Von allen guten Geistern verlassen

Martina Gröschl | aus HEUREKA 1/03 vom 05.03.2003

Parawissenschaften und Esoterik haben Hochkonjunktur. Wissenschaftler haben sich in Skeptikerverbänden zusammengeschlossen, um dem faulen Zauber öffentlich die Stirn zu bieten. In ihrem Eifer, die Menschheit zur wahren Wissenschaft zu bekehren, lassen allzu eingefleischte Skeptiker manchmal die Grenzen der Wissenschaftlichkeit hinter sich.

Esoterik statt Wissenschaft. Eine ungewöhnliche Erscheinung am Himmel? Ein UFO. Ein seltsames Geräusch in der Nacht? Ein Geist. Schlechte Laune? Eine ungünstige Planetenkonstellation. Vielen Menschen ist eine wissenschaftliche Sicht der Dinge fremd. Sie lassen lieber das Pendel über ihr Schicksal entscheiden, vertrauen der heilenden Kraft edler Steine mehr als der Schulmedizin und treten in Kontakt mit dem Jenseits, um das Diesseits zu ihren Gunsten zu wenden.

Wolfgang Hell betrachtet das Treiben mit Sorge. In den meisten Fällen sei die Beschäftigung mit dem Paranormalen harmlos, sagt der Psychologieprofessor von der Universität Münster, "aber wenn jemand bei einer schweren Krankheit zu lange mit paramedizinischen Methoden pfuscht oder eine wichtige Entscheidung wie Studien- oder Berufswahl vom Pendel abhängig macht, ist das verantwortungslos."

Hell hatte einmal einen Freund, der besonders empfänglich für esoterische Moden war. Beherzt versuchte er, diesen vom Paranormalen abzubringen: "Immer, wenn ich ihn überzeugt hatte, dass etwas Unsinn war, hat er nach wenigen Wochen eine neue Parawissenschaft angeschleppt." Dabei kann Hell mit scheinbar paranormalen Phänomenen durchaus leben. Auch er habe einmal ein UFO gesehen. "Ich zuckte mit den Schultern und sagte mir, es war ein unbekanntes Flugobjekt - oder ein Laserstrahl auf einer Wolkendecke."

Für Hell sind paranormale Phänomene nicht unerklärlich, sondern bloß unerklärt. Oft gibt es eine einfache wissenschaftliche Erklärung. Um diese zu erkennen, müsse man allerdings gelernt haben, kritisch zu denken, sagt der Psychologe: "Wir sollten schon in der Schule neben Theorien und Fakten auch die Herangehensweise der Wissenschaft lehren. Wie teste ich eine Behauptung? Wie gehe ich mit Gegeninterpretationen um?" Um selbst etwas beizutragen, hat sich Hell der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) angeschlossen. Heute ist er stellvertretender Leiter des Wissenschaftsrats der deutschsprachigen Skeptikergesellschaft.

Kämpfer wider das Paranormale. Ihren Ausgang nahm die Bewegung in den USA. Unter Federführung des streitbaren Philosophen Paul Kurtz haben sich 1976 Wissenschaftler und wissenschaftlich Interessierte zum Kampf gegen den irrationalen Glauben an das Paranormale im Committee for the Scientific Investigation of Claims of the Paranormal (CSICOP) zusammengeschlossen. Etwa ebenso wichtig ist heute The Skeptics Society. Ihre Grundüberlegung: Wenn es das Paranormale gäbe, müsste es sich auch mit wissenschaftlich fundierten Methoden nachweisen lassen. Bislang Fehlanzeige, vermelden die Skeptiker zufrieden. Weder wurde die Existenz von UFOs bewiesen, noch gelang es Astrologen, Einigkeit über ihre Prognosen herzustellen, die über die Zufallswahrscheinlichkeit signifikant hinausging. Und die Parapsychologie hat nach mehr als 120-jähriger Forschung kein einziges replizierbares Telepathieexperiment vorzuweisen.

Wichtigstes Sprachrohr der US-Skeptiker ist die Zeitschrift "Skeptical Inquirer". Auf der CSICOP-Website vereinigt ein virtuelles "Skeptiseum" die ganze Palette des Irrglaubens von Kreationismus, UFOs, Außerirdischen über Wunder, Geister, Jenseitskontakte bis zu Kryptozoologie, alternativen Heilmethoden, Aberglauben, Parapsychologie - und wo dabei jeweils der Haken steckt. Zur Quelle von Lourdes, die die gute Bernadette unter Anweisung der Jungfrau Maria 1858 ausgegraben hat, fragt das Skeptiseum neckisch: Kann das Wasser so heilsam sein, wie behauptet, wenn ihre Entdeckerin schon mit 35 Jahren das Zeitliche gesegnet hat?

Manche Skeptiker gehen regelrecht in die Offensive. James Randi, der seine Brötchen unter anderem als Zauberer verdient, entzauberte nicht nur den legendären Löffelbieger Uri Geller. Er setzte auch einen Preis von einer Million Dollar für den Nachweis paranormaler Phänomene aus, vorausgesetzt freilich, dieser wird vor Randis Augen angetreten. Auch die deutschsprachigen Skeptiker der GWUP setzen auf Enttarnung. Wolfgang Hund, der vereinseigene Zauberkünstler, klärt über okkulte Tricktechniken auf. UFO-Experte Walter Werner informiert, zu welcher Tageszeit man wo am Himmel den Planeten Merkur für ein UFO halten kann.

