Flipper zwischen den Fronten

Julia Harlfinger | aus HEUREKA 2/03 vom 30.04.2003

Der Wunderdelphin mit dem sympathischen Lächeln machte nicht nur im Fernsehen Karriere. Gemeinsam mit seinem Kollegen - dem Kalifornischen Seelöwen - versah er während des dritten Golfkriegs seinen Dienst in irakischen Gewässern. Das Training der wendigen Minensucher mit dem perfekten Sonarsystem ist der US Navy jährlich immerhin rund 15 Millionen Dollar wert.

Im Trüben fischen. "Die Technik ist noch lang nicht so weit", begründet Tom LaPuzza den Einsatz von Delphinen und Seelöwen im irakischen Kriegsgebiet. Das Sonarsystem von Delphinen und die Fähigkeit von Seelöwen, selbst im trüben Flachwasser Ziele sicher anzupeilen, sind hochempfindlichen Maschinen weit überlegen. Minensuchen, das Aufspüren feindlicher U-Boote oder von tauchenden Saboteuren ist Aufgabe "einer Hand voll" von Delphinen, Seelöwen und Beluga-Walen. Ausgebildet wurden die Tiere im Rahmen des Marine Mammal Training Program der US Navy.

Die "advanced biological weapons systems" der Fünften US-Flotte im irakischen Hafen von Umm Qasr markieren Minen, positionieren Bojen, transportieren Ausrüstungsgegenstände und senden Bilder via Videokamera an die Zentrale. Elegant und blitzschnell versehen Seelöwen als Teil der "swimming defense" feindliche Taucher mit Fußklammern, mit denen diese an die Wasseroberfläche gehievt werden können. Fronterfahrung mit Seelöwen gab es bis dato keine, anders als mit Delphinen, die schon im Vietnamkrieg und im Persischen Golf eingesetzt wurden.

"Effizient, verlässlich, rentabel" sind die Meeressäuger laut US Navy. Die cleveren Arbeitstiere tauchen mühelos in bis zu 200 Meter Tiefe und fühlen sich in den meisten Gewässern der Erde wohl. Hohe Nebengeräuschbelastungen durch Motoren oder Wellenschlag - Bedingungen, unter denen technische Einrichtungen verrückt spielen - beeinträchtigen ihr feines Gehör und Biosonar nicht. Ein weiterer Vorteil von Delphinen, Seelöwen und Beluga-Walen: Sie lernen schnell und sind leicht zu dressieren.

Darüber hinaus sind die Tiere fähig, mit ihren Trainern über die Art ihrer Funde zu kommunizieren, indem sie mit ihren Schnauzen die betreffenden Symbole anstupsen. Sie sind so zuverlässig, dass sie während der Übungseinheiten vor der kalifornischen Küste frei schwimmen; und die Navy weist stolz darauf hin, dass im Laufe von dreißig Jahren nur neun Delphine nicht wieder zu ihren Betreuern zurückgekommen seien.

Navy sponsert Wissenschaft. Etwa zeitgleich mit dem Entstehen des Marine Mammal Training Program um 1960 setzte intensive Grundlagenforschung zu Lernfähigkeit, Raumauflösung, Hydrodynamik und Hörvermögen der Meeressäuger ein. Nach wie vor ist das mit der US Navy assoziierte Office of Naval Research ein potenter Geldgeber für US-amerikanische Meeresbiologen: Zahlreiche Projekte an den Universitäten von Kalifornien, Texas und Hawaii wurden im Jahr 2000 mit jeweils sechsstelligen Dollarbeträgen gefördert. Jahresberichte, Verwendung der Forschungsgelder und Wissenschaftskooperationen werden öffentlich gemacht, denn das Programm scheint um Transparenz bemüht - anders als zu Zeiten des Kalten Krieges.

