Das Janusgesicht der Wissenschaft

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 1/03 vom 05.03.2003

Die moderne Naturwissenschaft ist nicht vom Himmel gefallen, sondern aus verschiedensten zeitgenössischen Traditionen erwachsen. Zu diesen historischen Wurzeln gehören auch Alchemie, Astrologie und Zahlenmystik. Dass gerade die Heroen der heutigen Physik und Chemie sich intensiv mit Goldmachen und Wahrsagen beschäftigt haben, macht die Sache nicht gerade weniger irritierend.

Am letzten Tag des Jahres 1691 verstarb der ehrenwerte Sir Robert Boyle, der heute als der Vater der modernen Chemie gilt. Bereits Ende Jänner 1692 begann ein eigenartiger Briefwechsel zwischen Sir Isaac Newton, dem Vater der modernen Physik, und John Locke, dem Vater des philosophischen Empirismus. Newton bat Locke, einen der Nachlassverwalter Boyles, zunächst um jene "rote Erde", die ihm Boyle zeitlebens vorenthalten hatte, und später um die Beschreibung eines bestimmten Versuches mit Quecksilber.

Dass Boyle und Newton sich über Jahrzehnte hinweg intensiv mit Alchemie befassten und diese auch praktisch betrieben, haben Wissenschaftshistoriker erst in letzter Zeit klargestellt, fast müsste man sagen: zugegeben. Dazwischen lagen drei Jahrhunderte der historiographischen Weißwaschung: Die Bannerträger der wissenschaftlichen Revolution des 17. Jahrhunderts durften keinesfalls mit den trüben Elixieren unseriöser Goldmacher besudelt werden. So eliminierten die Herausgeber der Werke Boyles systematisch alle Stellen zur Metallumwandlung und stilisierten ihn ironischerweise zum "Überwinder" der Alchemie.

Nicht besser erging es Newton. In seinem Nachlass fanden sich Tausende von Manuskripten mit insgesamt 25 Millionen Wörtern, die sich überwiegend mit Alchemie und den apokalyptischen Büchern der Bibel befassen. Newtons Erben verscharrten die Peinlichkeit zunächst einmal im Garten. Als die Papiere 130 Jahre wieder ausgegraben wurden, rümpften die Gelehrten pikiert die Nase. Moderne Physik und Hokuspokus - wie passte denn das zusammen?

Die US-amerikanische Wissenschaftshistorikerin Betty Jo Teeter Dobbs hat Newton das janusgesichtige Genie genannt, das sowohl nach vorne als auch zurück blickt. Newton lässt sich nicht in den geheimniskrämerischen Alchemisten und Apokalyptiker einerseits und den bahnbrechenden Physiker andererseits aufteilen. Für Newton war die physikalische Beschreibung der Welt nur eine Variante, seine alchemistischen und theologischen Studien waren eine zweite, ihm wichtigere. Letztere erlaubten die Datierung des Weltuntergangs für das Jahr 2060. Physik und Bibel blieben aber zwei Schlüssel zu ein und derselben Wirklichkeit.

Dieses Suchen nach Gottes Fingerabdruck in dessen Werken - also der Natur - war vielleicht die wichtigste Antriebskraft für die Naturforscher der frühen Neuzeit überhaupt. Der Astronomenastrologe Johannes Kepler etwa war "infiziert" von esoterischem Gedankengut, wonach sich in der Schöpfung Harmonien verbergen, die sich in entsprechenden Zahlenverhältnissen ausdrücken lassen. So gelang es ihm, wenn auch nach vielen Irrwegen, die elliptischen Umlaufbahnen der Planeten zu erkennen. Sein Zeitgenosse, der durch und durch nüchterne Galileo Galilei, hielt Kepler für einen verwirrten Spinner. Aber auch Galilei war davon überzeugt, dass die Sprache der Natur in Zahlen geschrieben sei.

Die "magischen" Wurzeln der modernen Naturwissenschaft des 17. Jahrhunderts sind in den letzten Jahrzehnten zu einem Steckenpferd der Wissenschaftsgeschichte geworden. Damit sind Denkfiguren, Verständnisweisen und Methoden gemeint, die der bis dahin vorherrschenden aristotelischen Naturphilosophie fremd waren. Für diese war die Natur im wahrsten Sinne des Wortes unberechenbar und viel zu unregelmäßig, als dass ihre Gesetze sich mathematisch formulieren ließen, wie Kepler, Galileo und Newton dies dann vorexerzierten. Auch der experimentelle Zugang selbst musste sich erst durchsetzen. Die Überzeugung, die Untersuchungsgegenstände durch Versuche manipulieren zu können, wurde im alchemistischen Labor eingeübt. Und nicht zuletzt ist auch das utilitaristische Grundverständnis, das heißt das Bestreben, die gewonnenen Erkenntnisse praktisch anzuwenden, so selbstverständlich uns das heute erscheinen mag, ein Kennzeichen der Magie.

Der konkrete Ertrag der Alchemie mag zwar gering gewesen sein, doch immerhin hat man Anfang des 18. Jahrhunderts das weiße Gold, Porzellan, entdeckt. Als geistiger Nährboden und experimentelle Praxis aber war sie ein Geburtshelfer der modernen Wissenschaft. Und diese verhalf wiederum der Alchemie zu ihrem späten Recht. Ernest Rutherford gelang 1919 erstmals die Umwandlung von Materie, indem er ein Stickstoffatom (sieben Elektronen) in ein Sauerstoffatom (acht Elektronen) "verwandelte", was ihm den Beinamen "The Alchemist" eintrug.

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