Katalysator Krieg

aus HEUREKA 2/03 vom 30.04.2003

Viele entscheidende Durchbrüche in den verschiedensten Bereichen von Wissenschaft und Technik verdanken sich Forschungen rund um den Krieg. Eine kleine Auswahl.

Astronomie. Nach einem weltweiten Verbot von Atomtests 1963 befürchteten die US-Amerikaner, dass die Sowjets diese einfach in den Weltraum verlegen würden. Um diese Tests im All nachweisen zu können, installierte man Satelliten, die die dabei frei werdende Gammastrahlung erfassen sollten. Sowjetische Weltraumtests wurden damit zwar nie bemerkt, dafür aber wurde bereits in den Sechzigerjahren Gammastrahlung aus einer weit entfernten Quelle entdeckt. Erst in den Neunzigerjahren hat man dann verstanden, dass diese von Supernovas stammte, die an ihrem "Lebensende" in einer gewaltigen Explosion Gammastrahlen abgeben.

Computer. Der Computer hat zahlreiche Wurzeln, viele lassen sich auf neuartige Verfahren der maschinellen Datenverarbeitung zurückführen, die im Zweiten Weltkrieg entwickelt wurden. Um zum Beispiel die mit der Enigmamaschine verschlüsselten Einsatzbefehle der Deutschen zu entziffern, koppelten die englischen Kryptoanalytiker um den Mathematiker Alan Turing ihre Entschlüsselungsmaschinen aneinander und vervielfachten dadurch deren Rechenleistung.

Ernährungswissenschaft. Leerer Bauch kämpft nicht gern. Was aber genau und wie viel sollten Soldaten zu sich nehmen? Um dies herauszufinden, wurden Ende des 19. Jahrhunderts Ernährungsexperimente an jungen Rekruten durchgeführt. So wurde die Referenzperson konstruiert, also Angaben oder Vorschriften darüber, wie viel "man" von was essen soll. Der Tagesbedarf steht heute auf jeder Müslipackung.

Flugzeugbau. Wurden vor 1914 insgesamt gerade mal ein paar Tausend Flugzeuge produziert, waren es während des Ersten Weltkrieges 200.000. Die Fluggeschwindigkeit konnte von 100 auf 200 Stundenkilometer, die Motorleistung von 100 auf 300 PS und die Flughöhe von 1200 auf 9000 Meter gesteigert werden. Der Zeitdruck des Krieges konnte aber auch Innovationen hemmen, da man sich nicht auf langwierige Entwicklungsphasen einlassen wollte. Nicht zuletzt kam es zu zahlreichen tödlichen Unfällen mit nicht ausgereiften Modellen. Im Zweiten Weltkrieg wurden unter anderem Düsentriebwerke entwickelt, und die später zivil genutzte Boeing 707 begann ihre Karriere als Transportflugzeug der US-Luftwaffe.

Global Positioning System (GPS). Ein Großteil der unlängst auf den Irak niedergegangenen Bomben war GPS-gesteuert. Mit diesem satellitengestützten Peil- und Ortungssystem kann das US-Militär beliebige Punkte auf der Erde bis auf wenige Meter genau anvisieren. Aufgrund der zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten etwa in Luft und Schifffahrt, im Individualverkehr und im Vermessungswesen sah sich das Militär gezwungen, diese ursprünglich rein im militärischen Kontext entwickelte Technologie auch zivil nutzen zu lassen. Das US-Militär behält sich allerdings vor, das System bei Bedarf abzuschalten bzw. die Genauigkeit zu verringern.

Hygiene. Nur ein gesunder Soldat ist ein guter Soldat. So bemühten sich die Preußen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Kasernen "gesund" zu bauen. Im Gegensatz zu den zivilen Mietskasernen Berlins waren die Armeeunterkünfte hell, luftig und mit einer "ordentlichen Latrine" versehen. Auch hinsichtlich der individuellen Körperpflege hatte die im Militär geforderte und eingeübte Hygiene Vorbildfunktion für den zivilen Bereich.

