"Eisenhower hörte noch auf uns"

aus HEUREKA 2/03 vom 30.04.2003

Interview: André Behr und Lars Reichardt

Der heute 97-jährige Hans Albrecht Bethe war nicht nur an der Entwicklung der Atombombe beteiligt, sondern hat sich danach auch für atomare Abrüstung engagiert. Ein Gespräch mit den Physik-Nobelpreisträger über den Bau der Bombe, einige US-Präsidenten und das schwierige Verhältnis von Wissen und Macht.

Beim "Manhattan Project", wie der Codename für den Bau der Atombombe hieß, leitete Hans A. Bethe in Los Alamos/New Mexico ab 1943 die Theoriegruppe. Unter seinen dortigen Kollegen trug der Physiker, der 1906 in Straßburg geboren wurde und in Frankfurt und München studierte, den Spitznamen "das Schlachtschiff". Bethe, der 1933 zunächst nach Großbritannien geflüchtet war, wurde Mitte der Dreißigerjahre an die Cornell University in Ithaca im US-Staat New York berufen, wohin er nach Kriegsende zurückkehrte, und wo er bis zu seiner Emeritierung 1975 lehrte und noch heute wohnt. Für die Erklärung der Energieerzeugung der Sonne wurde er 1967 mit dem Physik-Nobelpreis ausgezeichnet.

Dieses Interview wurde im November 2001 geführt. Seitdem haben die USA ihre Forschungsaufwendungen zur Verteidigung gegen terroristische Anschläge erheblich ausgeweitet. Gleichzeitig geht die von Bethe kritisierte Entwicklung eines Raketenabwehrschildes im Weltraum, die bereits mehr als hundert Milliarden Dollar verschlungen hat, unvermindert weiter.

heureka: Herr Bethe, Sie haben in verantwortlicher Position zur Entwicklung der ersten Atombombe beigetragen.

Bethe: Sie müssen in mein linkes Ohr sprechen. Rechts höre ich nichts mehr.

Bereuen Sie Ihre Mitarbeit?

Ich bedaure, dass diese Waffe existiert, aber die Atombombe zu bauen und in Hiroshima einzusetzen war unter den damaligen Umständen richtig. Wir hatten die Japaner auf See und in der Luft besiegt, aber sie hätten nicht aufgegeben. Erst die Atombombe bewirkte, dass sich der Tenno gegen seine Militärs stellte und kapitulierte. Die meisten Wissenschaftler, die an der Bombe gearbeitet haben, hatten ein schlechtes Gewissen. Zugleich waren wir stolz, unseren Job erledigt zu haben.

Hätten Sie die Atombombe selbst gebaut, wenn Sie sich damals sicher gewesen wären, der Einzige zu sein, der dies vermag?

Nein, ich hätte es nicht getan. Aber Ihre Frage beruht auf einer sehr unwahrscheinlichen Annahme. Vielleicht bin ich der Letzte, der die ganze Physik seiner Zeit verstanden hat, doch das ist lange her. Seit 1950 hat sich die Physik viel zu schnell entwickelt, als dass noch irgendjemand auf sämtlichen Gebieten mithalten könnte. Heute sind Hunderte Wissenschaftler so gut wie ich und wissen, wie man diese Waffen bauen kann.

Vor Jahren veröffentlichten zwei Harvard-Studenten den Bauplan einer Atombombe.

Es steht in Büchern, wahrscheinlich sogar im Internet. Es gibt keinen Weg, dieses Wissen wieder aus der Welt zu schaffen. Deswegen meine ich ja: Reduziert die Zahl der Bomben. Nicht bis auf null. Im Notfall müssen wir sie gegen Leute wie Bin Laden einsetzen können.

Sie kämpfen seit langem für Abrüstung.

Ab 1957 erfüllte ich meine Pflicht im President's Science Advisory Committee, dem wissenschaftlichen Beirat des Weißen Hauses, später in einem Unterkomitee. Präsident Eisenhower ließ sich von der Notwendigkeit eines atomaren Versuchsstopps überzeugen. Auf unseren Rat setzte er einen Sekretär ein, der die Forschung zwischen Luftwaffe, Flotte und Armee koordiniert. Eisenhower mochte Wissenschaftler nicht besonders, aber er hörte auf uns. Kennedy war noch besser, aber er wurde ermordet. Johnson schenkte uns dann schon weniger Aufmerksamkeit. Und Nixon wollte überhaupt nichts mehr mit uns zu tun haben, weil wir gegen sein Lieblingsprojekt waren, ein viel zu teures Überschall-Passagierflugzeug. Wir haben den USA viele Milliarden Dollar gespart, aber Nixon löste den wissenschaftlichen Beirat einfach auf. Ich erinnere mich nicht, welcher Präsident ihn wieder einsetzte, doch der Beirat wurde nie wieder das, was er einmal war.

1963 hatten Sie jedenfalls Erfolg mit einem Verbot von Atomtests.

Ja, von Tests in der Atmosphäre, aber nicht von unterirdischen. Schon auf Eisenhowers und Chruschtschows Initiative hatten wir schon Ende der Fünfzigerjahre eine Konferenz mit russischen Wissenschaftlern in Genf. Wir verstanden uns glänzend und kamen überein, dass es möglich ist, verbotene Atomexplosionen zu entdecken. Später engagierte ich mich auch für den Nichtverbreitungsvertrag und habe mich immer für eine drastische Reduzierung der Nuklearsprengköpfe eingesetzt. Fünfzig würden genügen, um Terroristen in Schach zu halten.

