Von Tieren und Menschen

aus HEUREKA 4/03 vom 01.10.2003

Eine paradiesische Kindheit, umgeben von Tieren, die frühe Freundschaft mit seiner späteren Frau, die ersten Entdeckungen, aber auch die Zeit des Nationalsozialismus - in seinen fragmentarisch gebliebenen Memoiren hielt Konrad Lorenz kurz vor seinem Tode noch einmal Rückschau. "heureka" bringt Auszüge aus dem bisher unveröffentlichten Manuskript.

Text und Zeichnungen: Konrad Lorenz

Über sich selbst ein Buch zu schreiben ist eine zwiespältige Aufgabe. Es sollte die Selbstbiografie erstens den äußeren Lebenslauf des Menschen und zweitens seine wissenschaftliche Entwicklung darstellen, das ist die Reihenfolge der neuen Erkenntnisse, die seine wissenschaftliche Entwicklung und seinen Wert ausmachen. Beides zu vereinen ist so schwierig, weil die Chronologie sich als Kontinuum über den Lebenslauf erstreckt, die wirklichen wissenschaftlichen Erkenntnisse in regelloser Weise über den Zeitraum von frühester Kindheit bis zum hohen Alter verstreut sind.

"Von mir über mich" hat Wilhelm Busch seine Selbstbiografie betitelt, und das ist zweifellos der am meisten berechtigte Titel für ein solches Unternehmen. Merkwürdig ist, dass die meisten Selbstbiografien langweilig sind. Wahrscheinlich enthalten sie nicht genug Dichtung: "Dichtung und Wahrheit" nennt Goethe seine Lebensgeschichte. Und zweifellos ist es ihr Gehalt an Dichtung, der sie so lesenswert macht.

Die Selbstbiografien, sogar solcher Männer, die ich persönlich gekannt und aufrichtig geliebt habe, ich nenne nur Karl von Frisch und meinen eigenen Vater, habe ich nicht mit der Hingabe und Begeisterung gelesen, die meine eigene Erinnerung an diese Männer selbst vermeldete. Nun will die Mehrheit meiner Freunde, ich soll die vielen, selbst erlebten Geschichtchen und Geschichten zusammenschreiben, die sie gern von mir gehört haben. Dass sie dies taten, ist keineswegs ein Beweis, dass ihnen die geschriebene Wiedergabe gefällt.

Memoiren sind nach meiner Erfahrung immer langweilig, und das beruht darauf, dass der Mensch unfähig ist, Erinnerung an Vergangenes als einen kontinuierlichen Geschehensverlauf wieder zu erleben. Was wir erinnernd in unserem Erleben wieder aufleuchten lassen können, sind merkwürdigerweise immer Standbilder, in der Zeit oft weit voneinander getrennt.

Allen diesen Erlebnissen ist gemeinsam, dass ich in ihnen eine gute Rolle spiele. An Blamagen erinnert man sich bekanntlich nie. Der von Sigmund Freud entdeckte Vorgang der Verdrängung sorgt für ein Geschehen, das Friedrich Nietzsche in dramatische Formen gebracht hat: "Das hast du getan, sagt deine Erinnerung. Das habe ich nicht getan, sagt dein Stolz. Und am Ende gibt die Erinnerung nach."

In jedem, aber auch jedem Menschen spielt sich dieser Vorgang ab und lässt ihn sich selbst rückerinnernd als ein viel großartigeres Wesen erscheinen, als er tatsächlich war. Die verschönende und veredelnde Brille der Erinnerung muss daher anständigerweise jedem Versuch vorangesetzt werden, die eigene Vergangenheit mit erträglicher Gerechtigkeit darzustellen.

Man kann einen Menschen nur verstehen, wenn man Einsicht in das früheste Vorgehen seiner Kindheit, sein Elternhaus gewinnen kann. Ich bin mir stets der sozialen Ungerechtigkeit bewusst, die in den märchenhaft glücklichen Umständen lag, die meine frühe Kindheit und meine Heimat in Altenberg umgaben. Mein Vater war ein berühmter und erfolgreicher Arzt, mehr Künstler als Wissenschaftler. Sein großer Lebenserfolg, die Heilung der angeborenen Luxation des Hüftgelenks, war nicht das Ergebnis mühevoller Einzelforschung, sondern einer genialen Erfindung.

