Ohne Abbildung

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 3/03 vom 02.07.2003

Die deutschsprachigen Sozialwissenschaften und ihre Vertreter kommen - im Gegensatz zu ihren Kollegen von den Naturwissenschaften - immer noch gut ohne Bilder aus. Daran konnte auch der österreichische Visualisierungsvisionär Otto Neurath nichts ändern. Ob der Siegeszug der neuen Medien an der soziologischen Bildaskese etwas ändern wird, bleibt abzuwarten.

100 Prozent bilderfrei. Einen knappen Laufmeter Bücher hat der Soziologe Niklas Luhmann zeit seines Lebens verfasst. Seine umfassende Theorie, eines der ambitioniertesten sozialwissenschaftlichen Projekte der vergangenen Jahrzehnte, ist Text, und zwar ausschließlich. Die Abertausenden von Seiten, die er hinterlassen hat, kommen ohne jedes Foto und ohne jede Grafik aus. Doch damit ist Luhmann nicht allein. Auch in den gesammelten Werken seines theoretischen Gegenspielers Jürgen Habermas herrscht bei Bildern Fehlanzeige. Dasselbe gilt für seinen Lehrer Theodor W. Adorno, dessen Geburtstag sich demnächst zum hundertsten Male jährt: Ikonoklasmus in Reinkultur. Und die alten Klassiker der Soziologie - von Karl Marx bis Max Weber - waren selbstverständlich auch zu hundert Prozent bilderfrei.

Was sich bis heute formal geändert hat, ist allenfalls die Typographie. Die Bilderarmut hingegen ist dieselbe geblieben: Die einschlägigen deutschsprachigen Fachzeitschriften - egal ob "Zeitschrift für Soziologie", "Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie" oder "Soziale Welt" - warten zwar mit Artikeln auf, die Grafiken oder Statistiken enthalten. Aber damit hat es sich auch schon, alle anderen Formen der Bildlichkeit gelten als verpönt. Bilderfeindlich ist aber auch die geläufige Vortragspraxis in den Sozial- wie auch den Geisteswissenschaften: Noch immer sind auf den einschlägigen Konferenzen schlecht und recht abgelesene Manuskripte der Normalfall. Diese sind meist für eine spätere Publikation bestimmt - und eignen sich deshalb als Vortrag wenig.

Anschauliche Theorien? Über die Gründe für die Bildaskese insbesondere in den deutschsprachigen Sozialwissenschaften (und in vielen ihrer geistes- und kulturwissenschaftlichen Nachbardisziplinen) lässt sich trefflich streiten. Sie scheinen jedoch nur zum Teil darin zu liegen, dass sich deren Forschungsobjekte nicht so leicht visualisieren lassen wie jene der Naturwissenschaften. Zwar ist es eine berechtigte Frage, wie man die Weltgesellschaft oder ihre funktionalen Subsysteme ins Bild rücken oder vor einen Fotoapparat bringen soll. Aber andererseits muss auch die Frage erlaubt sein, was das für eine Theorie (griechisch: "Schau") bedeutet, wenn sie sich selbst nicht "schauen" bzw. bildlich darstellen lässt.

Am Cover eines der Gründertexte der Sozialwissenschaften, Thomas Hobbes' "Leviathan, Or the Matter, Forme and Power of a Commonwealth Ecclesticall and Civil" (London 1651), hatte man sich immerhin noch redlich um die Visualisierung des Beschriebenen bemüht: Hobbes' Klassiker der politischen Theorie wird durch seinen Titelhelden illustriert, jenem aus lauter kleinen Menschen zusammengesetzten "großen Leviathan, genannt Gemeinwesen oder Staat, auf Lateinisch civitas, der nichts anderes ist als ein künstlicher Mensch, wenn auch von größerer Gestalt und Stärke als der natürliche, zu dessen Schutz und Verteidigung er ersonnen wurde".

Doch solche Versinnbildlichungen blieben in den Gesellschaftswissenschaften die Ausnahme. Das hat wohl auch damit zu tun, dass insbesondere in der deutschsprachigen Theorietradition die Bilder seit der Aufklärung unter einem Ideologieverdacht standen. Sie würden, so lauteten schon damals die Vorbehalte der Schreiber, zerstreuen, seien vieldeutig und dem linearen Denken abträglich. Nur der gedruckte Text sei imstande, wahre Erkenntnis zu transportieren.

