Die mit den Geistern sprechen

Siegrun Herzog | aus HEUREKA 1/03 vom 05.03.2003

Verachtung, Faszination, Nachahmung - seit 500 Jahren setzt sich die westliche Welt mit dem Schamanismus auseinander. Für die moderne Wissenschaft sind die Geistheiler zu einem Gegenstand geworden, dem sie auf sehr unterschiedliche Weise begegnen. In Wien und München beschäftigen sich Psychologen, Ethnologen und Mediziner mit den Phänomenen.

Überall, schon immer. Nein, das älteste Gewerbe der Welt ist nicht die Prostitution. Es ist der Schamanismus. Behaupten zumindest die Ethnologen, um ihren Studierenden deutlich zu machen, dass diese Tradition des Heilens bis in die Anfänge der Menschheitsgeschichte zurück reicht. Und der Schamanismus ist sicherlich auch ein universelles "Gewerbe", das quasi in allen nichtwestlichen Kulturen praktiziert wurde und zum Teil auch noch wird, egal ob in der Arktis, im nepalesischen Hochland oder im brasilianischen Regenwald.

Gemeinsam ist den Schamanen die Fähigkeit, Bewusstseins- und Wahrnehmungszustände kontrolliert wechseln zu können. Dieser Zustand der "Entfokussierung" erlaubt es ihnen, wie sie sagen, mit den Geistern zu kommunizieren. Der Schamane wird so quasi zum Kanal, der eigene Wille, das Ego ist ausgeschaltet - er wird zum Werkzeug.

Um in diesen Zustand zu gelangen, bedienen sich Schamanen verschiedener Techniken der Bewusstseinsänderung: Die Palette reicht vom völligen Ruhezustand über die ekstatische Trance, die durch Tanzen, Gesänge oder rituelle Stellungen erreicht werden kann, bis hin zur Einnahme bewusstseinserweiternder Drogen. So können Schamanen - zumindest im Verständnis ihrer jeweiligen Kultur - Menschen heilen, aber auch Ereignisse vorhersehen oder das Wetter beeinflussen.

Zwei Arten des Wissens. Während naturwissenschaftliches Wissen objektiv und jederzeit nachprüfbar sein soll, basiert schamanisches Wissen auf subjektiven Emotionen, inneren Bildern, Intuitionen und Erfahrungen. Der kanadische Ethnologe Jeremy Narby, der sich mit den Ashaninca-Indianern im peruanischen Regenwald beschäftigt, vergleicht den schamanischen Erkenntnisprozess mit einem "inneren Mikroskop", mit dem Schamanen in sich selbst hineinschauen. Westliche Wissenschaftler würden dieses Instrument benützen, um von außen auf die Welt zu sehen, würden sie dadurch aber fragmentieren und das "Ganze" aus dem Blick verlieren.

Was die kolonialen Entdecker für Teufelszeug hielten und die Aufklärer als Aberglauben verdammten, hat erst ab etwa 1900 in den Feldforschungen der Ethnologie eine - vergleichsweise - vorurteilsfreie Würdigung gefunden. Der bedeutende französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss stellte den Schamanismus gar auf die gleiche intellektuelle Ebene wie die westliche Wissenschaft. Für ihn waren schamanistische Praktiken schlicht ein grundsätzlich anderer Zugang zu Wissen. Auch wenn so mancher Wissenschaftler bei dieser Gleichsetzung schlucken muss, so blicken doch viele mit großer Neugier auf das anscheinend Unerklärbare. So versuchen Forscher aus verschiedenen Disziplinen immer wieder, den Phänomenen schamanischer Heilungsrituale und Trancezustände auf den Grund zu gehen. Auch an der Universität Wien wurden Versuche durchgeführt, die den körperlichen Symptomen während der Trance nachspüren. Am Institut für experimentelle Psychologie ging man der Frage nach, wie sich die Hirnströme in diesem Zustand verändern. Dabei geht man davon aus, dass das Gehirn sich ähnlich einer Batterie verhält - je aktiver wir sind, desto höher die Aufladung.

Als die Versuchspersonen im Labor in den Trancezustand eintraten, zeigte sich ein deutliches Ansteigen der Elektronegativität, also der Ausdruck eines hyperaktiven Zustands. Am Höhepunkt der Trance glichen die Wellenmuster des Hirnstrombildes aber jenen, wie sie bei mitteltiefem Schlaf auftreten. "Entspannte Hochspannung" nennt Giselher Guttmann, Leiter der Forschungsexperimente, diese Gleichzeitigkeit von psychischer Aktivität und Ruhe.

