Das Bild als Bühne

aus HEUREKA 3/03 vom 02.07.2003

Geburt einer Ikone

Der Siegeszug eines Fotos

Antony Barrington Brown fand das DNA-Modell aus Drähten und Papierstückchen wenig fotogen. 1953 war die Doppelhelix eben noch keine Ikone, sondern gerade eben entdeckt worden. Um dem dürren Gestell Bedeutung zu verleihen, arrangierte der Fotograf die beiden Entdecker in einer quasireligiösen Komposition. In allwissender Pose deutet Francis Crick (rechts) mit einem Rechenschieber auf das selbst gebastelte Modell, James Watson blickt andächtig bewundernd auf. Klick.

Entdecker und Entdecktes, Wissenschaftler und Modell sind in diesem Foto verschmolzen und zum Symbol für die Entdeckung selbst geworden. Wie oft dieses Foto, das auch Buchcover, Werbeplakate und Poster ziert, in den letzten Jahren reproduziert wurde, lässt sich nicht einmal schätzen. Umso überraschender ist es, dass das Foto vermutlich erst 1968 zum ersten Mal publiziert wurde - in Watsons "The Double Helix" -, um dann zusammen mit diesem Bestseller seinen Siegeszug anzutreten.

Aufgrund der Dominanz des Fotos avancierte das darauf abgebildete Modell zum Original, obwohl Watson und Crick in Cambridge mit Modellen unterschiedlicher Größe und Materialien gearbeitet hatten. Im Londoner Science Museum ist schon lange ein Nachbau des Fotomodells zu bewundern - wichtigste Vorlage war das Foto von Barrington Brown. Denn das Original hatte sich längst in seine Bestandteile aufgelöst.

Die verworrene Geschichte des Fotos hat die Wissenschaftshistorikerin Soraya de Chadarevian rekonstruiert, u.a. in ihrem Buch: Designs for Life. Molecular Biology after World War II. Cambridge 2002 (Cambridge University Press). 423 S., £ 35,-

Big Blue

Wenn Atome blau anlaufen

Oben links der Blick durch ein Rastertunnelmikroskop: Mit Atomen wird der Konzernname "geschrieben". Auf der IBM-Homepage sieht "dasselbe" Bild (oben rechts) gleich ganz anders aus. Die Xenonatome wurden in die Konzernfarbe getaucht, und das Bild wurde gekippt, damit mehr Relief gezeigt werden kann. Nicht wiederzuerkennen ist die Bildunterschrift. Alle Informationen zur Bildproduktion sind verschwunden, also etwa der Verweis, dass der Untergrund aus Nickelatomen nicht aufgelöst wurde. Das Atomlogo ist bereits zum Kunstwerk im Stile von ,Öl auf Leinwand' geworden.

Jochen Hennig arbeitet an der Berliner Humboldt-Universität an einer Dissertation zur Bildinszenierung in den Nanowissenschaften.

Bilder unter Schmerzen

Vom Schienbein ins Gehirn

Heute kriegt man Bilder oft als Datensätze und weiß dann gar nicht, wie das "Original" aussieht. Wenn ich so ein Bild fünf Mal gedruckt sehe, sieht es fünf Mal anders aus: Hier fehlt etwas, dort ist etwas dazugekommen, die Farbgebung macht jeder frei nach Gemüt. Reportagefotos werden bei "GEO" grundsätzlich nicht manipuliert. Bei Titelbildern und bei Wissenschaftsthemen muss man schon ab und an die Aussage durch Farbe oder Bildausschnitt zuspitzen. Schöne Wissenschaftsbilder ohne Substanz kann man nicht einfach drucken so wie "nur schöne" Landschaften. Dagegen gibt es durchaus Wissenschaftsthemen, für die wir Bilder erst erfinden müssen. In unserem ersten "GEO Wissen" 1987 zu "Gehirn - Gefühl - Gedanken" hatten wir drei kürzere Texte über Schizophrenie, Alzheimer und Gehirntod. Für jeden nahm ich das gleiche Foto eines Kopfes. Dem ersten habe ich mit der Schere einen Spalt hineingeschnitten, den zweiten zerschnipselt und wieder zusammengeklebt und den dritten im Gehirnbereich eingeschwärzt. Ein Beitrag über Schmerzforschung wurde aufgemacht mit einem Fakir in einem Labor, der ein Messer durch die Zunge, eines im Bauch und viele Messkabel am Körper hatte. Auf die folgende Doppelseite setzten wir in die Mitte einen Fußballer, der nach einem Foul am Boden liegt, und drumherum drei erklärende Grafiken, was bei akutem Schmerz im Schienbein, auf dem Weg zum Gehirn und im Gehirn vorgeht.

Erwin Ehret ist seit mehr als 25 Jahren Artdirector des Reportagemagazins "GEO" und Miterfinder von "GEO Wissen" in Hamburg.

Ins Auge gehen

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