Gib dem Krieg eine Chance

Stefan Löffler | aus HEUREKA 2/03 vom 30.04.2003

Herfried Münkler war während des Irakkriegs in den Medien präsenter als die ganze Friedensforschung zusammen. Dabei ist der Appell des Berliner Politologen, Kriege rational zu betrachten und die Rationalität seiner Akteure zu analysieren, eher kühl als sensationsheischend.

Über vieles könnte man mit Herfried Münkler sprechen. Etwa über den Renaissance-Machttheoretiker Niccolò Machiavelli, über den er jahrelang gearbeitet hat. Über Gemeinwohl und Gemeinsinn. Und womöglich auch über den Wiener Physiker Anton Zeilinger, dessen neues Werk ganz oben auf dem Bücherstapel vor ihm liegt. Aber all die Interviews, für die der Berliner Politologe bis Ostern einen großen Teil seiner vorlesungsfreien Zeit geopfert hat, handeln vom Krieg.

Baulärm dringt in sein Büro an der Humboldt-Universität, vor dem Fenster steht ein Gerüst. Münkler, der eher wie ein Manager wirkt als wie ein Professor, zündet sich eine Lucky Strike an und berichtet, was er während des dritten Golfkriegs gelernt hat: "Am härtesten sind Interviews für Nachrichtensendungen. Kürzlich bin ich im Studio mit dem Satz begrüßt worden: ,Heute haben wir besonders viel Zeit, Herr Professor.' Der Redakteur meinte zweieinhalb Minuten. Aber das Format, auf das ein deutscher Professor geeicht ist, beträgt neunzig Minuten." Talkshows meide er, doch gegenüber seriösen Medien fühle er sich verpflichtet. Die universitäre Politikwissenschaft dürfe das Feld nicht abhängigen oder selbsterklärten Experten überlassen.

Während er das sagt, nimmt seine Sekretärin nebenan Anfragen entgegen. Der Norddeutsche Rundfunk will ein Interview, die "Badische Zeitung" auch, und das Deutschlandradio gibt den Studiotermin durch. In den deutschsprachigen Medien füllte Münkler deshalb eine Lücke, weil kaum ein Intellektueller bereit war, das Vorgehen der USA im Irak so kühl zu analysieren und zu rechtfertigen wie er.

Freilich gab es auch Redaktionen, die Münkler wegen dieser Haltung nicht im Blatt haben wollten. Und auf manchem Podium, auf dem er in den letzten Monaten saß, erntete er hasserfüllte Zwischenrufe. Die Diskutanten selbst seien aber in der Regel "schon bereit gewesen, die Chancen und Risiken dieses Krieges abzuwägen".

Was empfiehlt er als Kriegsforscher Menschen, denen der Krieg nahe geht? "Die Relationen wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die Kriege von Angola über den Kongo bis Zentralasien, die eben nicht als Medienereignis inszenierbar sind, fordern ein Vielfaches der Opfer, die im Irak zu beklagen sind. Aber weil es keine spektakulären Bilder gibt, werden sie vergessen", sagt Münkler. Das klingt sehr rational, hat er auch emotionalen Rat? "Letztlich ist es der Appell, den Krieg rational zu betrachten. Emotionalität ist nicht meine Sache."

Er ist nicht so plakativ wie sein von ihm geschätzter US-Kollege Edward Luttwak, der einmal einen Aufsatz unter dem Titel "Give war a chance" publizierte. Münkler argumentiert vor allem ökonomisch. "Man muss die Rationalität der Akteure suchen", lautet sein Credo. Zwischen entwickelten Staaten würden sich Kriege nicht rechnen, weil beide Seiten die Kosten viel höher bewerten, als im günstigsten Fall herauszuholen ist. Anders bei den "neuen Kriegen", denen er sein jüngstes Buch gewidmet hat.