Von Stolz geschwellt und in einer gewissen Großmannssucht baute sich mein Vater in Altenberg an der Donau am Nordwesthang des Wienerwaldes eine großartige Villa. Es steht historisch fest, dass er dem Architekten die Anleitung gab: Jugendstil mit Einschlägen von Barock. Merkwürdigerweise fand er einen Architekten, der genau verstand, was er wollte, und genau das lieferte, was erwartet wurde. Dass er dies tat, hängt wohl mit einer Fügung des Schicksals zusammen. Der Mann erkrankte an progressiver Paralyse und wurde im Laufe seiner Bautätigkeit deutlich größenwahnsinnig, ohne dass mein Vater es bemerkte.

Es hat meiner geistigen Entwicklung nicht geschadet, dass ich an den lieben Gott glaubte und an ein ewiges Leben nach dem Tod. Meine außerordentlich fantasiereiche und romantische Mutter vermittelte mir neben diesem Glauben, und durch keinerlei Abstufungen von ihm getrennt, die Überzeugung, dass der Nikolo, der Osterhase, das Christkindl und noch viele andere Naturgeister wirklich existierten. Ich habe damals geglaubt, dass meine Mutter zaubern könne, und bin auch jetzt nicht ganz fest davon überzeugt, dass sie das nicht konnte. Aus Gesundheitsgründen wurden wir Kinder dazu angehalten, weite Spaziergänge in den umgebenden Wienerwald zu unternehmen, und meine Mutter wusste diese durch gewisse Zaubermittel reizvoll zu gestalten.

Schon längere Zeit vor Ostern sahen wir einen Hasen hüpfen oder glaubten doch, ihn zu sehen, und fanden dann ein früh gelegtes Osterei. Einmal, als unser Glauben schon stark ins Wanken geraten war, sprang aus einem bestimmten Gebüsch auf der so genannten "Küchenschellenwiese" ein riesiger Hase heraus. Zufällig hatte die von meiner Mutter vorausgeschickte Tante gerade dieses Gebüsch zu einer reichlichen Eiablage benützt, und unser Fund überzeugte uns auf längere Zeit, dass es doch in Wirklichkeit Osterhasen gäbe. Nikolo und Krampus traten persönlich in Gestalt naher Verwandter auf, deren Verkleidung wir niemals durchschauten. Meine Mutter scheute keineswegs davor zurück, unter den Naturgeistern auch unheimliche und gefährliche agieren zu lassen.

Ich bin Zoologe, das heißt, mein Forschungsinteresse gilt den Tieren und ihrem Leben. Wann ich damit angefangen habe, vermag ich nicht zu sagen. Tiere haben mich immer mehr interessiert als Menschen, und Menschen gewissermaßen nur in ihrer Eigenschaft als andere irgendwie besondere Tiere.

Was mich zu höheren Tieren hinzog, war zweifellos ein Gefühl der Du-Evidenz, das man heute auch als Empathie zu bezeichnen pflegt. Es ist immer eine gute Strategie der Forschung, das Phänomen, das man untersucht, in seiner möglichst einfachen Verwirklichung zu studieren. Ich bereue also nicht, dass das Hauptinteresse meines Lebens von meinem sechsten Lebensjahr aufwärts dem Studium des Verhaltens höherer Tiere galt. Tiere lernt man kennen, wenn man auf Du und Du im philosophischen Sinne dieses Wortes mit ihnen zusammenlebt. Tiere sind leichter zu verstehen als Menschen, und es ist eine Tatsache, dass ich schon als Kind mehr über sie wusste als über meine engsten menschlichen Freunde.

Die ersten höheren Wirbeltiere, die meiner Pflege anvertraut waren, waren Hausenten. In meiner frühen Kindheit, als ich herausfand, dass die Eulen nicht schwimmen können, wechselte ich meine Berufsintention und wollte eine Ente werden. Ich bekam auf mein dringendes Bitten ein Enterl, und es ist heute eine verwunderungswürdige Tatsache, dass ich mir unter der Kükenschar das einzig wildfarbene heraussuchte. Ein zweites, nur annähernd wildfärbiges bekam am nächsten Tage die Greterl Gebhardt, und wir eröffneten damit eine Form der Gütergemeinschaft, die nahezu ein Dreivierteljahrhundert währen sollte.

