Made in Ostmark

aus HEUREKA 2/03 vom 30.04.2003

Eine Selbstmobilisierung der Forscher, die sich dem NS-Regime andienten und um Ressourcen buhlten, lässt sich zwischen 1938 und 1945 auch für die "Ostmark" konstatieren. Aber anders als in Deutschland ist die in Österreich betriebene kriegswichtige Forschung bisher kaum untersucht worden. Während die Produktionsseite der österreichischen Rüstungsindustrie, in der NS-Zeit bereits wiederholt Gegenstand des historischen Interesses wurde, ist über die Rüstungsforschung, die im Rahmen von Universitäten, technischen Hochschulen und der Akademie der Wissenschaften betrieben wurde, noch wenig bekannt. Die Forschung befasst sich hier bisher immer noch überwiegend mit den personal- und organisationsrechtlichen Maßnahmen, also mit Entlassungen bzw. Neuberufungen und Umstrukturierungen.

Soweit auf Forschungsinhalte eingegangen wird, ist bis heute eine apologetische Tendenz weit verbreitet. Die Eingriffe des NS-Regimes werden gern als "Behinderung der Wissenschaftsfreiheit" charakterisiert, so etwa für die Ergebnisse von Geheimaufträgen. Veröffentlichungsverbote in den institutionellen Selbstdarstellungen der Fünfziger- und Sechzigerjahre rechtfertigte man sich oft damit, dass man die Aufträge für kriegswirtschaftlich wichtige Forschungen ja nur deshalb angenommen habe, weil man dadurch Arbeitsplätze für junge Forscher zu gewinnen bzw. deren "Unabkömmlich-Stellung" zu erwirken hoffte. Man habe also keine Aufträge ergattern, sondern junge Männer vor der Einberufung bewahren wollen.

Die schlechte Quellenlage - viele Unterlagen sind bei Kriegsende vernichtet worden - erleichtert die historischen Forschungen nicht gerade. Das gilt insbesondere für die technischen Hochschulen, obwohl diese in die Forschung besonders stark eingebunden waren. So wurden etwa an der damaligen TH in Wien für die Raketenversuchsanstalt Peenemünde Forschungsaufträge betreffend Messwertübertragungsanlagen für die V2 bearbeitet. Auch die Wehrmacht erteilte der heutigen TU Wien zahlreiche Aufträge, zum Beispiel für Betriebsstoffe für Kraftfahrzeuge und Flugzeuge, Flugzeug- und Raketentriebwerke sowie für Tunnelbelüftungssysteme. Teilweise wurden diese Forschungsergebnisse auch in der Nachkriegszeit in Österreich genutzt. In welchem Umfang dies geschah, gilt es ebenfalls noch herauszufinden.

Juliane Mikoletzky ist Leiterin des Universitätsarchivs der TU Wien und arbeitet derzeit gemeinsam mit Werner Michael Schwarz an einem Forschungsprojekt zur "Rolle der TH in Wien in den Jahren 1938-1945". Ab Herbst 2003 sollen erste Ergebnisse, auch zur Problematik der rüstungsrelevanten Forschung, vorliegen.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige