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Daniel Kehlmann | aus HEUREKA 1/03 vom 05.03.2003

Einmal habe ich ein UFO gesehen. Und zwar vor drei Jahren, nachts, über der Autobahn zwischen Mainz und Frankfurt am Main. Ein UFO in der wörtlichen Bedeutung: ein fliegendes Objekt von unbekannter Natur. Wir waren zu viert im Auto, auf dem Rückweg von einer Literaturlesung: am Steuer ein befreundeter Schriftsteller, ich auf dem Beifahrersitz, auf der Rückbank zwei wissenschaftlich geschulte Mitarbeiter unseres Verlags. Und plötzlich war da ein großer Lichtfleck, der ein paar Sekunden starr über uns schwebte, dann heller wurde, im Zickzack abwärts sank, wieder stehen blieb, dann erlosch. Kein Hubschrauber verhielt sich so, kein Flugzeug, kein Feuerwerkskörper. Ich hatte es gesehen, und der Kollege am Steuer hatte es auch gesehen. Nicht gesehen hatten es die beiden auf der Rückbank, und sie glaubten uns kein Wort. Wir beschrieben es aufgeregt, aber sie glaubten es einfach nicht. Sie glauben es nicht, bis heute. Und viele andere, denen ich es seither erzählt habe, glauben es auch nicht.

Darüber, weit mehr als über den sich auffällig benehmenden Lichtpunkt, denke ich immer wieder nach. Dieser kann ja alles Mögliche gewesen sein (etwa eine ungewöhnliche Leuchtrakete), aber was bringt scheinbar vernünftige Menschen dazu, eine empirische Beobachtung anderer Menschen einfach zu leugnen?

Ich glaube, eine falsche Vorstellung von Wissenschaftlichkeit. Wir stehen hier an einer gefährlichen Schwelle: Die Rationalität wird immer dann, wenn sie der Wirklichkeit statt Interpretationen Vorschriften gegenüberstellt, selbst zum Aberglauben. Ist denn die Annahme, dass zwei nüchterne Erwachsene zur selben Zeit derselben Einbildung erliegen, nicht fast so unwahrscheinlich wie die eines von Außerirdischen gesteuerten Flugkörpers?

Und darum werde ich nicht aufhören, von meinem Mainzer UFO zu erzählen. Die Reaktionen zeigen mir zuverlässig, ob sich in scheinbar vernünftigen Leuten nicht doch irrationale Ideologen verbergen. Ich empfehle jedem, sich auch so etwas zuzulegen. Schwer ist das nicht: Wer noch keinem brauchbaren UFO begegnet ist, kann schließlich jederzeit eines erfinden.

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