Es ist erstaunlich, wie viel intelligente Kinder ohne jede menschliche Anleitung von Tieren lernen können, wenn sie sich genau in deren Verhaltensweisen vertiefen. Dass unsere Enten überhaupt, entgegen den düsteren Voraussagen meines Vaters gesund und am Leben blieben, ist das beste Zeugnis für den Grad unserer Einfühlung. Wenn wir nicht den Laut des Weinens, der Begrüßung, des Frierens, des Alleinseins usw. vollständig verstanden hätten, wären diese Enten nie groß geworden. Sie waren völlig zahm, das heißt furchtlos, sie zeigten aber nach dem Erwachsenwerden nicht die geringste persönliche Anhänglichkeit an uns.

Ich erinnere mich noch meiner Enttäuschung, als ihr Nachfolgetrieb im Alter von einigen Wochen allmählich erlosch und auch durch Dressur mittels lockenden Futters nicht aufrechtzuerhalten war. Ich vermag nicht auszudrücken, wie sehr mir meine im Vorschulalter erworbenen Kenntnisse der Ausdrucksbewegungen und -laute von Hausenten beim Verstehenlernen der Graugänse zustatten kamen, das einen so großen Anteil meiner Lebensarbeit ausmacht.

Ich habe mich oft gefragt, wann ich zu der Überzeugung gelangt bin, dass höhere Tiere ein subjektives Erleben besitzen, das in groben Zügen dem des Menschen nächst verwandt ist. Die Du-Evidenz, die mein hoch verehrter Lehrer Karl Bühler als Erster gesehen und in ihrer erkenntnistheoretischen und vor allem moralischen Bedeutung gewürdigt hat, kann ich unmöglich im Vorschulalter erfasst haben, ich weiß aber mit Sicherheit, dass ich mich moralisch mit den ersten von mir gepflegten Tieren, kleinen Hausenten, auf eine Stufe gestellt habe.

Ich erinnere mich, wie intensiv ich mich für sie verantwortlich fühlte, zum Beispiel wie ich litt, wenn sie weinten, welches Glück ich empfand, wenn sie den "Begrüßungs- oder Unterhaltungslaut" zu mir sagten. Wieso ich diese Lautäußerungen richtig verstand, weiß ich bis heute nicht, wie weit mir meine bäuerliche Kinderfrau, Resi, dazu verhalf, kann ich nicht sagen. Die Tatsache bleibt bestehen, dass ich das Repertoire der Ausdrucksbewegungen dieser Vögel im Laufe meiner frühesten Kindheit ebenso verstehen lernte, wie ich sie heute beherrsche.

Das erste Buch, das mir vorgelesen wurde (woraus hervorgeht, dass dies vor meinem sechsten Lebensjahr erfolgte, da ich schon sehr früh mit vollem Genuss selbst lesen konnte), war Selma Lagerlöfs "Wunderbare Reise des Nils Holgersson mit seinen Wildgänsen". In diesem Buch sind Tiere durchaus menschenähnliche, mit allen menschlichen Gefühlen ausgestattete Wesen.

Mein intimer Umgang als Ersatzentenmutter mit meinen Kindern ließ mich so manche Abstriche von der Menschenähnlichkeit der Tiere vornehmen. Ich sah sehr wohl, wie Selma Lagerlöf ihre sprechenden Tiere überschätzte, aber meine Überzeugung von der Du-Evidenz des Tieres, die mir das unvergleichliche Erlebnis von Freud und Leid meiner Entlein beigebracht hatte, blieb bestehen bis auf den heutigen Tag.

Es war wohl der Einfluss der höchst romantisch und mit viel Fantasie geschriebenen Bücher Wilhelm Bölsches, die mich zu dem frühkindlichen Entschluss begeisterten, Paläontologe werden zu wollen, das heißt mich der Erforschung der ausgestorbenen und nur in Versteinerung erhaltenen Tiere zu widmen. Diese Begeisterung erfasste uns so früh, dass wir uns nicht entblödeten, "Iguanodeon zu spielen". Wir steckten uns ein nachschleppendes Stück alten Gartenschlauches in den Gürtel und schritten feierlich auf den "Hinterbeinen" durch den Garten, die Daumen mit künstlichen Krallen bewehrt, steif nach oben gestreckt.

