Zwischen Genie und Wahnsinn

Gerhard Fröhlich | aus HEUREKA 1/03 vom 05.03.2003

Sie sind das Salz in der Suppe der Wissenschaft. Viele bedeutende Forscher waren zu ihrer Zeit Außenseiter und haben ihre Innovationen nur gegen den erbitterten Widerstand der etablierten Kollegen durchsetzen können. Doch wie unterscheidet man die genialen Außenseiter von den wahren Spinnern?

(Un-)Glück des Tüchtigen. Unmöglich! Die renommierten Physiker Heinrich Hertz und Henri Poincaré verwiesen darauf, dass Radiowellen aufgrund der Erdkrümmung maximal über 300 Kilometer Länge übertragen werden könnten. Gugliemo Marconi ließ sich nicht von seiner Idee abbringen. Am 12. Dezember 1901 gelang ihm die erste Signalübertragung von England nach Kanada. Von den Ionenschichten, die die Signale gleich einer Billardbande von der Atmosphäre wieder auf die Erde zurückreflektierten, hatte niemand etwas gewusst. Marconi erhielt 1909 den Nobelpreis.

Viele andere, heute anerkannte Erkenntnisse und ihre Urheber wurden zu ihrer Zeit entweder ignoriert - wie etwa fünfzig Jahre lang die Vererbungsgesetze von Gregor Mendel - oder entschieden bekämpft, wie etwa der Wiener Arzt Ignaz Philipp Semmelweis. Der Assistent an der Wiener Geburtsklinik machte sich bei seinem Direktor höchst unbeliebt, als er 1847 vorschlug, dass sich die Ärzte die Hände mit einer Chlorlösung waschen sollten, um so die hohe Sterblichkeit von Müttern zu senken. Statt Ruhm zu ernten, wurde der Entdecker des Kindbettfiebers gefeuert.

Tatsächlich kamen in der Medizin des 19. Jahrhunderts fast alle grundlegenden Innovationen, die zu neuen Teilfächern wie der Röntgenologie, der Orthopädie oder zur Psychoanalyse führten, von schlecht oder nicht bezahlten Privatdozenten und Extraordinarien. Dem verstorbenen französischen Soziologen Pierre Bourdieu zufolge bestimmt denn auch die Position in der universitären Hierarchie, welche Forschungsstrategie eingeschlagen wird: Die Etablierten verhalten sich laut Bourdieu konservativ, sie möchten den Wert ihrer Investitionen zementieren und haben daher kein Interesse an grundlegenden Innovationen. Die bislang Benachteiligten wählen hingegen "subversive" Strategien, sie sind - auch aus eigener Not - innovativ: Nur bahnbrechende Neuerungen erschüttern die starren Hierarchien, ermöglichen die Etablierung neuer Fächer, Institute und Posten.

Die Ressourcen der Außenseiter. Welche Möglichkeiten stehen nun innovativen Außenseitern zur Verfügung, die nicht wie Marconi auf eine unbekannte Eigenschaft der Atmosphäre zählen können? In fast allen Entwicklungsphasen der Wissenschaften und einzelner Disziplinen wurden auch Kräfte außerhalb des Systems Wissenschaft mobilisiert, um Innovationen zum Durchbruch zu verhelfen: die Politik, die Medien bzw. die Öffentlichkeit.

So konnte Galileo Galilei nur als Höfling der Medici-Fürsten das Ansehen von Mathematik und Physik (und sein eigenes) heben - gegen den Widerstand der von Theologen und Philosophen beherrschten Universitäten. Andere wieder punkteten mit Experimentiershows, öffentlichkeitswirksamen Vorlesungen und populären Büchern: Die Anerkennung in der Öffentlichkeit half auch bei der Durchsetzung innerhalb der Wissenschaft - auch wenn umgekehrte Effekte eher die Regel sind.

Heute haben jene Außenseiter, die etablierte Erkenntnisse radikal infrage stellen, bei den Medien tendenziell den einen Vorteil: , Material für spektakuläre Neuigkeiten bzw. eine neue Spekulation zu liefern. So haben Analysen der wissenschaftsjournalistischen Berichterstattung beispielsweise ergeben, dass in den letzten Jahren jenen wenigen wissenschaftlichen Außenseitern, die den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel leugnen, tendenziell mehr Platz gegeben wurde als den etablierten Fachgrößen. Ihre Botschaft hatte mehr Nachrichtenwert - trotz aller wissenschaftlichen Unzulänglichkeiten.

Forschungspolitische Konsequenzen. Was also tun mit den Außenseitern, deren Forschungen zu abseitig sind, als dass sie über die herkömmlichen Töpfe der Wissenschaftsförderung finanziert werden würden? Reicht es, dass sich eben private Gönner oder Vereine - wie etwa im Bereich der Parapsychologie - der Forschungen annehmen? Vorgeschlagen wurde, einen bestimmten Anteil der öffentlichen Forschungsgelder, seien es fünf oder auch nur ein Prozent, diesen Außenseitern zu widmen. Bei allem Großmut hätte man dann aber immer noch nicht das Problem gelöst, wie man in dem Heer von Amateuren, Spinnern und Irregeleiteten gerade die verkannten Genies findet.

Und so ist man letztlich dann doch wieder auf die "etablierte" Wissenschaft angewiesen, um die verrückte Spreu vom innovativen Weizen zu trennen. Was ja auch längst passiert, zum Beispiel in Form der Ig-Nobelpreise. Damit werden Außenseitererkenntnisse prämiert, die nicht wiederholt werden können oder sollen: etwa über den Rupfzustand von Hühnern zur Messung von Tornadogeschwindigkeiten oder die Entdeckung von Hochhäusern am Mars. Wie meinte der sonst so geduldige Albert Einstein in solchen Fällen so treffend: "Da greife ich mir an den Arsch, weil der Kopf mir dafür zu schade ist."

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