Erwischt!

Erika Müller | aus HEUREKA 2/03 vom 30.04.2003

Nirgends versteht man mehr von der Erkennung nuklearer Spuren als in Seibersdorf. Dort wird in den Labors der Internationalen Atomenergiebehörde mit feinster Methodik analysiert, was Waffeninspektoren im Irak und anderswo sammeln. Bei der Interpretation der Befunde sind die Wissenschaftler dann allerdings nicht mehr gefragt.

Technisch gesehen hätte in Seibersdorf, rund dreißig Kilometer südöstlich von Wien, die Entscheidung für Krieg oder Frieden im Irak fallen sollen. Rein technisch gesehen, wie gesagt, denn die USA haben die Befunde aus den Labors der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) ignoriert. Der Waffengang gegen Saddam Hussein begann, obwohl die Wissenschaftler keine Hinweise auf das ihm unterstellte nukleare Waffenprogramm fanden.

"Wir haben den technischen Teil gemacht", gibt sich David Donohue pragmatisch. "Es liegt nicht an uns, den Rest zu bewerten. Die Entscheidungen fallen anderswo." Donohue ist Chemiker, US-Bürger und ehemaliger Waffeninspektor. Heute ist er einer von 150 Wissenschaftlern, die in Seibersdorf für die IAEA tätig sind. Seine Abteilung, die 39 Wissenschaftler und Techniker umfasst, nennt sich Safeguards Analytical Laboratory und wertet Proben der Inspektoren aus.

"Uns entgeht nichts, unsere Methodik ist bombensicher", sagt Donohue. 1991 war er als einer jener Inspektoren im Irak, die das geheim gehaltene atomare Waffenprogramm aufdeckten. "Wir fanden Staubproben, deren Urangehalt von den offiziellen irakischen Angaben abwich", erzählt Donohue. Schon damals setzten die Inspektoren ein Arsenal ausgefeilter Instrumente ein: Strahlendetektoren, Gamma-Spektrometer und Multikanal-Analysatoren. Seitdem wurde die Methodik stets weiter verfeinert.

Partikel von Staub, Wasser und Luft, die den inspizierten Orten entnommen werden, decken unerbittlich auf, ob dort mit radioaktivem Material hantiert worden ist. Die Proben werden mit Wischtüchern genommen; Standard bei der Suche nach Uran und Plutonium ist ein zehn mal zehn Zentimeter großes Baumwolltuch. Mit solchen Fetzen Stoff haben Waffeninspektoren der IAEA und UNMOVIC bis Mitte März im Irak über Wände, Fußböden und Geräte gewischt. Die Tücher wurden etikettiert und nach Seibersdorf geschickt.

Im so genannten Clean Lab werden die Proben unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen ausgewertet. Die Luft ist gefiltert, der Eintritt erfolgt durch klinkenlose Türen mit Spezialschlüssel. Gearbeitet wird mit Schutzanzug, Überschuhen und Kopfbedeckung. Nur sieben Wissenschaftler haben Zutritt. "Jeder Mensch stellt ein Verunreinigungsrisiko dar", erklärt Donohue.

Die Routinen im 1995 eingerichteten Clean Lab sind hochtechnisiert. "Ein Roboterarm packt erst das Tuch, dann werden mittels Röntgen-Fluoreszenz-Spektroskopie die Gammastrahlen aufgespürt", schildert Donohue. Dabei entsteht eine violette Karte, die Hinweise auf etwaige Uranspuren gibt. Mit einem Massenspektrometer wird die isotopische Zusammensetzung gemessen. "Wir bewegen uns hier im Piko-Bereich. Es können also Billionstel Gramm Uran oder Plutonium nachgewiesen werden."

Dem Tuch, das während der Analyse immer in einem kleinen Plastiksack eingeschweißt bleibt, entgeht nichts. Zudem werden die Proben an Partnerlabors in Deutschland, Australien, Japan, den USA, Russland, England oder Frankreich geschickt, die alle auf ein "einheitliches Ergebnis ohne signifikante Abweichungen" kommen müssen. Als Fehlerquelle bleiben diejenigen, die die Proben nehmen. Die Inspektoren können durchaus falsch wischen, erklärt Donohue. Darum führt er eigens ein Wisch-Training für angehende Inspektoren durch.

Die Analysen aus Seibersdorf liefern allerdings nur die Faktengrundlage. Interpretiert werden die Daten aber im Hauptquartier der IAEA in der Wiener UNO-City. Dabei wird berücksichtigt, unter welchen Bedingungen die Proben entnommen wurden, wie die Behörden des Landes kooperiert haben und ob die Daten mit denen älterer Proben übereinstimmen oder von diesen abweichen. Vor allem aber werden sie mit den offiziellen Angaben der betreffenden Länder verglichen.

Die Prozeduren der IAEA sind gründlich, aber zu langwierig, wie die US-Regierung findet. Auch David Albright vom Institut für Wissenschaft und Internationale Sicherheit in Washington, der seit elf Jahren mit der IAEA zusammenarbeitet, kritisiert in einem "ZEIT"-Interview, dass die von den Vereinten Nationen in den Irak geschickten Inspektoren "nicht einfach nach Massenvernichtungswaffen gesucht haben". Sie hätten vielmehr versucht, das Überwachungsprogramm, das bis 1998 existierte, wieder aufzubauen. "Deshalb sind die Inspektoren zu Hunderten von Orten gefahren, obwohl das absolut sinnlos war." Die Analyse im Labor scheint jedenfalls nicht das Problem gewesen zu sein. Donohue verweist darauf, dass die letzten Proben aus dem Irak in aller Ruhe getestet werden konnten: "Im Labor geht es sehr zügig. Aber die Inspektoren vor Ort hätten mehr Zeit gebraucht."

Dass Donohue und seinen Kollegen nun nach dem Irakkrieg die Arbeit ausgehen könnte, ist nicht zu befürchten - zumal nun die vermeintlichen Waffenprogramme Syriens und des Irans ins Visier insbesondere der USA gerückt sind. Neue Proben aus dem Irak wird er dagegen vielleicht so bald nicht zu Gesicht bekommen. Dort suchen die US-Besatzer nun nämlich auf eigene Faust nach Beweisen für die vermuteten Atombombenpläne. <

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige