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Oliver Hochadel und Stefan Löffler | aus HEUREKA 4/03 vom 01.10.2003

"Wenn ich ganz blöd bin", so meinte Konrad Lorenz Anfang 1982 in einem Interview, wolle er noch seine Autobiografie angehen, die er immer wieder selbstironisch als seine "Memoirrhoiden" bezeichnete. Was der inzwischen 85-jährige Naturforscher sechs Jahre später seiner Sekretärin Jutta Köppl diktierte, waren die vom Alter gezeichneten Memoiren eines langen, reichen Lebens. Diese während seiner letzten zehn Lebensmonate verfassten Fragmente galten nach Lorenz' Tod als verschollen. Erst im Zuge von Recherchen für ein Buch über Österreichs letzten Nobelpreisträger wurden diese im Oktober 2002 von "heureka"-Autor Benedikt Föger am Lorenz-Wohnsitz in Altenberg bei Wien gefunden. Als erstes Printmedium darf "heureka" mit Erlaubnis der Lorenz-Erben längere Auszüge aus diesem 170-seitigen Manuskript veröffentlichen.

Ebenfalls exklusiv nachlesen können Sie in dieser "heureka"-Ausgabe auch das einzige Fernsehinterview, in dem Lorenz kritisch und direkt mit seiner NS-Vergangenheit konfrontiert wurde. Von den Fragen, die ihm der niederländische Journalist Jules Huf 1973 stellte, war Lorenz sichtlich überrascht und gab sich etliche Blößen. Dieser peinliche Auftritt blieb die Ausnahme in Lorenz' Leben, denn sonst brillierte der Verhaltensforscher als mediengewandter Vermittler seiner Wissenschaft. In hohem Alter warf er seine Bekanntheit im Kampf gegen Atomkraft und die Zerstörung der Donauauen in die Waagschale und wurde so zum Gründungsvater der österreichischen Umweltschutzbewegung.

Forschungspionier, Nazi-Sympathisant, Nobelpreisträger, Bestsellerautor, Umweltaktivist - wenige Wissenschaftler haben eine so vielschichtige Biografie wie Konrad Lorenz, dessen Geburtstag sich in wenigen Wochen am 7. November zum 100. Mal jährt. Das Jubiläum wirft seine Schatten voraus: Klaus Taschwer wurde während der Arbeiten an diesem Heft immer wieder unterbrochen, um als ausgewiesener Lorenz-Experte Interviews zu geben. Er und Benedikt Föger haben vor kurzem eine Biografie des österreichischen Jahrhundertwissenschaftlers vorgelegt (erschienen im Zsolnay Verlag), die sich auf zahlreiche bislang unbekannte Dokumente wie die Autobiografie stützen kann.

Die Beiträge dieser Ausgabe greifen allerdings auch über Leben und Werk von Konrad Lorenz hinaus. Die von Lorenz mitbegründete Ethologie hat sich schon zu seinen Lebzeiten grundlegend gewandelt und heute nur mehr wenig mit beschreibender Tierbeobachtung zu tun. Für Dustin Penn, den neuen Leiter des Konrad-Lorenz-Instituts für Vergleichende Verhaltensforschung auf dem Wiener Wilhelminenberg, charakterisiert der Institutsname nicht mehr die Art der Forschung, die dort nun betrieben wird. Auch der Frage, die Lorenz zeitlebens umtrieb, ob nämlich Verhalten angeboren oder erlernt ist, wird heute überwiegend auf molekularbiologischer Ebene nachgegangen. In dieser so genannten "Nature-Nurture-Kontroverse" zeichnet sich eine Synthese ab: Gene und Umwelt wirken durcheinander und sind überhaupt nicht voneinander zu trennen. Genaueres auf S. 22.

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