Mehr Mut zur Metaphysik!

Protokolle: André Behr, Stefan Löffler und Erika Müller | aus HEUREKA 1/03 vom 05.03.2003

Empirische Demut

"Die Esoterik greift viele erfolgreiche Werkzeuge der Naturwissenschaft auf, verwendet sie jedoch ohne den zugehörigen Denkrahmen. Ich kriege zum Beispiel oft zu hören, dass alles Schwingung sei. Wenn ich nachfrage, was schwingt und wie groß die Wellenlänge ist, dann sind die Leute verblüfft. Ich gehöre zu jener Kategorie Physiker, die noch alles empirisch durch Experimente klären. Das Regulativ des Experiments macht einen demütig. Kosmologische Modellbildung würde mich nicht befriedigen. Wenn ich spekulieren will, kann ich gleich Philosophie betreiben.

Der Erfolg der Naturwissenschaft basiert auf ihrer Beschränkung auf Phänomene, die analysierbar, reproduzierbar, quantifizierbar, kausal begründbar und widerspruchsfrei sind. Es gibt Vieles, was innerhalb dieses Denkrahmens nicht zu beantworten ist, etwa was Leben oder was Gesundheit ist. Auch die sinnliche Wahrnehmung ist allein mit naturwissenschaftlichen Mitteln nicht zu klären. Ich halte mich an die Maxime von Sokrates: ,Also bin ich um jenes wenige weiser als all die anderen, als ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.'"

Herbert Pietschmann ist Professor für theoretische Physik an der Universität Wien.

Vorstoß in die Grauzone

"Ein UFO muss kein außerirdisches Raumschiff sein, da kann auch ein bislang unerklärliches Plasmaphänomen dahinter stecken. Es gibt noch viele nicht verstandene Naturphänomene, deren Erforschung neue Erkenntnisse für die Fundamentalphysik verspricht. Doch die Wissenschaft ignoriert diese Themen. So kommt es, dass die Grenzwissenschaften von der Esoterikszene und New Age-Anhängern dominiert werden.

Systematisch mit bisher nicht erklärbaren physikalischen und psychologischen Phänomenen hingegen befasst sich die militärische Forschung, die unter Geheimhaltung läuft. Da stößt man in eine Grauzone vor, in der Behörden auch gerne Falschinformationen verbreiten. Das zu dokumentieren, sozusagen als investigativer Journalist, betrachte ich als Hobby. Deshalb werden meine Bücher von den Kollegen auch neutral eingeschätzt."

Helmut Lammer ist Physiker am Institut für Weltraumforschung der Akademie der Wissenschaften in Graz und Autor von Sachbüchern u.a. über UFOs, zuletzt "Schwarze Forschungen. Geheime Versuche unter Ausschluß der Öffentlichkeit".

Zwei Wahrheiten

"Religion und Wissenschaft sind zwei verschiedene Fenster, durch die ich auf die Welt blicke. Diese duale Sichtweise widerspricht sich nicht. Ich lese die biblische Schöpfungsgeschichte als religiöse Wahrheit und nicht als wissenschaftliche Information. In der Genesis wird beschrieben, wie Gott die Welt geplant und diesen Plan und damit die Welt erschaffen hat. Die Wissenschaft stellt mechanistische Fragen und liefert auch nur solche Antworten. Sie kann keine Aussage über Gott machen.

Es ist ein Fehler, die biblische Schöpfungsgeschichte als wissenschaftliche Information zu interpretieren, wie die Kreationisten es tun. Es ist auch falsch, die Evolution als Religionsersatz darzustellen, wie manche Wissenschaftler es machen. Ich bin oft überrascht, wie unvernünftig Wissenschaftler sind, wenn es um religiöse Fragen geht. Diese passen nicht zu ihren Gedankengängen. Die wissenschaftliche Erfahrung ist, dass man im Prinzip alles verstehen kann und dass Gott nicht notwendig ist. Dabei wird übersehen, dass die Wissenschaft die Welt nur durch ein Fenster betrachtet. Als objektiver Wissenschaftler müsste man Agnostiker sein und ehrlicherweise zugeben, dass man nicht entscheiden kann, ob Gott existiert oder nicht. Die meisten meiner Kollegen ignorieren, dass ich ein gläubiger Katholik bin. Manche geben sich total überrascht, wenn sie es erfahren. Ich antworte dann, dass Gott außerhalb unserer wissenschaftlichen Erfahrung liegt. Das wissenschaftliche Fenster alleine ist für mich zu unbefriedigend und ziellos. Das religiöse Fenster gibt Hoffnung und Sinn."

Martin Nowak ist Professor für Biomathematik am Institute for Advanced Studies in Princeton und hat einen Ruf nach Harvard angenommen.

Klugheit der Formeln

"Das Streben nach unergründlichen Geheimnissen spielt in der heutigen Wissenschaft eine viel größere Rolle, als die meisten zugeben, zumindest als Arbeitshypothese. Ich spreche statt dem oft überstrapazierten und oft missgedeuteten Wort Gott lieber vom göttlichen Funken, wenn der Betreffende wirklich daran glaubt. In gewisser Hinsicht haben Mathematiker, aber auch theoretische Physiker heutzutage mehr Mut zur Metaphysik, weil wir viele Erfahrungen beim Lösen komplexer Probleme gemacht haben, indem wir abstrakte Ideen fanden und anwandten, die mit den konkreten Fragen scheinbar gar nichts zu tun hatten.

Die Grenzen unseres naturwissenschaftlichen Wissens konnten und können auch dank der Vorarbeit der Mathematik noch immer erweitert werden. Der Mathematiker von heute weiß aber nur zu gut, dass seine Modelle nicht genau der Wirklichkeit entsprechen. Das große Wunder ist für mich eher, dass viele Modelle so gute Anwendungen gefunden haben, auch wenn dies erst oft viel später erfolgt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts glaubte man, die Mathematik und Physik seien an ihrem Ende angelangt. Das Gegenteil war der Fall. Die Entwicklung in der Mathematik der letzten Zeit verlief besonders stürmisch. Wie formulierte es der Physiker Heinrich Hertz? ,Formeln sind oft klüger als ihre Erfinder.'"

Harald Rindler ist Professor für Mathematik an der Universität Wien.

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