Ich muss gestehen, dass ich das Aussterben der großen Saurier zutiefst bedauerte und ihrem Studium in Büchern mehr Zeit widmete, als es für meine geistige Entwicklung lohnte. Noch als ich mich dem Zoologiestudium zuwenden wollte, wollte ich Paläontologie studieren. Mein Vater, der, wie schon gesagt, ein erfolgreicher Arzt war, wollte von einem solchen brotlosen Studium nichts wissen und legte mir in recht autoritärer Weise nahe, ich soll mich dem Medizinstudium widmen.

Als gehorsames Kind folgte ich diesem Befehl, ohne zu wissen, wie sehr dies zum Glück meiner Lebensinteressen ausschlug. Der erste Hochschullehrer, den ich kennen lernte, war Ferdinand Hochstetter, der Leiter des Zweiten Anatomischen Institutes. Dieser war aber nicht nur Systematiker, sondern vor allem vergleichender Anatom und im Besonderen vergleichender Embryologe. Hochstetters Darstellung der vergleichenden Anatomie machte mir sehr bald klar, dass nicht die ausgestorbenen Tiere das Ziel meines Interesses seien, sondern die Evolution als solche.

Obwohl ich nie ein guter Nationalsozialist gewesen war, bin ich ein ausgesprochen braver und loyaler Soldat gewesen. Diese Diskrepanz zog sich durch das ganze Volk. Es ist zum Teil der Grund, wenn es auch keine Rechtfertigung sein kann, weshalb ich niemals als Widerstandskämpfer gegen die unleugbaren Gräueltaten nationalsozialistischer Politik in Aktion trat. Es wird allgemein als eine große Schande empfunden, wenn man das nicht getan hat, und ich tue das zum Teil auch heute noch.

Im zivilen Leben, ja selbst an der Universität, gab es unzählige moralisch einwandfreie Leute, die sich selbst als Parteigänger der Nationalsozialisten empfanden. Meine Kollegen am Anatomischen Institut, einschließlich meines verehrten Lehrers Ferdinand Hochstetter, taten dies ausgesprochen, auch mein alter Vater sah in den volkshygienischen Maßnahmen Hitlers einen Segen.

Er hatte immer unter der Tatsache gelitten, dass alles, was er den Einzelmenschen Gutes tat, letzten Endes zum Schaden der Menschheit ausschlagen musste. Indem er Menschen, die als Mitglieder der Art sich nicht hätten fortpflanzen dürfen, doch noch durch künstliche Maßnahmen dazu brachte, Kinder in die Welt zu setzen. In seiner Schrift "Die Welt ohne Krüppel" gab er dem unverhohlen Ausdruck - Gott sei Dank zu einer Zeit, als die Nazis noch nicht am Ruder waren.

Die politische Atmosphäre war an der Front etwas ganz anderes als im Hinterlande, von Politik wurde nicht geredet, die Treue zum Befehl galt als selbstverständlich. Man konnte als Militär vielleicht den moralischen Zwang empfinden, gegen Adolf Hitler und seine Schergen Front zu machen, aber als Soldat war es moralisch kaum möglich, zu desertieren. Man hätte das als eine Gemeinheit nicht gegen die Führung, sondern gegen die Kameraden der niedrigen Rangstufen empfunden.

Ich weiß, dass ich unbewusst die Bejahung des Zugehörigkeitsgefühls zur Truppe als eine moralische Erleichterung empfand. Dass ich mit den gleichaltrigen Nazis nicht mitgesungen habe, kann ich mir nicht als Verdienst anrechnen, keineswegs beruhte meine Ablehnung auf einer Abscheu vor Gräueltaten, die noch kommen sollten. Im Gegenteil, die Propaganda ließ den Nationalsozialismus als etwas sehr Harmloses, ja, Familiäres erscheinen, in dem die Liebe und Freundlichkeit zum Nachbarn aufs Papier geschrieben wurde.

