Der Einsatz der Forschung

Robert Triendl | aus HEUREKA 2/03 vom 30.04.2003

Die Geheimwaffe der US-Militärforschung heißt DARPA. Die hocheffiziente Forschungsförderungsagentur managt im Auftrag des Verteidigungsministeriums seit 1958 wissenschaftliche Projekte mit Anwendungsnähe: vom berüchtigten Entlaubungsmittel Agent Orange über das Internetprotokoll TCP/IP bis zum Tarnkappenbomber. Ein Lokalaugenschein.

Fairfax ist ein boomender Vorort im Süden der US-Hauptstadt Washington. Die Hälfte der erwachsenen Einwohner hat einen Universitätsabschluss. Zwischen kürzlich fertig gestellten Wohnkomplexen und solchen, die sich noch im Bau befinden, steht das unscheinbare Bürogebäude von DARPA, der Defense Advanced Research Projects Agency. Der dunkle Glasbau hat wenig gemein mit den repräsentativen Regierungsgebäuden ein paar U-Bahn-Stationen stadteinwärts. Auch die nur ein paar Straßenecken entfernten Bürogebäude der National Science Foundation und des Office of Naval Research sind weitaus großzügiger angelegt.

Schon der Eingangsbereich des im Übrigen nur gemieteten Gebäudes vermittelt, was bei DARPA zählt: Funktionalität, Flexibilität und Effizienz. Weder Insigniensammlungen noch Flaggen, nicht einmal Fotos zieren die Wände der Eingangshalle. Es gibt nur einige unauffällige Glasvitrinen, in denen Souvenirs angeboten werden. Die Sicherheitskontrollen halten sich in Grenzen. Bis vor einigen Jahren genügte selbst für Besucher aus dem Ausland ein beliebiger Lichtbildausweis. Inzwischen müssen sich Besucher, die nicht die US-Staatsbürgerschaft besitzen, im Vorhinein registrieren lassen, damit ihnen der Zutritt genehmigt wird.

Beim Besucherempfang ist gerade Platz für eine Hand voll Leute; niemand darf ohne Begleitung weiter ins Gebäude vordringen. Als mich schließlich eine der Sicherheitspersonen zu meinem Termin bringt, bin ich erleichtert: Alleine hätte ich mich in den schmalen, fensterlosen Korridoren bestimmt verlaufen. Während ich auf meinen Gesprächspartner warte, höre ich unfreiwillig mit, was im Nebenraum gesprochen wird - viele Bürotüren stehen offen.

Kaum zu glauben, dass es bei DARPA auch schon Projektleiter gegeben haben soll, die bei jeder Besprechung ein Gerät zur Störung von Abhöranlagen eingeschaltet hatten. Die Dokumentenstapel in allen Ecken der viel zu kleinen, viel zu vollen Büros vermitteln eine Arbeitsatmosphäre, wie sie an den US-amerikanischen Universitäten üblich ist - und so soll es wohl auch sein: Universitäten gehören zu den wichtigsten Partnern der Agentur.

Alan Rudolph ist seit vier Jahren Projektleiter bei DARPA und unter seinen Kollegen damit schon ein Veteran. Vorher hat er in einem Labor der US-Marine über künstliche Blutprodukte geforscht. Sein Vorhaben wurde eingestellt - an blutigen Kriegen schien zumindest damals keiner mehr interessiert. Bei DARPA beschäftigt sich Rudolph nun als Forschungsmanager mit Projekten über Sensoren, die elektroaktive Zellen nutzen, sowie mit elektronischen Bauelementen, die auf Biomolekülen aufbauen sollen.

Von Anfang an wurden bei DARPA Forscher von Universitäten, Forschungszentren oder Firmen als Projektleiter angeheuert. Die meisten kehren nach zwei bis drei Jahren auf ihre ursprüngliche Position zurück. Die Bürokratie ist so minimal, dass Finanzierungen über Dritte abgewickelt werden. Die Hierarchie ist flach. Mit Ausnahme der Direktoren erhalten Mitarbeiter in aller Regel nur Zeitverträge. Der US-Technikhistoriker Thomas P. Hughes prägte dafür den Begriff "postmodernes Projektmanagement".

