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Daniel Kehlmann | aus HEUREKA 2/03 vom 30.04.2003

Schon lange erzählt man uns, dass Krieg eine Wissenschaft sei. Dass man Strategie und Taktik erlernen könne, dass die Figur des über Karten gebeugten, mit Zeigestab, Laserpointer oder aufsteckbaren Fähnchen ausgestatteten Feldherrn wohl moralisch ambivalent, aber doch in ihrer kühlen Rationalität bewundernswert sei.

Der bis heute wirksamste Angriff auf diese Vorstellung ist Leo Tolstois "Krieg und Frieden". Die Zeit der napoleonischen Kriege gilt gemeinhin als erster Höhepunkt der noch jungen Kriegswissenschaft; Napoleon soll seine Truppenbewegungen mit jenem überlegen vorausblickenden Verstand gesteuert haben, der den Fährnissen des Zufalls keinen Raum ließ. Bei Tolstoi aber ist er eine lächer-liche Witzfigur, die von allen Ereignissen als Letzter erfährt, ein Popanz, der bloß etwas wirkungsvoller als seine deutschen Gegner (natürlich allesamt studierte Taktiker) vorzutäuschen vermag, das Chaos des Schlachtfelds zu durchschauen. Zu seiner Gegenfigur wird der russische Oberbefehlshaber Kutusow, dessen Größe darin liegt, dass er keine Sekunde glauben macht, den Kriegsverlauf beeinflussen zu können. Wer immer sich als Schlachtenlenker ausgibt, ist für Tolstoi ein Hochstapler: "Wenn Napoleon während seiner Herrschaft ständig Anweisungen gab, in England einzufallen, auf keine andere Unternehmung so viel Zeit und Mühe wandte und dennoch während all der Zeit nicht einmal versuchte diesen Plan auszuführen, andererseits aber einen Feldzug nach Russland unternahm, ein Land, mit dem er eigentlich eine Allianz schmieden wollte - dann lag das eben daran, dass seine Befehle im ersten Fall nicht dem Lauf der Ereignisse entsprachen, im zweiten aber schon."

Tolstoi vertritt seine These mit ungeheurer Überzeugungskraft. Aber ist sie auch richtig? Nun, auf jeden Fall so richtig wie das Gegenbild vom souveränen Kommandanten, der im Tarnanzug seine Presseerklärungen abgibt. Krieg mag vieles sein, vielleicht sogar planbar. Eine Wissenschaft aber, daran erinnert Tolstoi uns nachdrücklich, sicher nicht.

Von Daniel Kehlmann ist gerade der Roman Ich und Kaminski bei Suhrkamp erschienen.

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