Wer zeichnet, versteht

aus HEUREKA 3/03 vom 02.07.2003

Triumph des Zeichners

Eine Erstbeschreibung mit Hand und Fuß

Nachdem ich diesen Cophixalus-Frosch gezeichnet hatte, kam Rainer Günther, der Zoologe, der die Art in Neuguinea entdeckt hatte, zu mir und meinte, dass die Abstände bei den Fingern nicht stimmen. Ich bat ihn, sich das Exemplar nochmals durchs Mikroskop anzusehen. Er musste mir Recht geben und seine Artbeschreibung überarbeiten. Es ist natürlich ein Triumph des Zeichners, wenn er mehr sieht als der Wissenschaftler. Was sieht man in der Tat und was sieht man, weil man es weiß? Und was muss man sichtbar machen, weil es eigentlich da ist, aber auf den ersten Blick nicht sichtbar?

Für die Erstbeschreibung einer Art zeichnet man Aufsicht, Profil, Hand und Fuß. Selbst wenn ich fünfzig Tiere einer Art vor mir habe, zeichne ich nicht eines, das allen ähnlich sieht, sondern es muss das Tier sein, das der Wissenschaftler später aus dem Glas nehmen kann. Die Tiere kommen ausgestopft oder im Glas auf meinen Zeichentisch. Oft fotografiere ich zuerst mehrere Ansichten, Feinheiten schaue ich mir durchs Mikroskop an. Manchmal mache ich eine Art Konstruktionsskizze: Wie ist das Tier gebaut, wie verlaufen die Gelenke?

Mit Punktierung arbeiten auch Wissenschaftler, die selber zeichnen, aber zu einer plastischen Oberfläche kommt man damit nur bedingt. Dafür nutze ich Strichmäander, die ein Relief erzeugen wie auf einer Landkarte. Darauf wiederum trage ich mit Punkten oder Strichen die Pigmentierung des Tieres auf. Alles mit einem superspitzen Bleistift und einer Lupe. Der Maßstab spielt keine Rolle, aber das proportionale Verhältnis muss stimmen.

Man braucht einen gewissen Krümelwahn und viel Geduld: Drei, vier Tage kostet so eine Zeichnung. Da kann ich es mir nicht leisten, alles noch mal zu zeichnen, weil eine Hand falsch geworden ist. Also verwende ich dickes Zeichenpapier -da kann ich etwas abschaben, um dann etwas Neues drüberzuzeichnen. Es ist selten alles okay, wenn ich etwas durchgezeichnet habe. Drei, vier Korrekturen kommen vom Wissenschaftler fast immer - meist Bitten, etwas hervorzuheben. Koloriert werden solche Zeichnungen selten, weil Farbe auch am ehesten verfälscht wird: Jeder Ausdruck sieht anders aus, und die in Alkohol eingelegten Präparate verlieren ohnehin an Farbe."

Nils Hoff ist wissenschaftlicher Zeichner und Grafiker am Museum für Naturkunde in Berlin. Die Zeichnung erscheint mit Rainer Günthers Erstbeschreibung von drei Cophixalus-Fröschen aus Neuguinea in der Zeitschrift "Herpetozoa" der Österreichischen Gesellschaft für Herpetologie.

Am schwierigsten sind die Füße

Lebendig, deutlich und anatomisch korrekt

Drei Dinge hatte ich mir vorgenommen: Ein Biologe soll auf den ersten Blick erkennen, um welche Vogelarten es sich handelt. Die Tiere sollen lebendig erscheinen. Und die Anatomie muss stimmen. Sechzig Vogelarten haben so eine verlängerte Luftröhre, jede davon lässt sich einem dieser vier Typen zuordnen, was sich wiederum darauf auswirkt, wie diese Vögel Laute erzeugen. Als ich den Aufsatz vorbereitete, entschied ich mich, bei Laszlo Miszoly, dem Hausillustrator des Museums der Harvard University, Zeichenunterricht zu nehmen. Laszlo war überrascht, dass ich nicht wie die anderen Fotos und eine Skizze brachte, damit er für mich zeichne, sondern dass ich es selbst tun wollte.

Mit meinen Entwürfen ging ich immer wieder zu Laszlo, und er sagte, ändere dies, ändere jenes. Was immer er kritisierte, er hatte Recht. In der ersten Version waren alle Vögel tot, eben wie die Muster, die ich gezeichnet hatte. Es klingt verrückt, aber am schwierigsten waren die Füße, weil sie so anders sind als alles, was man sonst jemals zeichnet. Bis die Zeichnung fertig war, verging ein Monat, aber das war es mir wert. Ich wollte, dass der Aufsatz wirklich Aufmerksamkeit bekommt, und es hat funktioniert. Gleich nach der Publikation bekam ich eine E-Mail von "Nature", und der Schwan erschien kurz darauf auch dort.

Seit ich mit zwölf Jahren angefangen habe, mich ernsthaft mit Biologie zu befassen, habe ich immer gezeichnet. Zeichnen hat etwas mit Verstehen zu tun. Wenn man eine Stunde lang ein Tier zeichnet, lernt man mehr darüber, wie das Tier gebaut ist, wie es sich bewegt, welche Muskeln es wofür einsetzt, als wenn man es einfach nur eine Stunde beobachtet.

Tecumseh Fitch ist derzeit Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin. Die Zeichnung erschien in seinem Aufsatz "Acoustic exaggeration of size in birds via tracheal elongation: comparative and theoretical analyses" im Journal of Zoology, 1999 (248), S. 31-48.

Von Strahlung gezeichnet?

Dokumentation einer Deformation

Die beiden linken Hinterbeine dieser Feuerwanze sind verbogen und hell geblieben. Vermutlich sind sie auch nicht mehr ganz ausgehärtet und etwas weicher als die rechten. Ich traute mich aber nicht, an ihnen herumzuprobieren, aus Angst, sie könnten abfallen. Der linke Flügel ist an der Kante etwas aufgeworfen."

Die Schweizer Künstlerin Cornelia Hesse-Honegger hat in der Nähe von Kernkraftwerken Wanzen und andere Insekten gesammelt. In ihren Aquarellen dokumentiert sie verschiedenste Missbildungen und wirft die Frage auf, ob diese auf radioaktive Strahlung zurückzuführen seien. Die Wissenschaftler stehen ihrer Intervention skeptisch bis ablehnend gegenüber: Für die Deformationen kämen viele andere Ursachen in Betracht. Auch mangle es an Kontrollversuchen in nicht verstrahlten Gegenden.

Zitat und Bild aus: Cornelia Hesse-Honegger: Heteroptera. Das Schöne und das Andere, Bilder einer mutierenden Welt. Göttingen 2003 (Steidl). 310 S., zahlreiche, meist farbige Abb., e 43,20

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