Unter den Forschern, die Alan Rudolph bislang finanziert hat, war zum Beispiel ein Neurobiologe, der Roboter entwickelt hat, die das Verhalten von Hummern simulieren. Oder Verhaltensforscher, die einen Bienenschwarm zur Aufspürung von Explosivstoffen trainieren wollten. In einem anderen Programm fördert Rudolph eine gerade erst gegründete Firma, die eine Technik entwickeln will, mit der sich die Informationen eines einzelnen DNS-Moleküls lesen lassen. Das gesamte menschliche Erbgut ließe sich so in wenigen Stunden bestimmen.

Rund zwei Milliarden US-Dollar hat DARPA pro Jahr zu vergeben. Ihre Forschungsprogramme sind meist auf drei bis fünf Jahre angelegt und verfügen in der Regel über ein Budget in der Höhe von fünf bis zehn Millionen US-Dollar jährlich. Geht es um die Entwicklung kompletter Waffensysteme, können es auch Hunderte von Millionen sein. Innerhalb ihrer Budgets entscheiden die mehr als 200 Projektleiter so gut wie autonom, wen oder was sie fördern. Auch bei der Entwicklung neuer Programme spielen sie eine entscheidende Rolle. Nichts ist also leichter für einen DARPA-Projektleiter, als Freunde zu gewinnen - vor allem falsche.

Nach meinem Gesprächstermin schaue ich in eine gerade stattfindende Halbjahreskonferenz hinein, im Hausjargon "Principal Investigator Meeting" genannt. Es geht um das Forschungsprogramm in Neuroethologie, also über die nervlichen Grundlagen tierischen Verhaltens. Ein deutscher Biologe referiert über die Verhaltensweisen Blut saugender Insekten. Wie er zu DARPA kam? Man sei an ihn herangetreten und habe ihn ermutigt, einen Projektantrag einzureichen. Ähnlich ging es einem japanischen Strukturbiologen, der auf einem "Kick-off-Meeting" zum Thema Molekularmotoren spricht.

Biologie ist ein noch junges Terrain für DARPA. Ende der Neunzigerjahre hat die bis dahin auf Informationstechnologie, Software, Mikroelektronik und Materialforschung spezialisierte Forschungsförderungsagentur begonnen, biologische und medizinische Forschung zu finanzieren. Und das geschieht bei DARPA, die nach wie vor dem Verteidigungsministerium unterstellt ist, anders als bei den großen Forschungsbehörden und -fonds der USA wie der National Science Foundation oder den National Institutes of Health: Es gibt nämlich kein Gutachtersystem. Bei der Entwicklung neuer Forschungsfelder investiert die Agentur in erster Linie in Köpfe.

Dass DARPA Forscher im Ausland unterstützt, ist keine Seltenheit. Insbesondere israelische, britische und australische Wissenschaftler kommen immer wieder zum Zug - allerdings unter der Voraussetzung, dass es in den USA niemanden gibt, der Vergleichbares leisten kann. Ein Gutteil der von DARPA finanzierten Forschung ist öffentlich zugänglich und wird auch in wissenschaftlichen Fachzeitschriften publiziert. Das könnte sich nun allerdings ändern. Die Bush-Administration bereitet angeblich eine neue Klassifizierung nicht geheimer, aber "sensibler" Forschung vor, mit der die Zirkulation militärisch relevanter Ergebnisse beschränkt werden soll.

Anwendungsnähe oder "Capabilities", wie es bei DARPA heißt, ist in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Das Militär erwartet sich unter anderem Miniaturflugkörper, die im Straßenkampf eingesetzt werden können, tragbare Sensoren, die möglichst viele biologische und chemische Kampfstoffe schnellstmöglich aufspüren, bis hin zu Kommunikationssystemen für konventionelle Kriegsführung.

Das bedeutet ein strenges Projektmanagement. Wer sich von DARPA finanzieren lässt, muss genaue Zeitpläne einhalten und in Kauf nehmen, dass der Projektfortschritt häufig vor Ort kontrolliert wird. Das Motto Anwendungsnähe geht mitunter so weit, dass Wissenschaftlern, die an einer Halbjahreskonferenz teilnehmen, als "Extra" ein Tag Straßenkampf in einem Übungslager der US Marines verordnet wird.

Eine Ende der Neunzigerjahre herausgegebene Broschüre über Technologien, die mit DARPA-Mitteln entwickelt wurden, listet Raketenmotoren für Tomahawk-Raketen ebenso auf wie Tarnkappenbomber und das im Vietnamkrieg großflächig versprühte Entlaubungsmittel Agent Orange. In Afghanistan und zuletzt im Irak kam im Auftrag von DARPA entwickelte Mobilfunktechnologie zum Einsatz. Auch in Raumfahrt, Materialforschung und Medizin haben die Projekte Spuren hinterlassen.

