"Das wäre der Hammer"

Petra Paumkirchner und Stefan Löffler | aus HEUREKA 1/03 vom 05.03.2003

Wenn es so etwas gibt wie seriöse Parapsychologen, dann sind sie in der deutschen Universitätsstadt Freiburg zu finden. Sie entwickeln strenge Tests, ob gewisse Menschen kraft ihrer Gedanken Gegenstände bewegen können, und sie bieten jenen Hilfe, die nach unerklärlichen Erlebnissen vor einem Rätsel stehen. Mit den gleichnamigen Dienstleistern der Esoterikszene haben sie nichts gemein.

Ein Monitor, ein Ball und ein Auftrag: Go high! Bringen Sie den Ball auf dem Monitor vor Ihnen über die vorgezeichnete Kurve. Ohne Tastatur. Ohne Maus. Nur kraft der eigenen Gedanken. Gesteuert wird der Ball eigentlich von einem Zufallsgenerator. Die Kurve zeigt die Linie an, die statistisch nur bei einem von zwanzig Versuchen überschritten wird. Wenn der Ball öfter über die Linie steigt, sagen wir dreimal bei zwanzig Versuchen, besser noch 15-mal bei hundert, kann es sein, dass die Person, die vor dem Computer sitzt, über die Fähigkeit zur Psychokinese verfügt.

"Ich habe das selbst schon oft probiert, bin aber nicht sehr erfolgreich", sagt Werner Plihal. Er leitet die experimentelle Forschung am Institut für die Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg im Breisgau. Kürzlich hat er das Experiment bei einem Workshop gezeigt. Die anderen Teilnehmer waren ganz heiß darauf, es immer wieder zu versuchen. "Einige brachten den Ball so oft über die Linie, dass vielleicht Begabte dabei gewesen sein könnten", erzählt Plihal und fügt rasch hinzu: "Aber das war natürlich ein subjektiver Eindruck."

Hinweise, dass es Menschen mit parapsychologischen Fähigkeiten gäbe, habe er ja längst zur Genüge. Als er noch an der Universität forschte, berichtet der erfahrene Kognitionspsychologe und Schlafforscher, "da waren immer wieder Effekte in den Daten, über die man sich gewundert hat. An der Uni schmeißt man die Daten weg und sagt sich, da war irgendein Fehler drin, das darf nicht sein, weil es dafür keine Erklärung gibt, und man verfolgt das nicht." Doch Plihal wollte es verfolgen. Darum kam er ans IGPP. Um Beweise zu finden, die den strengen Kriterien empirischer Forschung standhalten.

"Dass wir noch keine positiven Resultate berichtet haben, bedeutet nicht, dass es diese Phänomene nicht gibt. Vielleicht ist unsere Stichprobe noch nicht groß genug. Unsere Versuche sind recht kompliziert und aufwendig, da kriegt man nicht mal in der Kürze Daten von 200 Probanden." Und diesmal fügt Plihal hinzu: "Vereinzelt haben wir schon Resultate, die uns ermutigen, die Versuche weiterzuführen."

Das Labor verfügt über zwei Zellen, jede etwa drei mal drei Meter groß, in denen eine Versuchsperson ungestört vor einem Computerschirm Platz nehmen kann. Meist wird während der Versuche ein Elektroenzephalogramm (EEG) erstellt, also die Hirnaktivität gemessen. Für das Psychokineseexperiment hat das besondere Bedeutung. Plihal hat einen Kontrollversuch entworfen, bei dem man den Ball mittels der Gehirnströme, die vom EEG verfasst werden, tatsächlich steuern kann: "Das kann jeder lernen. Die Erfolgserlebnisse wirken auf viele Probanden motivierend. Wir schalten dann ohne Wissen des Probanden hin und wieder um zwischen EEG-gesteuertem und vom Zufallsgenerator gesteuerten Versuch."

Eine Pilotreihe ist bereits abgeschlossen, das Versuchsdesign lässt noch kleine Verbesserungen zu, doch die Erwartung lässt Plihals Augen schon jetzt glänzen: "Wenn wir da jemand finden, bei dem sich systematisch sowohl im EEG als auch im Zufallsgenerator etwas ändert, wäre das für uns ein Hinweis auf eine psychophysische Korrelation. Da müsste uns mal jemand erklären, wie es zustande kommt, wenn es nicht Psychokinese ist. Das wäre der Hammer, das würde das Weltbild einiger Leute über den Haufen werfen."

Ständig führen Plihal und seine Mitarbeiter auch konventionelle Studien zu aktuellen Fragen der kognitiven Neurowissenschaften durch, "wo die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass wir etwas herauskriegen und publizieren können. Da kriegt man Erfolgserlebnisse und macht sich zugleich einen Namen, sodass parapsychologische Resultate später eher akzeptiert werden."

Das Einzige, was die nüchterne Atmosphäre seines Labors durchbricht, sind drei Glaskolben auf einem Regal. Jeder enthält ein verbogenes Besteckstück und ist an der Öffnung verplombt. Plihal hat die Kolben unter den Beständen des Institutsarchivs entdeckt und nach oben geholt. "Begabte Menschen nahmen die in den Siebzigerjahren mit nach Hause und brachten sie mit verbogenem Inhalt wieder. Aber das waren natürlich keine streng kontrollierten Experimente", erklärt Plihal vergnügt: "Man müsste den Löffel schon in meinem Beisein verbiegen."

