Einmal Yeti sehen

Julia Harlfinger | aus HEUREKA 1/03 vom 05.03.2003

Bigfoot hat Schuhgröße 61. Die Rückenflosse des Riesenhais misst zwei Meter, und der Zwergelefant lebt weiterhin unentdeckt im Dschungel Zentralafrikas. Kryptozoologen leisten sich den Luxus, nach Tieren zu suchen, die es gar nicht geben darf.

"Bigfoot existiert nicht! Als junger Naturwissenschaftler war ich davon überzeugt und hoffte, es auch beweisen zu können. Das hätte eine Menge Ruhm gebracht." Der Botaniker Vaughn Bryant ist Vorstand des Center for Archaeological Ecology an der Texas A&M University. Der Experte für jahrtausendealten Pollen frönt nebenher einer exquisiten Leidenschaft: Er jagt Bigfoot, den Riesenaffen. Denn inzwischen schließt er nicht mehr aus, dass die waldreichen, abgeschiedenen Regionen im Nordwesten der USA tatsächlich die Heimat des mysteriösen Wesens sind.

Bryant, ursprünglich erpicht darauf, das haarige Monster als Erfindung betrunkener Waldarbeiter und geschäftstüchtiger Souvenirhändler zu entlarven, wurde bei seinen Nachforschungen stutzig. "Obwohl ich in den ,harten Wissenschaften' ausgebildet wurde, beeindruckte mich, wie viele Leute überzeugt waren, dass Bigfoot lebt." Belege dafür - Gipsabdrücke von Fußspuren, Haarproben, Dunghäufchen und Mappen mit Augenzeugenberichten - haben sich in den letzten 33 Jahren in seinem Büro angesammelt. Die meisten stellten sich als plumpe Fälschungen heraus; andere Funde hingegen gaben Bryant zu denken. "Eine Haarprobe aus Idaho konnten wir keinem bekannten Tier zuordnen. Ein Spezialist für Primatenhaare kam zu dem Schluss, dass sie von einer unbekannten Affen- oder Menschenart stammt. Aus Angst, als Spinner dazustehen, wollte er damit aber nicht an die Öffentlichkeit."

Berichte über Riesenaffen, Waldmenschen oder gar Neandertaler gibt es weltweit. Ob russischer Alma, wilder Mann von Java oder australischer Yowie: Die Erzählungen über Körperbau und Verhalten der überaus haarigen und scheuen Wesen gleichen einander auf verblüffende Weise. Hartnäckige Gerüchte über "Relikthominiden" aus der Pamir-Region im Himalaja veranlassten die sowjetische Akademie der Wissenschaften 1954, die Schneemenschen-Kommission zu gründen. Sie sollte endlich dem sonderbaren Geschöpf auf den Pelz rücken, und zwar mit Spürhunden, Tarnzelten und Teleobjektiven - erfolglos.

Psychologen und Kulturwissenschaftler finden für die weltweite Verbreitung vom Mythos über den Affenmenschen verschiedene Erklärungen. Eine Möglichkeit wäre, dass es sich bei den Wildmensch-Erzählungen um von Generation zu Generation tradierte Geschichten aus der Zeit der Menschheitsentstehung handelt. Aus psychoanalytischer Sicht wäre es besonders interessant, so der Psychologe Dieter Sträuli von der Universität Zürich, dass in Großbritannien immer wieder riesenhafte Katzen und Panther gesichtet würden. "Unbewusst gibt es hier das spezifische Bedürfnis, eben diese Tiere zu sehen. Offenbar hängt es eng mit der Geschichte dieser Nation zusammen."

Waren es früher Trolle und Sirenen, so zählen heute, ganz dem Zeitgeist entsprechend, Dinosaurier zu den populärsten Kryptiden - auf jeden Fall besonders bizarre, große oder gefährliche Wesen. Dieter Sträuli gibt zu bedenken, dass es die mythenfreie Zoologie erst seit etwa 300 Jahren gibt. "Viele Menschen sind mit dem skeptischen naturwissenschaftlichen Denken überfordert. Die starke symbolische Funktion von Tieren wurde aus der Zoologie verbannt", so der Experte für Parawissenschaften. Auch Hans-Jörg Vogel, Herausgeber des einschlägigen Magazins "Pterodactylus", schließt nicht aus, dass kulturelle Prägung, Hollywood-Filme und der Stand der Wissenschaft (etwa Hominidenevolution) bei den Sichtungen eine Rolle spielen können.