Doch mit keinem zivilen Anwendungsbereich ist DARPA so eng verknüpft wie mit dem Computer. Viele der ersten Departments für Informatik in den USA wurden mit DARPA-Geld gegründet, und noch heute kommen erhebliche Forschungsmittel für Mikroelektronik oder Software aus Fairfax. Die lange Liste der Entwicklungen umfasst unter anderem so genannte VLSI-Chips, RAID-Speicher und Software für Parallelrechner.

Geradezu ein Mythos wurde die Rolle von DARPA bei der Entwicklung des Internetprotokolls TCP/IP. Am Anfang stand der Gedanke, ein Kommunikationsnetzwerk aufzubauen, das selbst durch einen Nuklearangriff nicht ausgeschaltet werden könnte. Gewöhnliche Netzwerke sind wegen ihrer hierarchischen Struktur verwundbar, fällt ein zentraler Knotenpunkt aus, sind weite Teile lahm gelegt. Beim so genannten "packet switching" hingegen werden Daten in handlichen Paketen versandt, die über verschiedene Pfade an ihr Ziel gelangen können.

Nicht nur eine Menge an technischen Ideen von DARPA hat Geschichte gemacht, sondern vor allem auch die Organisationsstruktur. Dabei ist diese flexible Organisation, die mehr von einem Wagniskapitalfonds hat als von einer Regierungsbehörde, eigentlich ein Relikt des Kalten Kriegs. Ins Leben gerufen wurde sie 1958 unter dem Namen "Advanced Research Projects Agency" (ARPA), nachdem die Sowjets mit dem Sputnik als Erste in den Weltraum vorgestoßen waren. Unabhängig von den eigenen Forschungs- und Technologieprojekten der Militärs sollte das Pentagon damit unmittelbaren Zugriff auf Spitzenforschung erhalten - bis vor wenigen Jahren unterstand DARPA auch der direkten Kontrolle des US-Verteidigungsministers.

Zur Flexibilität von DARPA zählt auch, dass nicht nur Universitäten und Forschungsinstitute gefördert werden, sondern auch Firmen. Unter denen, die in ihren Anfangsjahren Aufträge erhielten, sind solche Schwergewichte wie Sun Microsystems oder Silicon Graphics. Heute ist das Pentagon zwar nicht mehr der mit Abstand wichtigste Kunde der Computerbranche, aber die Netzwerke, die am DARPA im Lauf der Jahrzehnte geknüpft wurden, halten noch immer. Steven Squires, Forschungschef von Hewlett Packard, und David Tennenhouse, der technische Direktor von Intel, sind ehemalige DARPA-Projektleiter. Und nach dem Ende des Internetbooms und dem Versiegen des Risikokapitals sind Gelder aus Fairfax bei Start-up-Firmen wieder gefragt.

Mit großzügigen Finanzierungen hat DARPA von der Informatik über die Materialforschung bis zur Mikroelektronik immer wieder dazu beigetragen, neue fachübergreifende Forschungsbereiche zu erschließen und zu etablieren. Der Wissenschaftskritiker Rostum Roy sieht in DARPA den schlagenden Beweis dafür, dass Forschungsfinanzierung auch ohne die "Diktatur der Peer-Review" funktioniert. Voriges Jahr hat die National Academy of Science der US-Regierung vorgeschlagen, nach dem Vorbild der DARPA eine neue Agentur zur Förderung chancenreicher medizinischer Forschung ins Leben zu rufen. Die Begründung: Solche hochinnovativen Forschungsprojekte kommen in den zu Strukturkonservativität neigenden Gutachtersystemen traditionell zu kurz.

Bei DARPA wird gerne in Kauf genommen, dass auch spekulative Projekte gefördert werden, die mitunter an Fantastereien aus Science-Fiction-Magazinen der Sechzigerjahre erinnern. Bereitschaft zum Risiko ist Teil des Images und wohl auch der PR-Strategie. Die alljährliche Präsentation der neuen Programme und Projekte trägt jedenfalls den Namen "Technology Fantasy" - vielleicht auch deshalb, um den beteiligten Wissenschaftlern zu suggerieren, dass die militärische Anwendung ihrer Forschung nur Fiktion ist. <

Robert Triendl lebt und arbeitet in Tokio und ist derzeit im Bereich Technologietransfer tätig. Er war an mehreren DARPA-Projekten als Berater beteiligt.

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