Parteigenosse Nr. 6170554

aus HEUREKA 4/03 vom 01.10.2003

War Lorenz Mitglied der NSDAP?

Ja. Konrad Lorenz hat seine Parteimitgliedschaft zwar bis zu seinem Tod stets abgestritten (auch im obigen Interview mit Jules Huf, Seite 11). Noch heute können einige seiner Schüler nicht glauben, dass er bei der Partei war. Nach dem Krieg war seine - damals in Österreich typische - Ausrede, dass ihm der Mitgliedsausweis nie zugestellt worden sei, was ihm die Bezirkshauptmannschaft Tulln sogar auf einem "Persilschein" bestätigte. Er war aber Parteimitglied, und zwar mit der Nummer 6170554, als das er in offiziellen Dokumenten aus der NS-Zeit geführt ist. Zudem trug er das Parteiabzeichen wiederholt stolz am Revers seiner Sakkos.

Warum wurde Lorenz Nazi?

"Ich war als Deutschdenkender und Naturwissenschaftler selbstverständlich immer Nationalsozialist", schrieb der 34-Jährige am 28. Juni 1938 in seinem Antrag zur Aufnahme in die NSDAP. Er dürfte mit diesem Bekenntnis etwas übertrieben haben. Seine Sympathien für die Nazis setzten wohl erst Mitte der Dreißigerjahre ein, als seine Karriere als Verhaltensforscher im austrofaschistischen Österreich aus politischen Gründen blockiert war. Im Deutschen Reich hingegen wurde die Biologie massiv gefördert.

Änderten sich Lorenz' Karrierepläne durch den "Anschluss"?

Ja, wenn auch nicht sehr. Völlig euphorisiert vom politischen Umbruch versprach er sich, endlich eine Professur zu erhalten. Nach der Verhaftung seines Lehrers, des Psychologen Karl Bühler, rechnete er damit, dessen Institut übernehmen zu können, und machte schon Pläne, in die Humanpsychologie zu wechseln. Dem entsprach auch, dass er im März 1938 begann, seine an Enten gewonnenen Erkenntnisse über die Folgen der Domestikation auf die Menschen zu übertragen. Damit glaubte er, einen Beitrag zur Rassenpolitik der Nazis zu leisten und wollte so die humanpsychologische Relevanz seiner Forschungen unterstreichen.

Was publizierte Lorenz in der NS-Zeit?

Zwischen 1938 und 1943 verfasste er mehr als ein Dutzend wissenschaftlicher Artikel, in fünf davon lieferte er auch Beiträge zur Rassenpolitik. Eindeutige Bekenntnisse zur Ideologie des Nationalsozialismus finden sich in den beiden 1940 publizierten Texten "Nochmals: Systematik und Entwicklungsgedanke im Unterricht" in der NS-Zeitschrift "Der Biologe" sowie "Durch Domestikation verursachte Störungen arteigenen Verhaltens".

Was behauptete Lorenz in seinem Artikel zur Domestikation?

An seinen Vögeln hatte er beobachtet, dass es bei gezähmten Enten und Gänsen zu Ausfällen im Instinktverhalten kam, unter anderem bei den Paarungsritualen. Außerdem erwiesen sich domestizierte Tiere als weniger widerstandsfähig. Diese Beobachtungen übertrug er "von der Gans aufs Ganze" und meinte, dass es auch beim Menschen durch die Überzivilisation in der Großstadt zu Ausfällen beim arteigenen moralischen und sozialen Verhalten komme. Das würde schwerer wiegen als die "Durchmischung mit Fremdrassigen". Lorenz betonte deshalb "die dringende Notwendigkeit strengster Selektion zur Ausmerzung der mit Verfallserscheinungen im arteigenen sozialen Verhalten behafteten Gesellschaftselemente".

Schrieb Lorenz aus Opportunismus oder aus Überzeugung?

Wohl beides. Von seiner Publikation in "Der Biologe" meinte Lorenz bereits im Jahr der Veröffentlichung, dass sie opportunistisch gewesen sei. Seiner Domestikationsidee hingegen blieb er bis in die Siebzigerjahre hinein treu, ehe ihn sein Kollege Ernst Mayr davon überzeugen konnte, dass der Genpool der Menschheit viel zu groß sei, als dass es kurzfristig zu einer genetischen Degeneration kommen könnte.

Wäre Lorenz auch ohne politische Vorleistungen 1940 Professor geworden?

Darüber lässt sich streiten. Der Philosoph Eduard Baumgarten durfte sich nach seiner Berufung auf einen Doppellehrstuhl in Königsberg im Sommer 1940 den zweiten Professor aussuchen und stieß eher durch Zufall auf Lorenz. Andererseits ergingen ab Ende der Dreißigerjahre Erstberufungen nahezu ausschließlich noch an Parteigenossen. In Lorenz' Berufungsakten waren alle seine Tätigkeiten für die Partei und die Ableistung des Eides auf den Führer dokumentiert.

