Schneller als das Licht

aus HEUREKA 1/03 vom 05.03.2003

"Ich bin heute ein glücklicherer Mensch", sagt Artur Ruchkjan. Er ist studierter Biophysiker und hat bis vor zwei Jahren in der klinischen Forschung gearbeitet, tagaus tagein am Computer. Nun ist er einer von etwa vierzig Ausstellern auf der Esoterikmesse im Wiener Kongresshaus und wartet auf Kunden, die 25 Euro für ein Kirlian-Foto hinblättern. Das sei eine Form der Elektrografie, die den Energieumfluss an den Fingerspitzen misst.

Wie der Kasten vor ihm funktioniert, könne er zwar nicht erklären, gibt Ruchkjan zu. Aber er sei teuer gewesen, komme aus den USA und sein Erfinder, der große Kirlian, habe zwar nur vier Jahre Schulbildung genossen, verstehe aber mehr von Elektrizität als alle Wissenschaftler zusammen. Die alte Kunst des Handlesens hat offenbar Konkurrenz von der Technik bekommen.

Ein paar Stände weiter wird für Tachyonen-Energie (geschützte Handelsmarke) geworben. Laut Prospekt gäbe es nach den Erkenntnissen der Physik - und das wird viele Physiker überraschen - "eine unbegrenzte, intelligente, schöpferische Kraft", auch "formlose Schöpfungsenergie" genannt, aus deren "Verdichtung" die Tachyonen entstünden. Weil diese schneller seien als das Licht, räumt der Prospekt ein, lassen sie sich mit heutigen Mitteln nicht nachweisen. Mit anderen Worten, man muss dran glauben - und der Kontostand gegebenenfalls auch. Im Obergeschoss umlagern ältere Damen einen Stand, an dem exklusiv ein Zweierset an der Spitze vergoldeter Akupunkturstifte mit Anleitung und Hilfsmitteln um 730 Euro angeboten wird. Angeblich sei es allein in Europa schon zwei Millionen Mal verkauft worden.

Ist Esoterik ein Milliardenmarkt? Franz Prohaska muss lächeln, wenn er diese oder ähnliche Fragen hört oder liest. "Das Geschäft läuft überwiegend mit Stammkunden", sagt der Geschäftsführer der Münchner Firma Eso-Team, die allein in Wien jährlich vier Esoterikmessen veranstaltet. Den österreichischen Markt teilt er sich mit fünf weiteren Veranstaltern von Esoterikmessen. Viele Esoteriker verbringen fast jedes Wochenende auf einer Messe oder geben irgendwo ein Seminar. Von einigen Ausstellern weiß Prohaska, "dass sie sich von Wochenende zu Wochenende durchschlagen".

Ayurveda und esoterische Therapien wie Reiki, eine Spielart des Handauflegens, seien derzeit angesagt, berichtet Maria Riedler von der Esoterikabteilung der Wiener Buchhandlung Morawa. Astrologie und Tarot laufe immer, Feng-shui dagegen kaum noch, Aura-Soma und Mond seien out. Letzteres Thema haben Johanna Paungger und Thomas Poppe (laut ihrer Website "das erfolgreichste Schriftsteller-Ehepaar Europas") in den Neunzigerjahren allerdings ausgiebig abgegrast, mit Millionen-Auflagen.

Auch an den Volkshochschulen zeichnete sich in den vergangenen Jahren ein gewisser "Bewusstseinswandel" ab: Schossen ab Mitte der Neunzigerjahre die Zahl der Esoterikkurse in die Höhe, ist das Interesse mittlerweile wieder abgeflaut, registriert der Verband Wiener Volksbildung mit Erleichterung. Denn in keinem anderen Bereich müsse man so auf der Hut sein vor Kursleitern, die eigentlich auf Kundenfang aus sind oder Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Meistern und Schülern aufbauen wollen.

Bei der Wirtschaftskammer laufen die Anbieter unter dem Sammelbegriff Energetiker. Nach letzter Zählung sind in Österreich 3336 Energetiker, davon 1139 in Wien registriert, allerdings ein Drittel bei ruhendem Gewerbe. Die Konkurrenz wächst, denn viele bieten Ausbildungen an, um selbst über die Runden zu kommen. Gerne wird so getan, als würden wissenschaftliche Grundlagen vermittelt, und ständig drängt Neues auf den Markt. Die Palette von Diplomen - ob Astrologie, Kinesiologie oder Lebensenergie-Berater - die ohne Qualitätskontrolle von privaten Instituten vergeben wird, ist längst unüberschaubar.

In "Bewusst sein", einer Wiener Postille für Esoterik-Annoncen, inseriert eine "Prof. Margitta Hübler, Kosmobiologie". "heureka" wollte Näheres erfahren. "Das ist genau wie Astrologie, nur älter, schon die Griechen und Römer kannten das", ließ Hübler wissen, bevor die Sprache auf ihren Professorentitel kam: "Das muss ich Ihnen nicht sagen. Am Telefon gebe ich dazu keine Auskunft." Und ohne ein weiteres Wort hatte sie aufgelegt.

Hüblers Kollegin Christa Brugger teilt auf ihrer Homepage mit, bis zu ihrem 35. Lebensjahr sei ihr Weltbild rational-wissenschaftlich gewesen. Nach einer Augenverletzung habe sie gelernt, "mit dem dritten Auge oder mit dem Herzen zu sehen, was im Moment schicksalshaft ansteht", und "intuitive Wahrnehmung und Emotionen wurden mir wichtiger als mein Kopf und mein Verstand". Die Frage ist nur: Warum wirbt Brugger dann noch mit ihrem Dr. phil.? S. L.

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