Die Selbstmobilmachung

Martina Gröschl | aus HEUREKA 2/03 vom 30.04.2003

Gleichgeschaltet und von oben kontrolliert. Das ist das gern gezeichnete Bild von der Rüstungsforschung im Nationalsozialismus. Doch die Wirklichkeit sah anders aus: Bereitwillig stellten sich Wissenschaft und Industrie in den Dienst des Krieges. Schließlich winkten Fördermittel, Karriere und der Dank des Vaterlands.

Wunderwaffen. Militärisch gesehen verfehlte die V2 ihr Ziel. Die Angriffe auf London und Antwerpen forderten zwar ein paar Tausend Tote, sie brachten dennoch nicht den gewünschten Erfolg: die drohende Niederlage für Hitlerdeutschland in letzter Minute abzuwenden. Technisch gesehen war die in Peenemünde von Ingenieuren um Wernher von Braun entwickelte Raketenwaffe hingegen ein Meisterwerk. Sie erreichte als erste Langstreckenrakete der Welt die vierfache Schallgeschwindigkeit. Leiter Walter Dornberger stand mit vollem Engagement hinter dem Projekt und hatte gute Kontakte zu Rüstungsminister Albert Speer. 300 Millionen Reichsmark wurden in Forschung und Entwicklung investiert.

Im Gegensatz dazu blieb das Uranprojekt, im Zuge dessen das wirtschaftliche und militärische Potenzial der Kernspaltung erforscht werden sollte, in den Anfängen stecken. Es hatte mit zehn Millionen Reichsmark im Vergleich zu Peenemünde ein winziges Budget. Nicht einmal der Leiter des Projekts war von dessen Sinnhaftigkeit überzeugt: "Ach, hören Sie mir doch mit ihrer Atomkackerei auf", herrschte Ministerialdirigent Erich Schumann seinen Referenten, den Kernphysiker Kurt Diebner, an, dem er auch im Großen und Ganzen das Projekt überließ.

Damit urteilte der Chefwissenschaftler des Heereswaffenamtes zwar nicht im Sinne der Nachwelt, aber durchaus im Sinne des Führers. Auch Adolf Hitlers Verständnis für "revolutionäre" kriegstechnische Projekte wie den Bau einer Atombombe hielt sich in Grenzen. Zumindest ab September 1939 also ab Beginn des Krieges, denn deren zeitaufwändige Entwicklung passte nicht in das Konzept einer auf kurzfristigen Vorsprung ausgerichteten Rüstungsplanung. Rüstungsforschung war für Hitler nur dann sinnvoll, wenn sich damit der Krieg auf einen Schlag beenden ließe. Und davon musste man ihn erst überzeugen.

Vitamin B. Der Erfolg bei der Beschaffung von Geldmitteln für technologisch anspruchsvolle Rüstungsprogramme hing damit auch von dem persönlichen Einsatz der Projektleiter ab. Sie mussten ihre Projekte den höchsten Stellen geschickt verkaufen, erklärt der Wiener Historiker Mitchell Ash. Er hat sich mit dem Wissenschaftswandel im Nationalsozialismus am Beispiel der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, der Vorgängerinstitution der Max-Planck-Gesellschaft, beschäftigt: "Es kam darauf an, zu welchen Instanzen man durchdringen konnte und wie diese Instanzen zu Hitler standen", zeichnet der Ordinarius für Geschichte ein Bild der Rüstungspolitik im Dritten Reich, das nicht der weit verbreiteten Vorstellung einer von höchster Stelle straff organisierten Rüstungsforschung entspricht.

Die an den Projekten beteiligten Wissenschaftler und Techniker stilisierten sich im Nachhinein gerne als unschuldige Opfer, die vom bösen Naziregime zur Kriegsforschung gezwungen worden war. Vom Einsatz von KZ-Häftlingen für Forschung und Produktion will man nichts gewusst haben. Die "kummervollen Kriegsjahre" (Wernher von Braun 1963) habe man damit verbracht, die eigene Forschung möglichst unbeschadet weiterzubetreiben. Im Fall der V2-Rakete hieß das zwar Waffenforschung - aber immer in Hinblick auf die Erschließung eines "unerschöpflichen, faszinierenden Betätigungsfeldes" (ebenfalls Braun), sprich: die Eroberung des Weltalls. Wurde Wernher von Braun doch nach dem Krieg als Raketenforscher in die USA geholt und avancierte dort mit der Mondrakete Saturn zur Symbolfigur der Weltraumfahrt.