Das Wenige, was ich schon, ehe ich beim Militär war, von Untaten und Gräueln des neuen Regimes wusste, konnte ich nicht glauben und wollte es vor allem nicht glauben. Der Vorgang, den Sigmund Freud die Verdrängung nannte, hat eine dämonische Macht über den Menschen, von der man sich keine Vorstellung macht.

Nur dem Menschen ist es vorbehalten, Werke zu schaffen, die sein eigenes, individuelles Leben gewaltig überdauern, Werke, hinter denen seine Persönlichkeit manchmal bis zu einem Nichts verschwindet. Isaac Newton war als Einzelmensch beinahe krank, deutlich mit den Symptomen der Schizophrenie behaftet. Der Historiker vermag dies aus den vielen ihm zur Verfügung stehenden Dokumenten auszusagen. Für das Werk des großen Mannes, für die Newton'schen Gesetze und ihre Gültigkeit, ist dies völlig gleichgültig.

Aus gewissen Briefen Johann Wolfgang von Goethes und aus anderen Dokumenten glaube ich mit Sicherheit zu entnehmen, dass Goethe in vieler Hinsicht ein kleinlicher, ja ein boshafter Mensch gewesen ist, aber die Größe seines Werkes hat damit nichts zu tun. Je größer ein Mensch, desto mehr überragt das Werk, das er geschaffen hat, die menschliche Persönlichkeit, die er gewesen ist.

Hugo von Hofmannsthal lässt in seinem "Jedermann" den Bauern mit den Worten von der Bühne abtreten: "G'schafft hab i viel, bet' hab i nit recht viel, nehm halt der Herrgott vorlieb mit dem Spiel." Viele alternde Menschen mögen aus diesem Dichterwort Trost entnehmen. Ich gestehe, dass ich das selbst tue. Hierin liegt keine Arroganz, denn jeder Mensch, der einigermaßen fleißig an der Arbeit war, kann dasselbe tun. Je älter ich werde, desto wichtiger scheint mir das, was ich erforscht und niedergeschrieben habe, und desto weniger wichtig das, was ich gewesen bin, während ich arbeitete. In einem Buch, das eingestandenermaßen zum großen Teil eine Autobiografie ist, darf ich das ohne Arroganz gestehen.

Der Leumund meiner Zeitgenossen, vor allem der wissenschaftlichen, behauptet, dass ich ein großer Mann bin, und sie müssen es wohl besser wissen als ich. Wenn ich zurückblicke und dasjenige hervorzuheben trachte, worauf ich stolz bin, so ist das Resultat bescheiden. Ehrlich! Mein verehrter Lehrer Hochstetter sagte bescheiden, er habe den Karren der Wissenschaft eben ein wenig weitergezogen.

Es mag bei diesem Vorgang des Weiterziehens ein paar kleine Rucke nach vorwärts gegeben haben, aber die waren so klein und folgten so zwangsläufig aus dem, was vorherging, dass ich sie kaum als Entdeckungen bezeichnen mag. Alles, was ich entdeckte, hatte schon vorher einer entdeckt. Auf den Stolz der Entdeckung folgte stets die Ernüchterung, dass das Entdeckte schon seit Jahrhunderten bekannt war.

Gewiss, ich habe einiges getan, und die öffentliche Meinung hat mich mit hohen Preisen ausgezeichnet, die sicherlich einem gewissen Verdienst entsprachen, aber im Ganzen muss ich doch gestehen, dass ich meine Befriedigung in einer Arbeit fand, die mit schlechtem Gewissen nichts zu tun hat. Wie Ferdinand Hochstetter muss ich gestehen, dass ich "in Forschung und Lehre eigentlich immer das getan habe, was mir gerade am meisten Spaß gemacht hat". Meine Entschuldigung, die ich allen Ernstes für tragfähig halte, ist die, dass ich das wenig Gute, das ich schuf, nicht geschaffen hätte, wenn ich meine ganze Kraft gegen das Elend und das Unrecht auf allen nur möglichen Ebenen, vor allem gegen die Gräuel des Nationalsozialismus, so eingesetzt hätte, wie es eigentlich am Platze war.

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