Dennoch geht der passionierte Kryptozoologe gemeinsam mit mehreren Mitarbeitern "hobbymäßig" Meldungen über unbekannte Wesen auf den Grund. Seine beiden Lieblinge sind der im Kongo vermutete im Wasser lebende Dinosaurier Mokélé Mbembé sowie Carcharodon, ein riesenhafter Hai. "Es ist mir bewusst, dass in den meisten Fällen aus Indizien niemals Beweise werden. Dennoch will ich versuchen herauszufinden, was dahinter steckt", begründet er seinen Forschertrieb. Schließlich hätte man schon im 19. Jahrhundert die Entdeckung weiterer großer Tiere ausgeschlossen. Dem widersprechen die Funde durchaus stattlicher Arten im 20. Jahrhundert: Bis dahin hatte die Wissenschaft zum Beispiel den Riesenmaulhai, den Zwergschimpansen und den dreieinhalb Meter langen Komodowaran schlicht übersehen.

Prominente Wissenschaftler wie die Primatologin Jane Godall sind Mitglieder der International Society of Cryptozoology mit Sitz in Arizona. In den USA sei Kryptozoologie viel populärer als in Europa. "Dort gibt es international angesehene, absolut seriöse Kollegen, die sich nicht zu schade sind, auch in kryptozoologischen Gesellschaften und Zeitschriften aktiv zu sein", beteuert der Zoologe Wolfgang Böhme vom Museum Alexander Koenig in Bonn: "Sie verhindern damit, dass diese spannende Thematik nur durch Nessi, Yeti und Co besetzt wird."

Auch Bigfoot-Forscher Vaughn Bryant tritt für eine Legitimierung der Kryptozoologie durch Akademiker ein. "Wissenschaftler haben die Verantwortung, Mysterien entweder zu widerlegen oder zu beweisen." Die Finanzierung solcher Projekte ist jedoch ein Wunschtraum. Geldgeber wollen ihre Ressourcen nur für Forschung ausgeben, die "solide" Ergebnisse liefert. Wohl mit ein Grund, warum das Sammeln von Augenzeugenberichten in der Kryptozoologie so weit verbreitet ist - es kostet nichts.

Die Kryptozoologie ist gut vernetzt: Es gibt Forschungsgesellschaften, Tagungen, Newsletter und seit kurzem sogar eine eigene Abteilung für Kryptozoologie im Zoologischen Museum von Lausanne. Im Gegensatz zu den "anerkannten" Wissenschaften, wo akademischer Grad und Publikationslisten Aufschluss über die Seriosität eines Forschers geben, ist unter Kryptozoologen der persönliche Kontakt um ein Vielfaches wichtiger. "Dadurch kann man sich vorsichtig aneinander herantasten, um die Glaubwürdigkeit des anderen einzuschätzen", berichtet Vogel aus Erfahrung. Der Wunsch, im Zentrum der Medienaufmerksamkeit zu stehen oder Abenteuertouristen in verschlafene Nester zu locken, beflügelt nämlich die Fantasie. "Man merkt sehr schnell, ob jemand tatsächlich etwas wissenschaftlich Unerklärliches erlebt hat."

Aufgrund von schlechten Erfahrungen wären die wahren Kryptozoologen eine ziemlich verschwiegene Gesellschaft, in der lange abgewägt wird, welche Informationen an die Öffentlichkeit gelangen. "Es hat auch einen gewissen Reiz, Dinge zu wissen, zu denen nicht jeder Zugang hat", so Vogel, der in Kauf nimmt, für seine Faszination belächelt zu werden - ebenso wie die Tatsache, dass die meisten Fragen der Kryptozoologie sich weder beantworten noch abschließen lassen.

Gibt es etwa ein Elefantenkind so groß wie ein Schäferhund? Dessen Mutter nur rund 1,80 Meter misst? Hat sich die Naturwissenschaft einen Elefanten durch die Lappen gehen lassen? Augenzeugenberichte und das Beobachtungsvermögen der Einheimischen und Amateurforscher schienen Wolfgang Böhme so überzeugend, dass der Zoologieprofessor seit einer Expedition in den Siebzigern die Spur des Zwergelefanten verfolgt. Dessen Lebensraum vermutet er im zentralafrikanischen Regenwald. Er nutzt den Bonus, dass er "normalerweise mit sehr konkreten Fragen und sehr realen Problemen der Zoologie nachgeht" und daher auch Fachkollegen gewinnen kann, obwohl die etablierte Wissenschaft generell ignoriert, was nicht sein darf.

Eine andere Art von Minirüsseltieren bevölkerte nachweislich mehrere Mittelmeerinseln, zum Beispiel Kreta, Sizilien oder Zypern. Die Tiere waren nur neunzig Zentimeter hoch - also eher Elefäntchen denn Elefanten. Sie starben vor mehreren tausend Jahren aus, und ihre Knochenfunde ließen die alten Griechen erschaudern. Im Schädel der Tiere gibt es ein großes Loch gleich unter der Stirn - eben dort, wo der Rüssel ansetzt. Die damals einzig plausible Erklärung: In der Höhlung lag ein einziges Auge; damit wurde aus dem verzwergten Rüsseltier ein einäugiges Monster. Und Homer verewigte Polyphem, den menschenfressenden Zyklopen in der "Odyssee".

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