Die Wandlungen des Wunderlichen

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 1/03 vom 05.03.2003

Frauen mit vier Brüsten und das Perpetuum mobile mag es zwar nicht geben, ihre Funktion haben sie dennoch erfüllt. Katharine Park und Lorraine Daston verfolgen die Spuren des Wunderbaren vom Mittelalter bis zur Aufklärung und zeigen, wie sich die Naturwissenschaft an staunen machenden Phänomenen abgearbeitet und so zu sich selbst gefunden hat.

Die Natur ist kapriziös. Über dem Himmel Frankreichs werden vier Sonnen gesichtet. Einem Mädchen aus Irland wachsen mehrere Hörner aus dem Körper. In Plymouth hat ein Fötus mit zwei Körpern das Licht der Welt erblickt. So steht es geschrieben in den wichtigsten wissenschaftlichen Zeitschriften des späten 17. Jahrhunderts, den "Transactions" der englischen und den "Mémoires" der französischen Akademie der Wissenschaften. Wer diese wissenschaftlichen Journale aufschlägt, muss sich erst einmal, ja, wundern über all diese eigenartigen Berichte. Was, bitte schön, hat die führenden Wissenschaftler der Zeit dazu bewogen, sich mit Monstern, Missgeburten und seltsamen Lichtern am Horizont, kurz: Anomalien jeglicher Art, zu befassen?

Die Naturforscher der Zeit sahen in diesen wundersamen Erscheinungen keine übernatürlichen Kräfte am Werk, keine Dämonen oder gar den Allmächtigen, sondern die Natur selbst, die etwas vom Weg abgekommen war. Im Verständnis des 16. und 17. Jahrhunderts war die Natur launenhaft, spielte mit Formen und Farben, machte sich einen Spaß daraus, Fossilien (so würden wir sie heute nennen) im Erdboden zu verstecken, sogenannte "Bildsteine" scheinbar hebräische Buchstaben oder den Kopf einer Katze einzugravieren und Muscheln so filigran zu verzwirbeln, dass sie zum Kunstwerk wurden - und zum Rätsel für den menschlichen Betrachter.

Die Geburt der Tatsache. Das Unerklärliche wurde zum Treibstoff, zur intellektuellen Reibefläche. Wundersame Phänomene waren für Denker wie Francis Bacon oder René Descartes der Fehdehandschuh, den die Natur dem Forscher hinwarf, um ihn zum Duell aufzufordern: Ring mir das Geheimnis ab, wenn du kannst! Die Grenzen des Wissens, die Eskapaden der Natur lockten mit besonders wertvollen Erkenntnissen. Und wie könnte man seine Kompetenz besser unter Beweis stellen als durch die Erklärung des Außerordentlichen?

Für die neue Naturwissenschaft des 17. Jahrhunderts, die sich von der wortlastigen und autoritätsgläubigen Scholastik ab- und endlich den Dingen selbst zuwenden wollte, spielte das wundersame Phänomen eine zentrale Rolle. Durch seine Einzigartigkeit entzog es sich jeder Generalisierbarkeit oder Kategorisierung, ein widerständiges, nicht hintergehbares Faktum - die wissenschaftliche Tatsache war geboren.

Für den noch jungen Empirismus war geistige Offenheit eine Tugend, vorschnelles Schließen ein Kardinalfehler. Zur Illustration erzählte der englische Philosoph John Locke die Geschichte des Königs von Siam, der nicht glauben wollte, dass Wasser gefrieren könne. Sich richtig zu wundern will freilich gelernt sein. Die Magd im Hause Robert Boyles war außer sich vor Furcht, als sie eines Abends anno 1672 sah, wie eine Kalbshaxe in der Speisekammer leuchtete. Der englische Chemiker hingegen ließ sich die Kalbshaxe ins Schlafzimmer hängen und studierte - wie wir heute wissen - die Bioluminiszenz des von einem Pilz befallenen Fleisches.

Extravaganz im Überfluss. Die Hochschätzung des Wunderbaren fand ihre räumliche Entsprechung in den Sammlungen der wissenschaftlichen Gesellschaften, reicher Kaufleute und gekrönter Häupter. Die Wunderkammer fehlte an kaum einem fürstlichen Hof des 16. und 17. Jahrhunderts, voll gestopft mit seltenen Steinen und Pflanzen, Automaten und Instrumenten, gekrönt von einem Gürteltier oder Krokodil an der Decke. Die Sammlungen von Gelehrten wie Ulisse Aldrovandi in Bologna oder Athanasius Kircher in Rom gehörten zum fixen Besuchsprogramm jedes Italienreisenden. In den Wunderkammern wurden Menschenwerk und Naturalia bewusst einander gegenübergestellt, inszeniert als Wettstreit zwischen Kunst und Natur, oder mitunter mit Lust an der Grenzverwischung vermischt: Die Flügel der gemalten Libelle sind echt, das Straußenei ist zum prunkvollen Pokal gefasst. Bei seinem Bemühen um Extravaganz im Überfluss hatte jeder Herrscher so seine eigenen Vorlieben. Zar Peter I. ("der Große") etwa, der selbst über zwei Meter maß, sammelte "menschliche Monster", mit Vorliebe Riesen, die auch nach ihrem Tode in ausgestopfter oder skelettierter Form zur Schau gestellt wurden.

