Wir Augentiere

aus HEUREKA 3/03 vom 02.07.2003

Text: Julia Harlfinger, Bildkonzept: Julia Petschinka,

Wo sind die Farben in der Nacht?

Die Farbe eines Objekts ist keine konstante Eigenschaft, sondern hängt vom Lichteinfall ab. Je nach Oberflächenbeschaffenheit wird ein Teil des auftreffenden Lichts reflektiert, und durch die Wellenlänge des reflektierten Lichts wird die Farbe bestimmt. Wie wir sie wahrnehmen, hängt aber auch von der Leistungsfähigkeit unserer Augen ab. Bei Dunkelheit ist die Lichtmenge zu gering, um die Farbrezeptoren in der Netzhaut zu aktivieren, sodass nur noch die Hell-Dunkel-Rezeptoren Bildsignale ans Gehirn senden. Die Frage, die schon Galileo Galilei bewegte, ob die Wahrnehmung von Farben allein durch physikalisch-mathematische Parameter vorhersagbar ist, oder ob Farben erst im Auge und Gehirn des Betrachters entstehen, ist bis heute nicht entschieden.

Wie kommen die Bilder in den Traum?

Was wir im Traum sehen, ist neurologisch gar nicht so verschieden vom Sehen im Wachzustand. Laut der unromantischen Erklärung, die Allan Hobson und Robert McCarley schon Ende der Siebzigerjahre formulierten, sind Träume nicht Träger unbewusster Inhalte, sondern die Folge physiologischer Prozesse im schlafenden Gehirn. Ein Traum beginnt damit, dass Neuronen im Inneren des Hirnstamms verstärkt feuern. Die Nervensignale steigen aus dem ältesten Teil des Gehirns hinauf zum visuellen Cortex, der zur Hirnrinde gehört. Genau wie beim Sehen im Wachzustand werden durch die Aktivierung dieser Hirnregion Bilder produziert. Der oftmals bizarre und absurde Charakter von Traumbildern entsteht laut Hobson, weil es dem Gehirn nicht immer gelingt, die zufällig entstandenen Bilder und deren Inhalte sinnhaft miteinander zu verbinden.

Habe ich das wirklich schon mal gesehen?

Eine neue Situation, ein unbekannter Ort und trotzdem das Gefühl, schon einmal dagewesen zu sein. Ein Déjà-vu kommt unvermutet, dauert nur wenige Augenblicke und hinterlässt einen beunruhigt. Aus neurowissenschaftlicher Sicht erklärt man solche Erlebnisse damit, dass in einer unbekannten Situation zunächst nicht Einzelheiten, sondern die groben Rahmenbedingungen wahrgenommen werden. Das Zusammenspiel von Farben, Formen und Proportionen wird dann mit bereits im Gedächtnis abgelegten Bildern abgeglichen. Erinnerungen sind vielfach mit Gefühlen verbunden. Das Unbehagen am Déjà-vu entsteht, weil eine an sich unbekannte Situation bereits emotional besetzt ist.

Wieso können wir Farben unterscheiden?

Tiere sehen entweder nur schwarz-weiß oder einen sehr engen Teil des Farb-spektrums. Nur Affen und Menschen verfügen in ihrer Netzhaut über die nötigen Pigmente, um Farben - also Blau, Rot, Gelb und deren Mischformen - zu unterscheiden. Der evolutionäre Vorteil des trichromatischen Sehens zeigt sich besonders bei der Nahrungssuche. Es wird erheblich leichter, reife Früchte in Rot, Gelb oder Orange zwischen grünen Blättern ausfindig zu machen. Farbenblinden fehlen genetisch bedingt Pigmente, um etwa Rot und Grün unterscheiden zu können.

Was bringt uns zum Weinen?

Dass Weinen Erleichterung verschafft, weil über die Tränenkanäle Stresshormone und Giftstoffe ausgeschwemmt werden, gehört wohl ins Reich der Sage. Hormone konnten nur minimal, Körpergiftstoffe überhaupt nicht in Tränen nachgewiesen werden. Die reinigende Wirkung des Tränenflusses ist eine rein psychische und wohl auch deshalb im Tierreich nicht zu beobachten. Psychologen zufolge hat das Weinen vor allem eine Funktion, nämlich andere auf sich aufmerksam zu machen. Wer weint, zeigt Anteilnahme oder ruft um Hilfe. Tränen kullern aus Schmerz, Wut oder Ohnmacht, aus Rührung oder Freude. Obwohl es Menschen gibt, die auf Kommando oder aus Berechnung losheulen können, wird Weinen in aller Regel als authentisch empfunden.

Warum haben wir geschlitzte Augen?

Trotz der engen Verwandtschaft zwischen Affen und Menschen unterscheidet sich die Augenform deutlich. Während Orang-Utans und Paviane runde Kulleraugen haben, ist das menschliche Auge horizontal gestreckt. Evolutionsbiologen erklären dies so: Als unsere Vorfahren den Lebensraum Wald verließen, brauchten sie ein breiteres Blickfeld, um in der Steppe die Übersicht zu bewahren. Ermöglicht wurde dies durch eine bessere Beweglichkeit des Augapfels in einem horizontal erweiterten Augenschlitz. Auch die weiße Farbe der so genannten Le-derhaut, welche die Iris und die schwarze Pupille umgibt, ist etwas typisch Menschliches. Selbst bei unserem nächsten Verwandten, dem Schimpansen, ist sie dunkel pigmentiert. Die Blickrichtung der meisten Tiere ist gegenüber Artgenossen und Raubtieren verschleiert. Für die menschliche Kommunikation sind dagegen Blickkontakt und Blickrichtung von immenser Bedeutung.

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