Natur als Waffe

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 2/03 vom 30.04.2003

Im Krieg ist jedes Mittel recht. Und das nicht erst, seit die moderne Naturwissenschaft Giftgas entwickelt hat. Schon in der Antike wurden natürliche Stoffe systematisch in Waffen verwandelt, gleich ob vergiftete Pfeile, Hornissennester oder unlöschbares griechisches Feuer. Ebenso alt sind die Skrupel, diese heimtückischen Mittel einzusetzen.

Biologische Waffen haben im Zweistromland eine lange Tradition. Als im Jahre 199 n. Chr. die römischen Legionäre zum Sturmangriff auf die belagerte Wüstenfestung Hatra ansetzten, wurden sie mit Tonkrügen beworfen. Als diese zerplatzten, wuselten Skorpione heraus - wegen ihres tödlichen Stachels höchst unbeliebte Tiere. Ob die Skorpionbomben tatsächlich der Grund dafür waren, dass die römische Armee die Belagerung der strategisch wichtigen Stadt im Norden des heutigen Irak aufgab, wie der Historiker Herodian behauptet, sei dahingestellt.

Als sicher kann hingegen gelten, dass Skorpione, Blutsaugende Insekten und ganze Hornissennester in der Antike häufig eingesetzt wurden, um gegnerische Armeen in Verwirrung zu stürzen - sagt jedenfalls Adrienne Mayor. Die US-amerikanische Volkskundlerin hat die Schriften antiker - auch indischer und chinesischer - Historiker und Militärschriftsteller genauso durchforstet wie die Bibel und Homer. Sie kommt zu dem Schluss, dass im Altertum der Einsatz biologischer und auch chemischer Kampfstoffe weit verbreitet war. Dass dies bislang übersehen wurde, erklärt sich zum einen daher, dass man bei solchen Waffen unwillkürlich an moderne Labors denkt und deren "Premiere" im Giftgaseinsatz im Ersten Weltkrieg sieht.

Zum anderen verbindet man mit den alten Griechen und Römern die Vorstellung des heldenhaften Kampfes Mann gegen Mann. Aber ein edles und ehrenhaftes Gewerbe war der Krieg nie, nicht einmal im Mythos. Liest man die griechischen Mythen mit der ABC-Brille, entpuppt sich Herakles als Ersttäter: Er taucht seine Pfeile in das giftige Blut der besiegten Hydra. Auch Odysseus und Achilles, also Griechen und Trojaner, behandeln ihre Waffen mit giftigen Stoffen.

Die Realität war nicht besser: Gifte, die man aus Pflanzen gewann oder Schlangen abzapfte, wurden in die Brunnen des Gegners geleitet. Und schon bei den Hethitern (1000 v. Chr.) im Osten Kleinasiens finden sich Hinweise auf den gezielten Einsatz von ansteckenden Krankheitserregern: Infizierte Personen wurden in gegnerische Heerlager oder Städte geschickt. Auf Führer wie Alexander den Großen setzte man später gezielt "Giftmädchen" an. Heute fürchtet sich der Westen vor "Pockenmärtyrern", der biologischen Variante des Selbstmordattentäters.

Für Waffen dieser Art bedurfte es keiner bakteriologischen Kenntnisse. Auch brauchte man kein Periodensystem, um chemische Waffen herzustellen. Am bekanntesten ist das so genannte "Griechische Feuer", eine schreckliche Schwefelpackung aus Byzanz, die selbst auf dem Wasser brannte. In Indien und China galten giftige Dämpfe als Geheimwaffen, bei Belagerungen von Städten, insbesondere von Tunnelsystemen, versuchten die Römer Gase einzuleiten, um ihre Gegner zu ersticken. Und selbst vor psychologischer Kriegsführung mithilfe von üblen Gerüchen und unerträglichem Lärm schreckten die antiken Armeen nicht zurück, um ihre Gegner zu entnerven.

Alles schon mal da gewesen? Selbst die Rechtmäßigkeit des Einsatzes solcher biologischer und chemischer Waffen wurde von antiken Autoren bereits heftig diskutiert. Die indischen "Gesetze von Manu" lehnen die Verwendung von heimtückischen Waffen wie Gift bereits um 500 v. Chr. als unmoralisch ab. Selbst im Krieg müssten Regeln gelten. Freilich, die Einwände der Ethiker haben die Feldherren schon damals kaum gekümmert, wenn ein großer Sieg winkte oder eine belagerte Stadt sich einer großen Übermacht zu erwehren hatte.

Neben verblüffenden Parallelen haben die Forschungen von Mayor auch noch einen konkreten Bezug zur Gegenwart. Die Sandia National Laboratories des US-Verteidigungsministeriums haben 1993 neben Geowissenschaftlern auch Volkskundler, Anthropologen und Archäologen eingeladen, um gemeinsam über die Verschrottung hochtoxischer Chemie- und hochradioaktiver Atomwaffen nachzusinnen: Wie sichert man eine unterirdische Lagerstätte für die nächsten hunderttausend Jahre? Soll man Warnungen in sieben Sprachen auf die Abdeckungen meißeln? Bereits der Mythos warnt: Zwar hat Herakles die Hydra in der Erde verscharrt und einen Felsblock darüber gewälzt. Das Gift aus den Schlangenköpfen trieft aber ungehindert ins Erdreich. <

Im Herbst erscheint Adrienne Mayors Buch Greek Fire, Poison Arrows, and Scorpion Bombs. Biological and Chemical Warfare in the Ancient World (Overlook Press).

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