"Die Laus kommt wieder"

aus HEUREKA 3/03 vom 02.07.2003

heureka: Wann hat die Kunstgeschichte die Bilder aus der Wissenschaft als Forschungsgegenstand entdeckt?

Gabriele Werner: Meint man die Kunstgeschichte im Sinne von traditionellen, monographischen Großausstellungen, ist sie sicherlich noch weit davon entfernt, das wahrzunehmen. Im modernen Sinn als historische Bildwissenschaft gehen wir über die tradierten Felder weit hinaus.

Kunstgeschichte ohne Kunst?

Dafür gibt es durchaus historische Wurzeln: Der Nächstliegende, wenn man an Bildwelten außerhalb der Kunst denkt, ist Aby Warburg. Auch schon für Alois Riegl und Heinrich Wölfflin um 1900 sagte die so genannte Hochkunst genau so viel über eine Epoche aus wie etwa die Form einer Schuhspitze. Wir wollen zeigen, dass formale Analysen jeglicher Art von Bildern der erste Schritt sind, zu verstehen, mit welchen politischen und argumentativen Funktionen sie eingesetzt werden. Einzelforschungen zu technischen und wissenschaftlichen Bildern laufen ja seit langem.

Muss man nicht ausführlich mit den Wissenschaftlern sprechen und sie beobachten, um zu wissen, was sie mit den Bildern tun?

Die tiefer gehenden Inhalte der Bilder müssen natürlich von Fachleuten erklärt werden. Bevor wir an die Öffentlichkeit gehen, lassen wir die Informationen, die wir zu den Bildern geben, entsprechend überprüfen.

Wissenschaftshistoriker sind von der Zuständigkeit der Kunstgeschichte für das wissenschaftliche Bild nicht überzeugt.

Wir sind da in Fragen der Bestandssicherung und Zuständigkeiten hineingeraten. Aber diese Zuständigkeitsdebatte mache ich nicht mit. Ich freue mich auf das nächste Buch von Hans Jörg Rheinberger ...

... ein Berliner Wissenschaftshistoriker ...

... weil ich von ihm viel mehr lerne, was den Umgang mit Bildern und Theorien der Repräsentation anbelangt, als von manchem Kunsthistoriker.

Was meinen Sie damit, wenn Sie in Ihrer Halbjahresschrift "Bildwelten" behaupten, dass es der Naturwissenschaft an Bildtheorie fehle?

Steht das da wirklich? Wenn, dann ist gemeint, dass die Naturwissenschaften ihre Bildfindungen nicht historisieren. Die Laus, die bei Bildern von der Nanotechnologie gerne als Blickfang verwendet wird, geht bis ins 16. Jahrhundert zurück, auch in der Mikroskopie und Mikrofotografie ist sie als Ikone präsent, die über die Jahrhunderte weitergetragen worden ist. Heute kommt sie wieder als goldbestäubte Laus, die zwischen Schamhaaren sitzt, präpariert für die Nanotechnologie. Es geht darum, dass man diese Bilder in ihre Zeitgeschichte rekontextualisiert, also berücksichtigt, was diese Bilder an alten und neuen Bildern umgibt.

Sind Kunsthistoriker nicht für gemachte Bilder zuständig, während die Expertise für natürliche Bilder bei den Naturwissenschaftlern liegt?

Wenn es wirklich die Auffassung der Naturwissenschaftler wäre, dass sie natürliche Bilder erstellen, wäre unsere Arbeit erst recht notwendig. Jedes naturwissenschaftliche Bild ist auch hergestellt. Selbst wo wir, wie bei Präparaten, etwas Natürliches vor uns glauben, ist nicht entscheidbar, ob wir die Präpariertechnik vor uns haben oder einen Ausschnitt der Natur.

Geht es Ihnen eigentlich auch um eine Ästhetikkritik der Wissenschaftler?

Wenn man mit Ästhetik nicht Schönheit meint, sondern Aisthesis, also Wahrnehmung, dann ja. Auf einer strukturellen Ebene gehen wir mit naturwissenschaftlichen Bildern genauso um wie mit Kunst.

Ein Künstler muss normalerweise nicht rechtfertigen, wie er seine Bilder produziert, ein Wissenschaftler im Prinzip schon.

Es würden aber auch nur wenige Künstler behaupten, dass sie die wahre Sicht der Dinge bieten. Wir erwarten von den Naturwissenschaftlern, dass sie sich damit auseinander setzen, dass ihre Bilder nicht ein So-Sein sind. Wir erwarten eine Analyse, mit welchen Mitteln und Zwecken sie die Bilder herstellen.

Eine Langversion dieses Interviews finden Sie auf www.falter.at/heureka

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