Internet. Die militärische Obsession mit "Command, Control and Communication" steht am Anfang des Internetprotokolls. Dabei spielte die Advanced Research Projects Agency (ARPA, später DARPA, s. S. 7-9) eine zentrale Rolle. Um die von ARPA finanzierten Projekte sicher zu vernetzen, entwickelten die Forscher ein Kommunikationsnetzwerk, das sogar einen Nuklearangriff überstehen und dann die Aktivierungssignale für einen Gegenschlag weiterleiten sollte. Um Computer verschiedener Hersteller im ARPANET miteinander zu vernetzen, baute man "Minicomputer", so genannte "Interface Message Processors" (IMP), ein. 1972 wurde dann das Network Control Protocol (NCP) als Kommunikationsstandard zwischen den IMPs festgesetzt. Aus NCP wurde dann ein paar Jahre später TCP/IP, das Transmission Control Protocol/Internet Protocol.

Kernenergie. Bereits beim Bau der Atombombe (1941-1945) sinnierten die beteiligten Physiker darüber, wie man die ausgelöste Kernspaltung in Gang halten und somit als Energiequelle nutzbar machen könnte. Die erste Umsetzung erfolgte noch im militärischen Kontext bei atomgetriebenen U-Booten, bevor dann in den Fünfziger- und Sechzigerjahren die ersten Kernkraftwerke gebaut wurden.

Massenproduktion. Bereits im 18. Jahrhundert experimentierten Gewehrfabriken und Artillerieschmieden in Frankreich mit der Produktion von Waffen, deren Bestandteile austauschbar sein sollten. Damit sollte die bis dahin übliche zeitraubende Einzelanfertigung überwunden werden. Aber erst als die Gewehreinzelteile ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts maschinell hergestellt wurden, setzte sich die Methode der Produktion mit austauschbaren Teilen durch. Die Linie führt hier von den Waffenmanufakturen Connecticuts zur zivilen Fließbandproduktion beim Automobilhersteller Ford Anfang des 20. Jahrhunderts.

Mikroelektronik. Zu Beginn des Kalten Krieges konzentrierte sich die Rüstungsforschung auf moderne Flugzeugtypen und Raketen. Entscheidendes Kriterium war neben der Verlässlichkeit das geringe Gewicht der Steuerungstechnik. Dieser Schrumpfungsdruck ließ die elektronischen Bauteile immer kleiner werden - sie kamen bald auch in der Fahrzeugtechnik, in Elektrogeräten und im Computer zum Einsatz. Der Chip gilt somit als klassischer Spin-off.

Medizin. Hippokrates, dem Ahnherr der Ärzte, wird die Aussage zugeschrieben, dass der Krieg die beste Schule für den Chirurgen sei. Die schrecklichsten Kopfwunden wurden während des Zweiten Weltkriegs zum instruktiven "Anschauungsmaterial" für die Neuro- und Gehirnchirurgie. Auch die Behandlung von Wirbelsäulenverletzungen machte entscheidende Fortschritte. Bis dahin kam eine Querschnittslähmung in den meisten Fällen einem Todesurteil gleich.

Radar. Im Zweiten Weltkrieg entwickelten englische und US-amerikanische Wissenschaftler das Radar (Radio detecting and ranging). Mit dessen Hilfe wurden etwa 200 deutsche U-Boote geortet und versenkt. Gleichzeitig verbesserte das Radar die Orientierung der alliierten Flugzeuge enorm. Der Boom der zivilen Luftfahrt nach 1945 wäre ohne das Radar kaum vorstellbar gewesen.

Raketenantrieb. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelten die Nazis die vermeintliche Wunderwaffe V2 (s. S. 16-18). Die von Wernher von Braun konzipierte Flüssigkeitsrakete erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von 5500 Stundenkilometern. Diese Technologie bildete die Grundlage für die zivile Raumfahrt nach 1945. O. H.

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