Mehr als nur messen. Durch eine ausgefeilte Messtechnik lassen sich also gewisse Symptome nachweisen, die auf einen veränderten Bewusstseinszustand schließen lassen. Doch was passiert auf der nicht-messbaren Ebene des Bewusstseins? "Schamanen können das zwar annähernd beschreiben, man müsste jedoch eine eigene Sprache erfinden, um auszudrücken, was sie erleben und wo sie sich befinden", sagt die Ethnologin Dagmar Eigner. Die Dozentin am Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde an der Universität Wien empfindet die rein quantitativen Forschungen schamanischer Phänomene als zu simplifizierend - obwohl sie am Beginn ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit selbst diesen Zugang wählte.

In ihren eigenen Arbeiten versucht Eigner, die Sichtweise der Schamanen miteinzubeziehen. In ihrem aktuellen Forschungsprojekt lässt sie diese ihre Rituale, die zuvor auf Video aufgenommen wurden, selbst kommentieren. So will die Wissenschaftlerin Veränderungen des Ich-Bewusstseins im Heilungsprozess untersuchen. Ihre Habilitationsschrift über schamanische Therapie in Zentralnepal sei jedenfalls eine epistemologische Gratwanderung gewesen: "Ich habe es als besondere Herausforderung erlebt, den Menschen, über die ich forschte gerecht zu werden und gleichzeitig die Ergebnisse in einer Sprache zu verfassen, die von der Scientific Community akzeptiert wird."

Im Expertenkreis genießt Eigner mit ihrem Forschungsschwerpunkt durchaus Ansehen - Forschung über Schamanismus ist ein traditioneller Forschungsbereich der Ethnologie. Die wissenschaftliche Akzeptanz anderer Disziplinen, wie etwa der Medizin, sei jedoch noch kaum gegeben, so Eigner: "Es gibt aber einzelne Einrichtungen, in denen die beiden Systeme zusammenarbeiten: Ethnomed, das Münchner Institut für Ethnomedizin ist so eine." Hier bilden Ärzte und Schamanen ein Team. Veranstaltungen und Seminare bieten Wissenschaftlern, traditionellen Heilern und Interessierten die Möglichkeit zum Austausch.

Euroschamanismus. Über mangelndes Interesse von Seiten der Studierenden kann sich Eigner nicht beklagen. Ihre Lehrveranstaltung über schamanische Therapie war mehr als gut besucht - zwei mal musste sie den Hörsaal wechseln, bis sich kein größerer mehr finden ließ. Auch außerhalb der akademischen Welt scheint der Schamanismus großes Interesse zu finden. Blättert man im Anzeigenteil der Wiener Zeitschriften, könnte man sogar den Eindruck gewinnen, er habe schon feste Wurzel im Westen geschlagen: Die Gaben des heilen Menschseins erfahren, 2-Tages-Seminar mit Schwitzhütte. etc.

Was dabei unter dem inflationär verwendeten Label "Schamanismus" an Dienstleitungen angeboten wird, klingt mitunter recht dubios. Ironischerweise sind es vor allem Westler, die diese Verflachung und Kommerzialisierung nichtwestlicher Herangehensweise kritisieren. So spricht der US-amerikanische Ethnologe Michael Brown von einem Supermarkt, in dem sich New-Age-Anhänger ganz nach Gusto bedienten, ohne sich wirklich mit dem "eigentlichen" Schamanismus auseinander zu setzen.

Bei allem Interesse, das den Schamanen im Westen entgegengebracht wird, ist eine gewisse Einseitigkeit nicht zu übersehen. Die Schamanen geben - Rezepte, Auskünfte, Hirnströme -, die Wissenschaftler, Pharmafirmen und Heilsuchenden nehmen. Für viele Schamanen, aber auch für Ethnologen wie Jeremy Narby ist es an der Zeit, dieser Asymmetrie zu begegnen. Es geht den Schamanen bzw. ihren Ethnien dabei zum einen um sehr handfeste Dinge, wie der Sicherung ihres territorialen und geistigen Eigentums. Und anders als es das westliche Klischee will, sind viele Schamanen zum anderen keineswegs nur auf ihren eigenen Zugang fixiert, sondern interessieren sich auch sehr für die westliche Wissenschaft. Laut Narby möchten sie vor allem mehr über Molekularbiologie erfahren.

Siegrun Herzog ist Geographin und Teilnehmerin des Universitätslehrgangs für Wissenschaftskommunikation.

Schamanen im Netz:

www.institut-ethnomed.de

www.schamanismus.org

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