Diese Kriege würden von Warlords angezettelt, denen es gelänge, "Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren", wie Münkler schreibt. Selbst ernannte Befreiungsbewegungen in Afrika, Lateinamerika oder Asien finanzieren sich durch Schwarzhandel mit Edelmetallen und -steinen, Tropenholz, Rauschgift und Menschen. Mitunter sind es auch die Hilfsgüter, die von der Internationalen Gemeinschaft aus Mitleid mit Kriegsflüchtlingen geschickt werden, die das Geschäft der Warlords und damit den Krieg am Laufen halten. Je weniger von einem Staat übrig ist, desto billiger ist es, ihn dort zu führen. Alles, was Warlords brauchen, sind Gewehre, Landminen, Fahrzeuge. Unter Kindern und Jugendlichen, die ohne Perspektive heranwachsen, finden sie willige Soldaten. Bisweilen gibt es auch regelrechte Kriegsinvestoren in Exilgemeinden oder Nachbarländern.

Bürgerkriege, die eigentlich Staatszerfallskriege sind, seien schwer zu beenden, weil ihre Logik der von zwischenstaatlichen Kriegen zuwiderlaufe. Münkler spricht denn auch nicht von Friedensprozessen, sondern "von der Umstellung von Bürgerkriegsökonomien auf Friedensökonomien. Die Warlords dürfen die Milliarden, die sie abgezweigt haben, nicht sicher haben. Sonst bleiben solche Kriege ein attraktives Mittel, auf Kosten von Millionen anderen reich zu werden." Und dann bleibt noch "die Frage, wo kriegt man eine korruptionsresistente Elite her, die den Staat nicht als Beute betrachtet?".

Den einzigen Krieg, der derzeit in Europa geführt wird, beobachtet Münkler mit Skepsis. Unterbezahlte russische Soldaten haben den Tschetschenen die nötigen Waffen verkauft. "Nun ist es ungeheuer schwierig, da rauszukommen, weil Russland nicht die Mittel hat, um den Wiederaufbau Tschetscheniens zu finanzieren. Und so halten sie das verwüstete Land in diesen mafiosen Strukturen fest und zwingen die Leute, sich mit diesen Strukturen zu arrangieren." Der Aufbau nach einem zwischenstaatlichen Krieg wie im Irak sei dagegen wesentlich leichter, so Münkler: "Da kann man auf die Erfahrungen nach den Weltkriegen in Europa zurückgreifen."

Generell sieht Münkler die Zukunft allerdings skeptisch, denn es "stehen sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine schnell wachsende Anzahl von Krisengebieten und eine eng begrenzte Menge interventionsfähiger, aufgrund ihrer spezifischen Interessenlage sowie ihrer politischen Verfassung jedoch nur selten interventionsbereiter Mächte gegenüber", wie er in "Die neuen Kriege" schreibt. Für Warlords und Terroristen sei es ausgesprochen billig, Kriege zu entfachen. Dagegen werden Interventionen, um die Einhaltung von Menschenrechten oder die Abrüstung illegal aufgerüsteter Massenvernichtungsarsenale durchzusetzen, immer teurer.

Obwohl er sich seit vielen Jahren mit Kriegen befasst, hat Münkler noch nie einen Kriegsschauplatz aufgesucht. "Was man von Konflikten aus dem Hotel heraus wahrnimmt, ist im Prinzip Gerüchteverwertung. Die Fülle der journalistischen Berichte eignet sich dann durchaus zur wissenschaftlichen Bearbeitung", beschreibt der Politologe seine Forscherrationalität. Dafür reisen einige seiner Mitarbeiter in Bürgerkriegsgebiete. "Das ist ein riskantes Unternehmen: Ein Doktorand von mir ist im Sudan inhaftiert und muss jetzt unter Zuhilfenahme politischer Kanäle wieder herausgeholt werden."

Neue Bücher von Herfried Münkler:

Die neuen Kriege. Reinbek 2002 (Rowohlt). 285 S., e 20,50

Vom Kriege. Weilerswist 2002 (Velbrück). 256 S., e 29,90

Der neue Golfkrieg. Reinbek 2003 (Rowohlt). 160 S., e 13,20

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