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Oliver Hochadel, Stefan Löffler und Klaus Taschwer | aus HEUREKA 2/03 vom 30.04.2003

Die Stimme der Vernunft war leise. Und sie blieb wieder einmal ungehört. 46 Nobelpreisträger hatten Anfang des Jahres eine gemeinsame Erklärung gegen einen Irakkrieg ohne Mandat der Vereinten Nationen abgegeben. Insgesamt freilich hielt sich der Widerstand der Forscher und ihrer Institutionen gegen das Vorgehen der US-Amerikaner und Briten in Grenzen. Dabei tragen Wissenschaftler und Ingenieure auf alliierter Seite eigentlich eine besondere Verantwortung, denn sie sind es, die jene mehr oder weniger smarten Waffensysteme entwickelt haben, die im Irak eingesetzt wurden.

Auch auf irakischer Seite müssen es Wissenschaftler gewesen sein, die angeblich jene atomaren, biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen fabriziert haben, deretwegen der Krieg geführt wurde. Und selbst danach sind wieder Wissenschaftler gefragt: in Gestalt von Waffeninspektoren, um diese Waffen aufzuspüren und nachzuweisen - falls es sie überhaupt (noch) gibt. Die Labors im österreichischen Seibersdorf werden aber wahrscheinlich keine Proben mehr erhalten wie noch vor dem Krieg, als man keine auffälligen Spuren gefunden hatte. Doch es sind nicht die Wissenschaftler und Techniker, die über Krieg und Frieden entscheiden.

Nicht erst seit dem Irakkrieg ist die Wissenschaft ins Militär eingebettet. Ihre Beziehung reicht zurück bis in die Antike. Schon Archimedes entwarf Katapulte für den kriegerischen Einsatz. Und am Beginn der neuzeitlichen Wissenschaft stand Militärforschung ebenfalls schon hoch im Kurs. So hieß es in der Wissenschaftsutopie "Neu-Atlantis" des englischen Philosophen Francis Bacon: "Wir stellen Geschütze und Kriegsgerät und Maschinen aller Art her, neue Schießpulvermischungen, griechisches Feuer, das auf dem Wasser brennt und nicht ausgelöscht werden kann, ferner alle möglichen Raketen."

Kühne Träume von Unbesiegbarkeit durch neue Waffen treiben die Wissenschaft auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts. "Technology Phantasy" heißt die jährliche Leistungsschau, auf der DARPA ihre neuesten Projekte vorstellt. Robert Triendl hat die Forschungsagentur in der US-Hauptstadt Washington besucht, wo auf effektive Weise militärisch relevante Projekte gefördert und dabei auch Spitzenwissenschaftler von Universitäten eingebunden werden. "Früchte" dieser Forschungen waren nicht nur das berüchtigte Entlaubungsmittel "Agent Orange", das im Vietnamkrieg eingesetzt wurde, sondern auch das Internetprotokoll TCP/IP und der Antrieb für die Tomahawk-Rakete, die im Irakkrieg eingesetzt wurde.

Einer der 46 Nobelpreisträger, die sich im Februar vergeblich gegen den Krieg im Irak aussprachen, war der 1933 aus Deuschland vertriebene Physiker Hans A. Bethe. Im Zweiten Weltkrieg wirkte er an der Entwicklung der ersten beiden Atombomben mit - unser Cover zeigt den am 9. .August 1945 in Nagasaki abgeworfenen "Fat Man". Wenige Monate vor dem 11. September 2001 hat er übrigens auch ein Schreiben an Präsident Bush mitverfasst, in dem er vor terroristischen Anschlägen in den USA warnte. Im Interview erklärt er, dass er damals keine Antwort erhalten, sie aber auch nicht erwartet habe. Die Stimme der Vernunft ist leise.

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