War Lorenz Rassist oder Antisemit?

Wohl eher nicht. In seiner offenherzigen Korrespondenz finden sich nach 1938 zwar einige Stellen, die antisemitisch oder rassistisch sind, also von der Höherwertigkeit bestimmter Rassen oder Völker ausgehen oder die Juden als solche verunglimpfen. Derartige Äußerungen fehlen in seinen Publikationen aber nahezu völlig. Wenn er rassenpolitische Vorschläge machte, dann ging er zumeist von einem Rassenbegriff aus, der die Menschheit als Ganzes umfasste. Gleichwohl wurde er Mitarbeiter des Rassenpolitischen Amts, also jener Stelle, die ab 1934 über "richtige" und "falsche" Rassenlehren entschied.

Exponierte sich Lorenz nach seiner Berufung politisch weniger stark?

Ja. Von 1941 an ist der Ton in seinen Aufsätzen eindeutig zurückhaltender. Lorenz kann der Domestikation beim Menschen positive Seiten abgewinnen, auch wenn er weiterhin rassenpolitische Vorschläge im Sinne seiner Domestikationsthese macht. Die Zurückhaltung lag wohl nicht nur darin begründet, dass er endlich Professor geworden war. Er hatte für seine beiden einschlägigen Artikel aus dem Jahr 1940 auch reichlich Kritik von Freunden und Kollegen einstecken müssen, die ihn vor seiner ideologischen "Selbstgefährdung als Wissenschaftler" warnten.

Wurden Lorenz' Arbeiten von den Machthabern ernst genommen?

Soweit sich rekonstruieren lässt, blieben seinen Thesen auf höherer politischer Ebene ohne Gehör und ohne Einfluss. Dem entspricht auch, dass er im Oktober 1941 als einfacher Soldat einrücken musste. Er hat sich indes in zahlreichen öffentlichen Vorträgen für seine Thesen stark gemacht. Außerdem berichteten etliche NS-Medien über seine Forschungen und seine rassenpolitischen Schlussfolgerungen. Lorenz als "geistigen Wegbereiter des Holocaust" hinzustellen, ist nach heutigem Wissensstand keineswegs gerechtfertigt.

Was machte Lorenz als Soldat?

Zunächst war er in Ostpreußen Ausbildner bei den Motorradfahrern. Dann wurde er zur Heerespsychologie in die polnische Stadt Posen kommandiert, wo er kurzzeitig Eignungstests unter anderem für Piloten durchführte. Wenig später wechselte er zur Militärpsychiatrie und behandelte zwischen 1942 und 1944 Kriegsneurotiker. Über seine Behandlungsmethoden ist wenig bekannt, jedenfalls wandte er auch die damals übliche Therapie mit Elektroschocks an. Unklar ist, was mit den Behandelten geschah. Von Mai bis September 1942 wirkte Lorenz außerdem mit an einer völkerpsychologischen Studie, für die 877 "Posener deutsch-polnische Mischlinge und Polen" untersucht wurden. Auch in diesem Fall weiß man nichts über das Schicksal der Probanden und wozu die Studie letztlich dienen sollte.

Wusste Lorenz von NS-Gräueltaten?

Seinen eigenen Aussagen nach hat er diese sehr spät bemerkt, nämlich erst 1943 oder 1944 in der Nähe von Posen. Damals habe er erstmals Transporte von KZ-Häftlingen gesehen - "von Zigeunern und nicht von Juden". Mit diesem Bild vor Augen habe er "die totale Unmenschlichkeit der Nazis" begriffen.

Erwuchsen Lorenz nach 1945 Nachteile aus seinen NS-Verstrickungen?

Ja und nein. Nach seiner Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft wurde an der Universität Wien im November 1948 eine Kommission eingesetzt, die sich für die Wiedererteilung der Lehrbefugnis an Lorenz aussprach. Der damalige Unterrichtsminister Felix Hurdes (ÖVP) verhinderte jedoch, dass er 1950 eine Professur in Graz bekam. Als Grund für die Ablehnung galt sein "Biologen"-Aufsatz. Ausländische Fachkollegen hatten mit Lorenz' NS-Vergangenheit weniger Probleme. 1950 hatte er die Wahl zwischen Angeboten aus England und Deutschland und folgte schließlich einem Ruf der Max-Planck-Gesellschaft, die ihm weitaus bessere Forschungsmöglichkeiten bot, als er sie je in Graz hätte haben können.

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