Momentan hält die Navy auf ihrem Trainingsstützpunkt Port Loma bei San Diego 75 Große Tümmler - eine Delphinart - sowie 25 Kalifornische Seelöwen. Die Grundlagen für ihre Ausbildung - Wissen über kognitive Fähigkeiten, Empfindlichkeit der Ortungssysteme und Verhalten unter Stressbedingungen - liefert zumeist die universitäre Forschung. Der Ausbildungsplan wird von Psychologen entworfen; zivile Pfleger arbeiten an der Perfektionierung der Leistungen der individuell durchaus unterschiedlich begabten Flossenträger. Spielerisch kommen die Tiere zum Ziel - doch mit zu wenig Ernst wären sie nicht bei der Sache, ganz wie echte Soldaten, sagt der Robbenexperte Guido Dehnhardt von der Ruhr-Universität Bochum: "Ehrgeiz, Disziplin, Leistungsbereitschaft und eine geringe Fehlerrate zeichnen diese Tiere aus."

Unabhängige Forschung? "Wenn Wissenschaft durch Geldgeber gelenkt wird, ist sie wertlos", gibt sich Paul Nachtigall, Leiter des Meeressäuger-Programms an der University of Hawaii, überzeugt. Vom Office of Naval Research erhielt er in den Jahren 2000 und 2001 über 860.000 Dollar für zwei Projekte zur Erforschung von Biosonar und Niedrigfrequenz-Hören von Walen. "Meine akademische Freiheit halte ich hoch, und sie wird durch die Herkunft der finanziellen Ressourcen nicht eingeschränkt", beteuert Nachtigall, amtierender Präsident der renommierten Society for Marine Mammalogy.

"Wenn man so will, ist auch meine Forschung potenziell für militärische Zwecke nutzbar." Der Sinnesphysiologe Guido Dehnhardt erforscht die Sinnesleistungen und die Lernfähigkeit von Seehunden und Seelöwen und publiziert seine Ergebnisse in wissenschaftlichen Zeitschriften, wodurch sie allen zugänglich sind. Dehnhardt fand heraus, wie Robben sich auch in völliger Dunkelheit mithilfe von Barthaarrezeptoren orientieren und somit die Unterwasserspur von Fischen verfolgen können. "Natürlich könnte man sie aufgrund ihrer Fähigkeiten auch darauf abrichten, U-Boote zu verfolgen."

Gerüchteküche. Die Forschung seiner US-amerikanischen Kollegen bezeichnet er als "wertfrei, denn aus der Grundlagenforschung entstehen naturgemäß nur wenige Anwendungsgebiete". Der Verwendung von marinen Säugern durch die US Navy steht der ehemalige Wehrdienstverweigerer und Zivildiener ebenfalls "gelassen" gegenüber. Gerüchte, laut denen Meeressäuger zu aggressiven Killern mit Todesinjektionen auf der Schnauze oder zu mit Sprengsätzen ausgestatteten Selbstmordkommandos abgerichtet wurden, hält er für Mythen. Die Tiere würden durch die Navy exzellent betreut, es würden lange Ausbildungszeiten und hohe finanzielle Mittel in sie investiert. "Und solange es keine adäquaten Maschinen gibt", meint Dehnhardt, "warum sollte sich der Mensch dann nicht die Überlegenheit der Tiere zunutze machen?"

"Moralische Bedenken?", wundert sich auch Tom LaPuzza. "Diese Tiere retten Menschenleben. Genauso wie Lawinenhunde." Der Pressesprecher des Marine Mammal Program erhielt während des Irakkriegs Dutzende Anrufe aufgebrachter Tierschützer. Die Tiere würden gequält und in den Tod gejagt; andere fanden den Einsatz von unschuldigen Tieren schlicht pietätlos. Normalerweise reagiere die Öffentlichkeit ganz anders, versichert LaPuzza. Im Adventure-Park "Sea World" können Besucher täglich Versuche mit weißen Beluga-Walen beobachten. Das durch die US-Marine finanzierte Projekt dient dazu, mehr über das Hörvermögen der Tiere herauszufinden. Und wie reagieren patriotische Parkbesucher und die gelehrigen Wale? "They love it!" <

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