Visueller Visionär. Ein in der Geschichte der Gesellschaftswissenschaften einzigartiges Gegenprogramm zu diesem Bilderdünkel wurde von einem österreichischen Soziologen in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts entwickelt. Otto Neurath (1882-1945), eines der "am vernachlässigtesten Genies des 20. Jahrhunderts" (William M. Johnston) und zu seiner Zeit "der witzigste Mann von Wien" (Herbert Feigl), hatte dabei aber nicht die Sozialwissenschaften als Adressat im Auge, sondern die Bevölkerung: Erkenntnisse über gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge sollten mittels neuer Darstellungsweisen in die Gesellschaft gebracht werden, um so Verbesserungen der Lebensbedingungen zu erreichen.

Für Neurath war "der moderne Mensch vor allem Augenmensch", woraus er schlüssig folgerte: "Wer schnellen und bleibenden Eindruck machen will, bedient sich der Bilder." Da man soziale Fakten nicht fotografieren könne, wie Neurath meinte, "selbst wenn wir es versuchten", schuf er gemeinsam mit dem Grafiker Gerd Arntz eine neue Methode der Bildpädagogik namens ISOTYPE (International System Of Typographic Picture Education), "eine moderne Bildersprache, die durch Verbindung von gewissen Symbolen Tatsachen darstellt". Diese genormten symbolischen Darstellungen, die durch ihre Anschaulichkeit und ihre Reduktion aufs Wesentliche bestimmt waren, sollten als Hilfssprache für die Verbreitung technischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wissens sorgen.

Kommen die Bilder? "Die Pädagogik der Sozialwissenschaften ist noch unterentwickelt, insbesondere fehlt eine Systematik der optischen Darstellungsweisen", schrieb Neurath in einem seiner programmatischen Texte im Jahr 1926. Daran scheint sich trotz seiner bahnbrechenden Visualisierungsarbeiten bis heute kaum etwas geändert zu haben. Während in den Naturwissenschaften Bilder längst zu zentralen Elementen des Erkenntnis- und vor allem des Vermittlungsprozesses geworden sind, beharren die Sozialwissenschaftler und viele ihrer disziplinären Nachbarn weiterhin vor allem auf dem gesprochenen und geschriebenen Text. Zumindest hierzulande.

Denn in anderen Sprachkulturen scheint der sozialwissenschaftliche Ikonoklasmus nicht ganz so ausgeprägt. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu beispielsweise hat sich nicht nur für die Fotografie interessiert und darüber ein Buch geschrieben. Auch sein Hauptwerk "Die feinen Unterschiede" ist vergleichsweise üppig mit Grafiken und Fotos ausgestattet. In den angloamerikanischen Soziologie-Einführungsbüchern sind Grafiken und Fotos längst übliche Grundausstattung, was womöglich auch hier Schule macht. Seit kurzem liegt erstmals auch auf Deutsch ein Soziologielehrbuch vor ("Soziologie", hg. von Hans Joas, 2001, Campus), das nicht mit Bildern geizt.

Im Allgemeinen jedoch scheinen sich die deutschsprachigen Sozialwissenschaften bis heute recht erfolgreich gegen den Siegeszug der neuen Medien und ihre visuellen bzw. multimedialen Möglichkeiten zu wehren: Zwar werden immer öfter auch Bilder und Medien zu Gegenständen sozial- oder kulturwissenschaftlicher Untersuchungen. Doch es kann schon vorkommen, dass die Endberichte solcher Forschungen dann doch wieder ohne jede Abbildung auskommen. Und selbst wenn Powerpoint-Präsentationen auf den einschlägigen Fachkongressen häufiger werden, muss das noch lange nicht heißen, dass nun die Bilder oder gar Formen von Multimedialität in den Sozialwissenschaften Einzug halten. Schließlich lassen sich die elektronischen Folien auch ganz gut mit Text befüllen.

Frank Hartmann, Erwin K. Bauer: Bildersprache. Otto Neurath - Visualisierungen. Wien 2002 (WUV). 168 S., e 40,-

Klaus Feldmann: "Du sollst Dir kein Bild machen!" (Nicht)Visualisierung in der Soziologie. In: TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften 14/2002.

www.inst.at/trans/14Nr/feldmann14 .htm

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