Die Esoterik der Antigläubigen. Von der Mission, das Paranormale wissenschaftlich zu untersuchen, ist derweil außer dem Namen der Vereinigung wenig geblieben. "Die Skeptiker verfolgen nicht einmal die parawissenschaftliche Fachliteratur, von eigener Forschungsarbeit gar nicht zu reden. Sie wissen viel zu wenig von der Materie, um tatsächlich ein Urteil darüber fällen zu können", sagt Edgar Wunder. Der bei Heidelberg beheimatete Soziologe weiß, wovon er spricht. Er war 1987 Gründungsmitglied der GWUP und hat sich mehr als zehn Jahre lang engagiert, zuletzt als Redakteur. Nachdem er die Vereinszeitschrift für Argumente der "Gegenseite" geöffnet hatte, wurde er hinausgeekelt.

Die Skeptiker haben mit den Paragläubigen mehr gemein, als ihnen wahrscheinlich lieb ist, sagt Wunder heute: "Die Skeptiker sind eine Subkultur der Un- und Antigläubigen, die sich gegenseitig in ihren Auffassungen bestätigen. Ihr Zirkel ist relativ geschlossen, was die Kommunikation nach außen betrifft - genau wie die Esoterikbewegung auch, nur mit umgekehrten Vorzeichen." Dem Argument, dass man keine parawissenschaftliche Forschung brauche, weil es sowieso nichts zu beweisen gäbe, will der Soziologe nicht zustimmen. Er räumt ein, sich mehr für den Glauben an Paranormalem zu interessieren als für die Suche nach naturwissenschaftlichen Erklärungen, und fragt: "Warum den Glauben an das Paranormale nicht zunächst ernst nehmen, aber gleichzeitig mit wissenschaftlichen Methoden schauen, was da eigentlich dahinter ist?"

Wunder gab den Anstoß zur Gründung der "Gesellschaft für Anomalistik" in der sich Skeptiker mit Parawissenschaftlern treffen, um die Diskussion auf eine neue, gemeinsame Ebene zu heben. Die Palette der laufenden Forschungen reicht von Parapsychologie und Astrologie über Einflüsse des Mondes, Kugelblitze bis zu UFOs. Ende Februar haben die Anomalisten eine Inhaltsanalyse von Medienberichten über Parawissenschaften veröffentlicht. Vom Boulevardblatt bis zum Nachrichtenmagazin überall der gleiche Trend: Das Thema taugt praktisch nur für reißerische, einseitige und verzerrende Artikel.

Zweifel an den Skeptikern. Wunder folgt ebenfalls einem Vorbild in den USA. Auch dem Soziologen Marcello Truzzi, einem Mitgründer von CSICOP, kamen Zweifel an seinen Gesinnungsgenossen. Für Truzzi beging die Skeptikerbewegung durch ihren Kampf gegen das Paranormale Verrat an ihren eigenen Idealen. Ein echter Skeptiker müsse unvoreingenommen alles hinterfragen, inklusive der eigenen Meinung. Truzzi, der kürzlich verstorben ist, suchte schon in den frühen Achtzigerjahren das Gespräch mit Parawissenschaftlern und gründete das Center for Scientific Anomalies Research. Und nicht nur das, er wurde auch noch Mitglied der wohl bedeutendsten Gegenorganisation der Skeptiker, der Parapsychological Association.

In welchem Lager steckt nun Edgar Wunder? "Ich würde mich weder als Skeptiker noch als Para-Anhänger bezeichnen", verortet sich der deutsche Soziologe neutral. "Ich gehe mit den Paranormalen genauso um wie ein Religionswissenschaftler mit der Religion. Der Religionswissenschaftler muss ja selbst nicht religiös sein, er untersucht die Religion wie andere Leute die Musik, die Kultur oder die Politik."

Unterschiede gibt es freilich in der Art der Untersuchung. Ein Religionswissenschaftler wird kaum in Spukhäusern übernachten oder versuchen, vermeintliche Geister mit der Kamera aufzunehmen, wie es Wunder bereits getan hat. Leider entzogen sich die Gespenster bisher der wissenschaftlichen Erforschung. Immer, wenn er aufgetaucht sei, habe der Spuk aufgehört. Im Gegensatz zu den Anhängern der Geister scheint den Geistern selbst der wissenschaftliche Beweis ihrer Existenz gleichgültig zu sein.

Martina Gröschl ist Mathematikerin und Teilnehmerin des Universitätslehrgangs für Wissenschaftskommunikation.

Committee for the Scientific Investigation of Claims of the Paranormal

www.CSICOP.org

Skeptiseum www.csicop.org/skeptiseum

The Skeptics Society

www.skeptic.com

European Council of Skeptical

Organizations www.esco.org

Gesellschaft zur Wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften www.gwup.org

Gesellschaft für Anomalistik www.anomalistik.de

James Randi Foundation www.randi.org

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