Selbstmobilisierung. Der verklärende Blick auf die Vergangenheit - immer nur die Erhaltung und Weiterentwicklung der eigenen wissenschaftlichen Disziplin vor Augen gehabt zu haben - war nach dem Krieg typisch für wissenschaftliche Institute wie die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG). Die DPG konnte sich durch die Wahl des Nicht-NSDAP-Mitglieds Carl Ramsauer zum Vorsitzenden im Jahr 1940 eine vom politischen Regime vergleichsweise unabhängige Position bewahren. Diese entpuppte sich jedoch als zweischneidig, denn sie führte statt zu einer totalitären Gleichschaltung von außen zu einer Selbstmobilisierung von innen.

Kriegsforschung war für Ramsauer nichts Außergewöhnliches. Seine physikalische Karriere begann er im Kaiserlichen Torpedolaboratorium in Kiel. Als nach dem Scheitern des Blitzkrieges 1940/41 die waffentechnologischen Mängel der Wehrmacht offenkundig wurden, sah er es als seine patriotische Pflicht, dem Militär als Experte zur Verfügung zu stehen, und bewirkte dadurch, dass er und seine Gesellschaft aktiv auf die Rüstungspolitik Einfluss nehmen konnten.

Grundlagen des Tötens. Nicht einmal um den Anschein einer Distanz zum NS-Regime bemühte sich das Kaiser-Wilhelm-Institut für Strömungsforschung in Göttingen unter der Leitung von Ludwig Prandtl. Der Physiker war loyaler Anhänger des NS-Staates und Träger zahlreicher Ämter und Ehrungen. Er strich von vornherein die Bedeutung der Strömungsforschung für kriegstechnische Anwendungen heraus und bekam bereits 1935 die ersten Aufträge von staatlichen Stellen.

Entsprechend gestaltete sich die Forschungstätigkeit des Instituts: "Untersuchung von Geschosskörpern unter Wasser" heißt es da wenig zweideutig in einer Notiz in Prandtls Akten vom Jänner 1943 über "Arbeiten im Interessensbereich der Kriegsmarine". Nicht zu vergessen sind auch die "gelegentlichen Beratungen des Marine-Observatoriums in Greifswald über Nebelauflösung", bei denen es sich um Untersuchungen zur Vorbereitung des Einsatzes von Giftgas auf See handelte.

Das wirft ein neues Licht auf die Grundlagenforschung im Dritten Reich, die bisher von tieferen Verstrickungen mit der Kriegsforschung freigesprochen war. Damit erscheint auch das Bild von einer Wissenschaft und Technik, die in den Dienst der Diktatur gezwungen wurde, immer mehr als eine nachträgliche Rechtfertigung und Legendenbildung: Für Mitchell Ash ist das "eines der wesentlichsten Ergebnisse der wissenschaftshistorischen Forschung der letzten Zeit".

Inneres Wettrüsten. In der Industrie hatte Rüstungsforschung eine lange Tradition. Einige Unternehmen erkannten bereits 1935 die Zeichen der Zeit und stellten sich auf Krieg um. Die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft (AEG) - nebenbei bemerkt bis zu ihrer Liquidierung 1996 neben Siemens der wichtigste deutsche Elektrotechnikkonzern - startete mit der Kündigung des Versailler Vertrags ihre Wiederaufrüstungsprogramme und bewarb diese kräftig.

Die AEG und ihre Tochter Telefunken hatten auch ausreichend kriegsrelevantes Equipment zu bieten: Ortungsgeräte, Scheinwerfer, Sendeanlagen und Funkmessgeräte gehörten ebenso zu ihrer Produktpalette wie Geschütze, Granaten, Minen und Zünder. Telefunken mutierte mit einem Wehrmacht-Auftragsvolumen von fast 83 Prozent nahezu vollständig zum Rüstungskonzern. Das Forschungsinstitut der AEG bot dem Heereswaffenamt von sich aus seine Dienste an - ungeachtet der Tatsache, dass sich ein Großteil des Unternehmens in ausländischen Händen befand.

