Das Schweben der Bierdose

aus HEUREKA 1/03 vom 05.03.2003

heureka: Was haben Sie sich in der Parapsychologischen Beratungsstelle denn heute schon anhören müssen?

Walter von Lucadou: Gerade rief eine Frau an, die glaubt, sie werde telepathisch verfolgt. Sie fühlt sich nicht wohl und glaubt, das werde von jemand anders gesteuert. Wenn solche Leute zu einem Psychiater gehen, hat der nach einer Minute seine Diagnose: Paranoia. Da wird gar nicht weiter gefragt. Ich höre einfach zu, eine halbe Stunde, ohne etwas zu sagen oder nur mit Nachfragen, wenn ich etwas nicht verstanden habe, und stelle fest, dass viele Fälle hochinteressant sind.

Was haben Sie der Anruferin geraten?

Sie soll erst einmal alles aufschreiben, dann sehen wir weiter. Das sind oft intelligente Leute, die sonst gut zurechtkommen, die keine fixen Ideen haben und jetzt vor einem Rätsel stehen. Die erwarten nicht gleich eine Erklärung. Wer hier anruft oder herkommt, hat sich das Naheliegende auch schon überlegt. In einem längeren Gespräch stellt sich meistens heraus, dass die Erklärungen, auf die man zuerst kommt - Zufall, Täuschung, Wahnerkrankung - nicht passen.

Was ist am häufigsten der Auslöser, die Beratungsstelle anzurufen?

Wahrträume - also Leute träumen etwas, und am nächsten Tag stellen sie dann fest, dass sie das erleben. Nach dem Anschlag vom 11. September gab es viele Anrufe. Besonders bei Unfällen wirken Wahrträume belastend, weil viele glauben, dass es da eine Einwirkung und Schuld des Träumenden gebe. Die meisten trauen sich nicht, darüber in ihrer engeren Umgebung zu reden.

Man kann zum Psychiater gehen.

Die Leute erzählen hier oft, dass ihnen ihr Arzt oder Therapeut nicht geglaubt hat. Ich frage dann nach, ob der ihnen das gesagt hat. "Nein, aber das spüre ich", sagen die Leute. Oder: "Der hat mir noch keine fünf Minuten zugehört und wusste schon, was ich hatte."

Den meisten glauben Sie wahrscheinlich auch nicht.

Aber ich bin offen. Bei jedem Klienten bläue ich mir vorher ein, den Fall zu betrachten, als wäre es der erste, den ich höre. In der Praxis ist es natürlich schon so, dass ich nach 15 Jahren mit über tausend Fällen im Jahr fast immer Vergleichsfälle hatte.

Wie kommt die Physik ins Spiel?

Einmal hat ein junger Mann verstört angerufen, er und seine Freundin trauten sich nicht mehr in ihre Wohnung. Nachdem sie über Gläserrücken und Geister gesprochen hatten, haben beide ganz deutlich gesehen, wie eine Bierdose vom Tisch abhob und zu schweben begann. Es liegt auf der Hand zu sagen, die seien nicht ganz richtig im Kopf, weil sie eh an Geister glauben und dazu noch Alkohol im Spiel war. Ich erzähle das so gern, weil ich in wenigen Minuten rausfand, was los war: Es war ein heißer Sommertag, ein Tisch mit einer Marmorplatte, der nicht ganz gerade stand, und das Bier war eisgekühlt gewesen. Unter dem gewölbten Boden der Bierdose hatte sich durch die Hitze die Luft ausgedehnt, so entstand der Luftkisseneffekt. Das Schweben der Dose war also ein rein physikalischer Vorgang.

Wieso sind einige Ihrer Bücher in Esoterikverlagen erschienen?

Diese Verlage sind aber nicht so glücklich, dass ich mich nicht verorten lasse. Auch wenn ich zu Vorträgen eingeladen werde, merke ich oft, dass die nicht das zu hören kriegen, was sie von einem Parapsychologen erwartet haben. Skeptiker unterstellen mir, ich würde verharmlosen, wo sie am liebsten dreinschlagen. Esoteriker werfen mir vor, ich würde an nichts glauben. Eigentlich stimmt keins von beidem. Ich versuche einfach, das Beste aus dem zu machen, was angeboten wird. Es kommt vor, dass mich Leute belehren wollen, die alles besser wissen. Denen kann ich nicht helfen, und ich versuche es auch nicht. Nur wenn jemand etwas lernen will, sage ich meine Meinung. Weil junge Leute lernbegierig sind, gehe ich gerne in Schulen.

Kommen Sie in den Physikunterricht?

Nur gelegentlich. Meistens werde ich in Religion oder Deutsch eingeladen. Es hängt davon ab, welche Lehrer mitbekommen, dass sich ihre Schüler mit Okkultem beschäftigen. Die Schüler sind begeistert, weil sie Fragen stellen können über etwas, was sie wirklich interessiert. Einmal sollte ich einen Spukfall klären, der auf einer Schulreise passiert ist. Eine Schülerin öffnete mir die Tür mit den Worten: "Sie sind also der Wissenschaftler, der uns erklären soll, warum wir uns das alles nur eingebildet haben." Darauf sagte ich: "Nein, das ist nicht meine Aufgabe. Ich will verstehen, was passiert ist." S. L.

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