Edward Teller, mit dem Sie an der Wasserstoffbombe arbeiteten, sprach sich gegen eine Reduzierung aus.

Später hat er Reagan auch die Pläne für eine Raketenabwehr im Weltraum eingeredet, die ich für unausführbar halte.

Die Wasserstoffbombe bezeichnete Teller als ein Mittel zur Friedenserhaltung.

Er ist sehr gut im Erfinden solcher Sätze. Er will wirklich Frieden, aber nur auf seine Weise. Teller war sicher, dass die Russen die H-Bombe innerhalb von fünf Jahren bauen könnten und der Kalte Krieg uns keine Wahl lassen würde. Nachdem er mich davon überzeugt hatte, wie eine H-Bombe technisch realisiert werden kann, glaubte ich seiner Prognose und kehrte für einige Monate zurück nach Los Alamos, um ihm zu helfen.

Lassen Sie uns ins Jahr 2001 springen: Wenige Monate vor dem 11. September haben Sie ein Schreiben an US-Präsident George W. Bush mitverfasst, in dem Sie vor terroristischen Anschlägen in den USA warnten. Hat er Ihnen je geantwortet?

Der Inhalt wurde Bush erst im Spätsommer zur Kenntnis gebracht. Ich hätte allerdings auch nie eine Antwort erwartet.

Obwohl Sie eine so bedeutende Persönlichkeit sind?

Ich bin nicht bedeutend. Bei der Regierung landen solche Schreiben in irgendeiner Ablage. Unser Thema hat niemanden interessiert.

In dem Schreiben rieten Sie und viele berühmte Wissenschaftler Bush von seinen teuren Plänen für eine nationale Raketenabwehr ab und prophezeiten, dass die Gefahr, die von Terroristen ausgeht, sehr viel größer sei als die Bedrohung durch feindliche Nationen.

Russland ist derzeit nicht unser Feind, deswegen sind solche Weltraumpläne einfach unsinnig. Die Terroristen des 11. September kamen nicht aus dem Weltall, sie brauchten auch keine Interkontinentalraketen. Abgesehen davon, dass so ein Abwehrschirm ohnehin nicht funktionieren würde.

Warum nicht?

Man könnte einen Raketenabwehrschirm austricksen, indem man Bomben entwickelt, die außerhalb der Atmosphäre in einem Behälter fliegen. Der Behälter bewegt sich im Weltraum wegen des fehlenden Luftwiderstands ebenso leicht wie eine einzelne Rakete und könnte dort Dutzende Bomben plus Attrappen abwerfen, die beim Eintritt in die Atmosphäre kaum voneinander zu unterscheiden wären. Das haben wir in den Sechzigerjahren schon dem damaligen Verteidigungsminister McNamara gesagt. Heute planen sie, Interkontinentalraketen kurz nach dem Start, bevor sie aus der Atmosphäre austreten, abzuschießen. Das behebt aber nicht das prinzipielle Problem, echte Bomben von Attrappen zu unterscheiden.

Für Terroristen wäre es ohnehin viel einfacher - wie in Ihrem Schreiben dargelegt -, eine in Einzelteile zerlegte Atombombe in die USA zu bringen.

Es landen täglich so viele Schiffe in den Häfen von New York oder New Orleans, in denen können Sie Hunderte von Atombomben einschmuggeln.

Wie schwer muss man sich so einen Sprengkopf vorstellen?

Russen und Amerikaner haben auch derart kleine Atombomben gebaut, dass sie von einer Person getragen werden können.

Hatten Sie je selbst eine in der Hand?

Nein, ich habe nur einmal eine Atombombe gesehen. Die war allerdings größer.

Terroristen wie Bin Laden hätten gerne eine Atombombe.

Eine selbst zu bauen ist alles andere als einfach. Dafür bräuchte man zwanzig bis fünfzig erstklassig ausgebildete Ingenieure und Physiker. Und würden Terroristen eine Trägerrakete kaufen, könnte man deren Weg dank unserer Satelliten über jeden einzelnen Meter verfolgen. Das Pentagon weiß dann sehr genau, welche Waffe es gegen so ein Ziel braucht. Einzelne Sprengköpfe wären allerdings nicht so leicht zu orten.

Sie vertrauen dem Pentagon?

Ich vertraue unseren Satelliten. Die haben sehr gute Augen und sehen bestimmt, wenn zum Beispiel aus der Ukraine oder aus Kasachstan eine Nuklearrakete abtransportiert wird.

Sie haben sich immer für die zivile Nutzung der Kernenergie stark gemacht.

Das stimmt. Atomkraftwerke sind immer sicherer geworden.

Sind sie auch sicher bei Jumboabstürzen?

Eine Attacke wie am 11. September würde eine gewisse Menge Radioaktivität freisetzen, aber weit weniger als bei der Reaktorexplosion in Tschernobyl. Ein Flugzeugabsturz auf ein Atomkraftwerk würde höchstwahrscheinlich nur im Umkreis von einem Kilometer zu einer ernsthaften Verseuchung führen.

Sie haben keine Angst?

Wir haben einen Präsidenten gewählt, der ständig betont, wie stark die USA seien. Dabei sind wir sehr verletzlich.

André Behr ist freier Wissenschaftsjournalist in Zürich, Lars Reichardt Kulturredakteur des "Magazins" der "Süddeutschen Zeitung" in München.

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