Mantel der Geheimhaltung in der Militärforschung. Grenzwissenschaftliche Institute werden meist von privaten Mäzenen finanziert, und die Experten für das Paranormale sind oft Privatgelehrte oder Emeriti. Weil ihre Arbeiten in den etablierten Journals nicht veröffentlicht werden, haben sie ihre eigenen Fachzeitschriften. Viele halten sich laut Robert Park für Pioniere und sind überzeugt, die Anerkennung ihrer Einsichten zu Lebzeiten nicht mehr zu erfahren. Weil da eine verschwörerische Wissenschaftsmafia am Werk sei, die ihr Wissen von den Rändern der Wissenschaft unterdrücke und ausgrenze.

Kosmologie im Zwielicht. Aber womöglich sind diese Grenzen auch gar nicht so leicht zu ziehen. Der jüngste Physik-Skandal führt noch einmal nach Frankreich. Die Zwillinge Grichka und Igor Bogdanov, die Wissenschaftssendungen im Fernsehen moderieren, publizierten eine Theorie über Vorgänge unmittelbar nach dem Urknall. Experten stuften sie als Nonsens ein. "Je sorgfältiger ich sie las, um so weniger Sinn ergaben sie", so der Physiker John Baez. "Irgendwann musste ich entweder lachen oder bekam Kopfschmerzen." Dass die Bogdanov-Brüder nicht nur promoviert wurden, sondern ihre Thesen auch in einigen renommierten Physik-Zeitschriften verbreiten konnten, war Wasser auf den Mühlen aller, die die Kosmologie schon seit längerem im Verdacht hatten, nichts anderes mehr zu sein als eine Grenzwissenschaft. <

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