Der Bleistift der Natur

aus HEUREKA 3/03 vom 02.07.2003

Was das Käferauge erblickt

Frisch abgeschnitten und vor das Mikroscop gebracht

Herr Prof. Exner trat an mich mit dem Ersuchen heran, womöglich das Netzhautbild des Käferauges zu photographiren, um mit Hilfe der Photographie ein völlig treues, objectives, vergrössertes Bild jener Erscheinungen zu erhalten, welche sich sonst nur dem geübten Mikroscopiker unter Beobachtung der grössten Vorsichtsmassregeln zeigen. (...) Die Augen wurden von Prof. Exner mit einer gut schneidenden Staarnadel frisch abgeschnitten und das halb kugelförmige Auge in ein Schälchen gebracht, die concave Seite zur Entfernung des Pigmentes abgepinselt und auf ein dünnes Glimmerplättchen mittels sehr verdünnten Glycerins gebracht. Die Dichte des Glycerins war nämlich so gewählt worden, dass der Brechungsindex = 1,346 war; das ist nämlich der Brechungsindex des Käferblutes. Dadurch war das Facettenauge möglichst in jenen Zustand gebracht, in welchem es sich im lebenden Käfer befindet. (...) Das Auge wurde nun vor das Mikroscop gebracht, der Apparat in horizontale Lage umgelegt und gegen das Fensterkreuz eines hell erleuchteten Fensters gerichtet. (...) Es wurden auf diese Weise eine Anzahl von Mikrophotographien der Netzhautbilder verschiedener Leuchtkäferaugen hergestellt, von welchen Herr Prof. Exner sehr befriedigt war. In der That gibt die in der Beilage mittels Lichtdruck reproducirte Aufnahme vollkommen getreu das Bild wieder, welches das Auge des Leuchtkäfers erblickt.

Josef Maria Eder im von ihm selbst herausgegebenen Jahrbuch für Photographie und Reproductionstechnik 1891, S. 50-53. Als erster Direktor der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien betrieb und förderte Eder (1855-1944) die wissenschaftliche Fotografie nach Kräften, und diese ist auch ein wichtiger Teil im Nachlass der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt, der sich heute in der Fotosammlung der Wiener Albertina befindet.

Das Foto als Landkarte

Schräge Winkel für ein gerades Bild

Der Photogrammmetrie, also der vermessenden Fotografie, widmeten sich um 1900 in Wien eine ganze Reihe Erfinder. Der vielleicht wichtigste, so Michael Ponstingl, Kurator an der Fotosammlung der Albertina, war Theodor Scheimpflug. Scheimpflug war zwar einige Jahre am Militärgeographischen Institut tätig, aber seinen "Fotoperspektographen" hat er als Privatmann entwickelt. Er verwendete eine Panoramakamera mit acht Gehäusen. Das mittlere wurde zentral auf das Ziel gerichtet, sieben weitere Gehäuse wurden rundherum angeordnet und erfassten die angrenzenden Bereiche. Die Aufnahmen wurden gleichzeitig gemacht, meist aus einem Ballon oder einem Flugzeug. Die perspektivisch verzerrten Aufnahmen der sieben rundum liegenden Gehäuse wurden anschließend im "Perspektographen" mit leicht geschwenktem Objektiv abfotografiert. Der schräge Winkel entzerrte die Bilder. Links sind acht Luftaufnahmen zu sehen, rechts das aus ihnen zusammengesetzte "Orthophoto", das wie eine Landkarte gelesen werden kann. Scheimpflugs Technik hat in der Kartographie, der Landvermessung und selbst bei der Vermessung von Gebäuden Anwendung gefunden.

Die Abbildungen stammen aus dem Aufsatz von Josef Viktor Berger: Hauptmann Theodor Scheimpflugs Aerophotogrammetrie in: Photographische Korrespondenz 1914 (647), S. 341-347.

Keine Kunst

Wie man Tropfen trennt

Vor elf Jahren beschloss Felice Frankel, sich ganz auf Wissenschaftsfotografie zu konzentrieren. Mit diesem Foto, das es auf Anhieb auf das Titelblatt der Zeitschrift "Science" brachte, begann ihre Karriere. Heute gehört sie zu den Stars dieses Metiers und kann sich vor Anfragen von Wissenschaftsmagazinen kaum retten. Weil sie so schöne Fotos schießt? "Ich schaffe keine schönen Objekte. Ich enthülle nur, was bereits da ist." Frankel möchte das nicht als Koketterie verstanden wissen: "Ich sehe mich nicht als Künstlerin. Ich will die wissenschaftliche Aussagekraft einer Abbildung mit visuellen Mitteln verstärken." Etwa bei diesem Wassertropfenfoto. Bei dem Forschungsprojekt ging es um die Entwicklung hydrophober, also Wasser abweisender, Oberflächen. Um dies zu illustrieren, hat Frankel die Forscher angeregt, die Oberfläche mit Quadraten zu versehen. Dann hat sie grün und blau gefärbtes Wasser darauf tropfen lassen. Durch den Farbkontrast und die quadratische Struktur sind die hydrophoben Trennlinien deutlich zu erkennen.

Dass zwischen visueller Verdeutlichung und ästhetischer Inszenierung ein schmaler Grat verläuft, weiß die Fotografin nur zu gut. In ihrem prachtvollen Band "Envisioning Science" geht sie darauf ein, was bei der Bearbeitung eines Bildes noch erlaubt ist und was nicht mehr. "Ich habe dieses Buch für Wissenschaftler geschrieben, die ihren Bildern die gebührende Aufmerksamkeit verschaffen wollen. Deshalb fordere ich sie etwa auf, sich um eine höhere Auflösung und um aussagekräftige Bildkomposition zu bemühen."

Sie hat eine Stelle als "research scientist" am MIT in Cambridge, USA. Eine ihrer Aufgaben ist es, Wissenschaftler bei der Visualisierung theoretischer Zusammenhänge zu beraten. Als Frankel im Mai ein Cover für die Zeitschrift "Nature" mit der Gruppe von Anton Zeilinger gestaltete, wurde ihr erster Vorschlag zur Darstellung verschränkter Teilchen von dem Wiener Quantenphysiker mit den Worten kommentiert: "Sehr schön, aber leider falsch."

Felice Frankel: Envisioning Science. The Design and Craft of the Science Image. Cambridge/London 2002 (MIT Press). 328 S., unzählige Abb., e 51,50

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