Ihre beste Zeit erlebte die Parapsychologie wahrscheinlich im späten 19. Jahrhundert. Sitzungen, auch Séancen genannt, in denen ein Medium Kontakt mit Verstorbenen aufnahm, waren groß in Mode. Einer der Stars der Bewegung war Leonora Piper, die in Trance angeblich ihre Persönlichkeit wechselte und Eigenschaften von Verstorbenen annahm, die dann aus ihrem Mund sprachen oder mit ihrer Hand Zeichen gaben.

Ein halbes Jahrhundert später machte Joseph B. Rhine, der Gründer des parapsychologischen Labors an der Duke University in Durham, North Carolina, von sich reden. Irving Langmuir, der kurz zuvor den Nobelpreis für Chemie erhalten hatte, begann sich für dessen Studien zu interessieren - jedoch nicht, weil er an das Paranormale glaubte, sondern um Rhine zu entlarven.

Legendär ist ein Experiment, bei dem Tausende die Farbe verdeckter Spielkarten rieten und angeblich im Durchschnitt etwas öfter richtig lagen, als statistisch zu erwarten war. Weniger bekannt ist, dass Rhine einige schlecht abschneidende Kandidaten nicht mit in die Wertung einbezog, weil sie seiner Meinung nach absichtlich falsch rieten. Langmuir bemühte sich, einem Reporter den Fehler zu erklären. Das Einzige, was der begriff und prompt verbreitete, war, dass ein Nobelpreisträger Rhines Forschungen ernst nahm.

In Russland und einigen weiteren osteuropäischen Ländern genießt die Parapsychologie eine gewisse Anerkennung, im Westen hat sie dagegen nie richtig den Fuß in die Tür der Universitäten bekommen. Eine akademische Ausbildung zum Parapsychologen gibt es nicht. Im alten Europa existiert nur ein einschlägiger Lehrstuhl in Edinburgh, und der ist gestiftet. Auch das IGPP hat es privaten Mäzenen zu verdanken, dass es 25 wissenschaftliche Mitarbeiter unterhalten kann. Mit der Freiburger Universität verbinden es nur einige Lehraufträge.

Hierzulande gibt es seit 76 Jahren die Österreichische Gesellschaft für Parapsychologie und Grenzgebiete der Wissenschaft (ÖGPP), die sich in den vergangenen drei Jahrzehnten allerdings auf Vortragsreihen und den Erhalt ihrer Bibliothek beschränken musste. Das soll sich bald ändern. Man möchte wieder den Anschluss an Experimente finden, wie sie am IGPP durchgeführt werden, gibt sich Peter Mulacz optimistisch. Mulacz ist Vizepräsident und Generalsekretär der ÖGPP, die seit kurzem im Neuen Institutsgebäude der Universität Wien residiert. Nun träumt er von einer Zusammenarbeit mit den medizinischen Kliniken. Denn er hat beobachtet: "Die prinzipielle Ablehnung gegenüber der Parapsychologie ist stark aufgeweicht."

Menschen, die nach Erklärungen für ungewöhnliche Wahrnehmungen, vermeintliche Gedankenübertragungen und Geistererscheinungen suchen, gibt es zuhauf. Einer Umfrage des IGPP zufolge hatte gut jeder Zweite selbst schon einmal ein paranormales Erlebnis. Viele haben Schwierigkeiten, diese Erfahrung zu verarbeiten. Sowohl die ÖGPP als auch das IGPP bieten in solchen Fällen Beratungen an. Die meistgesuchte und bekannteste unter den seriösen Anlaufstellen im deutschsprachigen Raum ist allerdings die Parapsychologische Beratungsstelle in Freiburg. Ihr Leiter Walter von Lucadou (siehe Kasten) ist ein Schüler des IGPP-Gründers Hans Bender.

Lucadou hat auch so etwas wie parapsychologische Theoriebildung betrieben. Falls Experimente, wie sie Plihal durchführt, eines Tages nicht nur positive Resultate zeitigen, sondern auch noch andernorts unabhängig wiederholt werden, sind schließlich Erklärungen fällig. Doch Lucadous Vorschläge sind mit unserem Denken in Kausalzusammenhängen schwer zu vereinbaren. Gewöhnlich liegt ein Ereignis A, die Ursache, zeitlich vor dem Ereignis B, der Wirkung. Eine Theorie, die Lucadou "Pragmatische Information" nennt, hebt das Vorher-nachher auf. "Auch Einsteins allgemeine Relativitätstheorie ist nicht anschaulich", seufzt Peter Mulacz, "aber das macht diesem Wissenschaftszweig nichts, weil er hoch angesehen ist."

Petra Paumkirchner ist Biologin und Teilnehmerin des Universitätslehrgangs Wissenschaftskommunikation (www.scimedia.at).

Institut für die Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene

www.igpp.de

Parapsychologische Beratungsstelle

www.parapsychologischeberatungsstelle.de

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