Je rarer, je wundersamer und je - in einem praktischen Sinne - nutzloser, desto wertvoller. Denn die Mirabilien der fürstlichen Wunderkammer erfüllten keinen anderen Zweck, als die Kinnlade des Besuchers nach unten sinken zu lassen und ihn sinnlich zu überwältigen - und so den Status und auserwählten Geschmack des Besitzers zu belegen. Reiseberichte und mit Kupferstichen illustrierte Prachtbände verbreiteten die wundervolle Kunde in ganz Europa.

Wunderkammer Buch. Katharine Park und Lorraine Daston haben während zweier Jahrzehnte über "Wunder und die Ordnung der Natur" recherchiert. Das Ergebnis ist selbst eine Wunderkammer geworden, eine zum Umblättern, die ihrem Gegenstand durch die aufwendige Illustration auch in der Form gerecht wird. Es wimmelt darin von Einhörnern, Fellmenschen, klitzekleinen Tischbrunnen und prachtvollen Kunstschränken, verziert mit Achat und Lapislazuli. Die beiden US-amerikanischen Wissenschaftshistorikerinnen verlieren sich aber keinesfalls in der Vielfalt der staunen machenden Phänomene. Park und Daston interessieren sich für die "intellektuellen Leidenschaften" des Staunens und der Neugierde, die die Menschen antreiben.

Sie zeigen, wie die Neugierde allmählich vom biblischen Laster zur unerlässlichen Charaktereigenschaft des Naturforschers umgedeutet wurde, während das Sichwundern an Wertschätzung verlor und den Beigeschmack des Naiven und Leichtgläubigen annahm. Kurz: Die Autorinnen fragen nach den Konjunkturen des Wunderbaren. Ihre These lautet, dass das Wunderbare in der Aufklärung aus der Mode kam: Das Staunen mit weit aufgerissenen Augen war vulgär geworden, etwas für das einfache Volk. Zwar fehlte es auch im 18. Jahrhundert nicht an Berichten über Frauen, die Hummer gebären, Zeichen am Himmel und Fischen mit Schweinsfüßen. Aber wer sich für aufgeklärt hielt, ignorierte dies nicht einmal. Die Natur hatte ausgespielt, sie gehorchte jetzt unveränderlichen Gesetzen. Ästhetisiert wurde die Natur zwar nach wie vor, aber ihre Schönheit bestand nun in ihrer makellosen Regelmäßigkeit, in der Ökonomie der Mittel, die sie einsetzte. Aus den Wunderkammern wurden die Einhörner aussortiert. Wer mit der Zeit gehen wollte, bemühte sich nun statt um eine Maximierung des Staunens um eine systematische Ordnung.

Umwertung aller Wunder. Daston und Park sehen also keinen wie von selbst sich entfaltenden Siegeszug der Vernunft, sondern eine soziale, kulturelle und ästhetische Umcodierung des Wunderbaren, das allmählich absank und im 18. Jahrhundert wahlweise mit Aberglauben oder betrügerischen Arrangements identifiziert wurde. Mit dem Unerklärlichen beschäftigten sich die Naturforscher allenfalls noch in ihrem neuen Amt als "Grenzwächter". Als Franz Anton Mesmer im vorrevolutionären Paris der 1780er-Jahre erstmals mit großem Erfolg seinen "animalischen Magnetismus" - wenn man so will eine Vorform der Hypnose - praktizierte, rief dies die "Wissenschaftspolizei" auf den Plan.

Zum ersten Mal in der Geschichte wurde eine Kommission der elitären französischen Akademie der Wissenschaften eingesetzt, die überprüfen sollte, was an den Konvulsionen der Pariser Damen dran war. Die Kommissionsmitglieder ließen sich selbst "magnetisieren" und führten - sehr innovativ! - auch Blindversuche mit Probanden durch, konnten aber keine Effekte feststellen. Folglich schrieben sie die äußerlichen Wirkungen der übersteigerten Einbildungskraft der Damen zu und sahen in Mesmer einen Scharlatan. Die Frontstellung zwischen akademischer Wissenschaft und "Parawissenschaft" war fixiert. Auch wenn diese Grenze sich in der Folgezeit immer wieder verschieben sollte, eine Disziplin ein-, die andere ausgeschlossen wurde, so lag das Wunderbare fortan stets jenseits dieser Trennlinie.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige