Ein bisschen Frieden

Karin Chladek | aus HEUREKA 2/03 vom 30.04.2003

Keine Wissenschaft ist so sehr mit dem Krieg beschäftigt wie die Friedensforschung. Doch womit beschäftigen sich die Vertreter dieses interdisziplinären Fachs tatsächlich, das rund um den Irakkrieg für seine "Erfolglosigkeit" kritisiert wurde? Porträt einer Wissenschaft hinter den Fronten und zwischen den Disziplinen.

Die mediale Logik. "Medien haben immer das größte Interesse an bewaffneten Konflikten und an dramatischen Kriegsverläufen. Wir hier in Oslo bekamen viele Fragen zum Irakkrieg herein. Aber sobald es um die Post-Konflikt-Forschung, also die mühsame Aufbauarbeit in Krisengebieten wie zum Beispiel Sri Lanka, geht, verlieren die meisten Medien das Interesse." Stein Toennesson, Direktor des International Peace Research Centre Oslo (PRIO), gibt sich abgeklärt. Er wird öfter danach gefragt, wer zum nächsten Friedensnobelpreisträger gekürt wird, als danach, woran er eigentlich forscht. Und das, obwohl sein Institut gar kein Stimmrecht im Nobel-Komitee hat.

Wenn auch die mediale Berichterstattung über die Friedensforschung anscheinend zu wünschen übrig lässt - über einen Mangel an Ressourcen kann der Leiter des angesehenen Instituts nicht klagen. Das PRIO hat ein Jahresbudget von fünfzig Millionen Norwegischen Kronen (rund 6,4 Millionen Euro) und beschäftigt 58 Mitarbeiter plus Studenten. Gegründet wurde es 1959 von keinem Geringeren als Johan Galtung, dem "großen alten Mann" der Friedensforschung und Träger des - alternativen - Friedensnobelpreises. Gemeinsam mit seinem schwedischen Schwesterinstitut, dem sieben Jahre jüngeren Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI), zählt PRIO zu den renommiertesten Friedensforschungszentren, von denen es weltweit inzwischen mehr als dreißig gibt.

Friedensforschungsschwerpunkte. Fragen also wenigstens wir, zu welchen Themen Stein Toennesson und seine Kollegen forschen. Der norwegische Politikwissenschaftler und Asienexperte leitet gerade ein Forschungsprojekt über "Sicherheit und maritime Konflikte in Ostasien" - ein seit dem Ende der Fünfzigerjahre von der Friedensforschung beackertes Feld, das durch die Krise rund um Nordkorea plötzlich wieder sehr aktuell wurde.

Andere Forschungsschwerpunkte galten am PRIO in den letzten Jahren Untersuchungen über die Bedingungen für Krieg und Frieden, über Normen und Identitäten, über internationale Sicherheitspolitik sowie über Beilegung von Konflikten und "Peacebuilding". Während man sich in Oslo also vor allem auf Konfliktanalysen konzentriert, widmet sich SIPRI in Stockholm komplementär dazu der schwierigen Dokumentation der weltweiten Auf- und Abrüstung sowie den internationalen Budgets für militärische Ausgaben. Das jährlich erscheinende "SIPRI Yearbook" ist das weltweit anerkannteste Standardwerk zu diesen Fragen.

In Deutschland, wo die Friedensforschung traditionell sehr stark vertreten ist, gibt es eine ähnlich bunte und arbeitsteilige Themenvielfalt - und seit kurzem ähnlich großzügige Forschungsmittel: Seit dem Jahr 2000 fördert die vom Staat eingerichtete Deutsche Stiftung Friedensforschung mit einem Stiftungsvermögen von 25,56 Millionen Euro Projekte wie "Präventive Rüstungskontrolle und Nanotechnologien" oder die "Evaluierung der Transition vom Konflikt zum Frieden in Ruanda".

Harte und weiche Themen. "Es gibt vor allem in Deutschland einen Zweig der Friedensforschung, an dem die Naturwissenschaften einen starken Anteil haben", meint Herbert Wulf, einer der bekanntesten deutschen Friedensforscher. Der ehemalige Direktor des Internationalen Konversionszentrums Bonn (BICC) findet eine Unterscheidung zwischen "harter" und "weicher" Friedensforschung dabei durchaus sinnvoll: "Es gibt nun einmal eher ,harte' Themen wie die Auseinandersetzung mit Waffensystemen oder Daten über Militärausgaben. Andererseits ist die ,weiche' Analyse von sozialen und historischen Ursachen für Konflikte und die Entwicklung von Methoden für Konfliktmanagement mindestens ebenso wichtig."

Diese Heterogenität der Friedensforschung mag auf den ersten Blick verwirren. Sie schafft natürlich auch Probleme in der Ausbildung. Was soll ein angehender Friedensforscher am besten studieren? Oder sollte Friedensforschung als Studienfach angeboten werden? "Wir haben uns über eine verstärkte Formalisierung der Ausbildung in der Friedensforschung natürlich Gedanken gemacht", erklärt Stein Toennesson: "Man könnte schon ein Curriculum für eine wissenschaftliche Grundausbildung zusammenstellen, allerdings glaube ich, dass es für Spitzenforschung sinnvoller ist, gute Leute mit absolvierter Grundausbildung in unterschiedlichen wissenschaftlichen Fachgebieten zusammenzubringen und weiterzuschulen."

Krieg im Innern. Der vielleicht interessanteste Trend in der Friedensforschung geht derzeit in Richtung Transformation von Kriegen - unter besonderer Berücksichtigung von innerstaatlichen Konflikten. Warum gerade die Bürgerkriege verstärkter Aufmerksamkeit bedürfen, wird anhand von Zahlen sichtbar, die vom SIPRI und der Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) erhoben wurden: Laut AKUF waren 1999 nur noch neun Prozent aller Kriege Staatenkriege, während 41 Prozent als Antiregimekriege und 32 Prozent als Autonomie- bzw. Sezessionskriege klassifiziert wurden.

Nach Angaben des SIPRI wurden jene 15 Konflikte, die 2001 die meisten Opfer forderten, innerstaatlich ausgetragen. Allerdings wird darauf verwiesen, dass bei all diesen Konflikten externe Akteure eine wesentliche Rolle spielten. Elf Konflikte dauerten bereits länger als acht Jahre - und waren damit Beispiele für "low intensity warfares", die seit dem Ende des Kalten Krieges zur massiven Bedrohung insbesondere der Zivilbevölkerung Afrikas wurden. Die Zahlen der Kriegsopfer zeigen die dramatischen Folgen dieser Entwicklungen: Laut AKUF waren in den jüngsten Kriegen etwa achtzig Prozent der Opfer unter der Zivilbevölkerung zu finden, während in früheren Kriegen nur zehn Prozent der Opfer Zivilisten waren.

Wenn diese Entwicklungen von der medialen Berichterstattung schon nicht wahrgenommen werden, so kümmert sich wenigstens die Friedensforschung darum: Im Januar 2003 wurde am PRIO ein neues Centre for the Study of Civil War (CSCW) eingerichtet - als eines von 13 norwegischen Centres of Excellence. Die Basisfinanzierung ist damit bis 2013 gesichert. Und das Thema wird sich wohl so schnell nicht erübrigen.

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