Boom der Luftfahrt. Auch das Forschungsengagement der Luftfahrtindustrie ging über die reine Pflichterfüllung weit hinaus. Die Aufrüstung der Luftwaffe war das größte industrielle Projekt des Dritten Reiches. 1940 stellte die Luftfahrt ein Siebtel der deutschen Industriebeschäftigten. Für die großen Luftfahrtfirmen wie Junkers, Messerschmitt oder Heinkel bedeutete diese totale Vereinnahmung ihrer Produktion jedoch einen erheblichen Unsicherheitsfaktor für die Zeit nach der Mobilmachung. Sie kompensierten diesen durch die Entwicklung neuer Flugzeugtypen, für die es auch eine Option auf zivile Nutzung gab.

Es setzte ein Entwicklungsboom ein, der selbst dem Reichsluftfahrtsministerium (RLM) bald zu viel wurde: So forderte Ernst Udet, Leiter des Technischen Amtes, im Juni 1937 eine Konzentration auf "Standardtypen", die schneller und vor allem billiger zu produzieren waren als die Wunderflieger der industriellen Konstrukteure.

Diese Forderung hinterließ bei den Firmen jedoch wenig Eindruck. Der harte interne Konkurrenzkampf führte zu einem vom Staat nicht mehr kontrollierbaren Wettrüsten der Unternehmen, und beflüglete sie zu Höchstleistungen. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: strahlturbinengetriebene Flugzeuge und unbemannte Lenkflugkörper, die nach Ende des Krieges den an der Entwicklung Beteiligten sichere Einkommen in den Luftfahrtunternehmen der ehemaligen Feinde garantierten.

"Unsere Wünsche waren gar nicht bescheiden, aber wir durften mit Genugtuung feststellen, dass dem neuen Ministerium gerade das Beste gut genug war", zeigte sich Ludwig Prandtl 1937 anlässlich des ersten Spatenstiches zu einem neuen Windkanal voll des Lobes für das RLM. Der Dank ließ nicht lange auf sich warten: Während des Krieges wurde das Kaiser-Wilhelm-Institut für Strömungsforschung hauptsächlich vom RLM finanziert.

Pflicht und Chancen. Die AEG war durch die Weltwirtschaftskrise fast in den Konkurs geschlittert und konnte sich mit den Rüstungsaufträgen der Wehrmacht vor dem Ruin retten. Institute wie die Deutsche Physikalische Gesellschaft sahen den kriegstechnischen Dienst am Vaterland als patriotische Pflicht. Die Luftfahrtindustrie rüstete für eine sichere Zukunft.

Was auch immer die Motive von Wissenschaft und Industrie gewesen waren - sie hatten sich aus freien Stücken und mit mehr Eigeninitiative in den Dienst des NS-Regimes gestellt, als ihre Vertreter nach 1945 zugeben wollten. Dieser Befund von der Selbstmobilisierung der deutschen Wissenschaft deckt sich mit neueren Forschungsansätzen, wie sie etwa vom Historiker Götz Aly vertreten werden.

Das NS-Regime war demnach deshalb so "erfolgreich", weil es jenen Menschen, die es nicht ausschloss und ermordete, vorher nie da gewesene Chancen und Aufstiegsmöglichkeiten bot. Dies erzeugte starke Loyalitäten und erklärt auch, warum so viele, Wissenschaftler und Nichtwissenschaftler, dem Regime bis in die letzten Tage im Frühjahr 1945 treu blieben, als die V2s in Peenemünde gen Westen aufstiegen. <

Helmut Maier (Hg.): Rüstungsforschung im Nationalsozialismus. Organisation, Mobilisierung und Entgrenzung der Technikwissenschaften. Göttingen 2002 (Wallstein). 432 S., e 29,90

Doris Kaufmann (Hg.): Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Bestandsaufnahmen und Perspektiven der Forschung. 2 Bände. Göttingen 2000 (Wallstein). Zus. 767 S., e 41,-

www.mpiwg-berlin.mpg.de/KWG

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