Wissenschaftlicher Lautsprecher

Stefan Löffler und Klaus Taschwer | aus HEUREKA 4/03 vom 01.10.2003

Über seine Forschung zu reden und zu schreiben war für Konrad Lorenz Notwendigkeit und Anliegen zugleich. Der begnadete Kommunikator vermittelte aber nicht nur seine wissenschaftlichen Ideen, sondern engagierte sich auch öffentlichkeitswirksam für die Umwelt - und hat so wesentlich zur Verhinderung von Zwentendorf und Hainburg beigetragen.

Fünf Jahre nach der Verleihung des Nobelpreises gelang Konrad Lorenz ein Triumph, dem er persönlich noch größere Bedeutung zumaß. Eine knappe Mehrheit der Österreicher stimmte im November 1978 gegen die Inbetriebnahme des bereits fertig gebauten Atomkraftwerks Zwentendorf. In den beiden Jahren vor der Abstimmung habe er sich verpflichtet gefühlt, "jede sich mir bietende Gelegenheit in Zeitung, Radio und Fernsehen zu ergreifen, um dagegen zu predigen", schrieb Lorenz seinem Freund Niko Tinbergen. Der "an sich hohle Ruhm" des Nobelpreises habe an der Urne "eine weit größere Wirkung entfalten" können. Für Kanzler Bruno Kreisky und seine Modernisierungsstrategie war es ein Schlag ins Gesicht. Der emeritierte Verhaltensforscher aber wurde endgültig zum Volkshelden.

Noch 1970 hatte Lorenz seinem Kollegen (und späteren Co-Laureaten) Karl von Frisch empört mitgeteilt: "Das einzige Druckmittel, das uns vernünftigen Leuten gegenüber Politikern zur Verfügung steht, ist die Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Man muss eben in Rede, Schreibe und Massenmedien die schreienden Blödsinne, die allenthalben von den an Macht Befindlichen begangen werden, so darstellen, dass die breiten Massen es verstehen." Der Erfolg von Zwentendorf bestätigte ihm, dass die Stimme der Vernunft Gehör finden konnte.

Schon über 80-jährig trat Lorenz 1984 noch einmal als Speerspitze der österreichischen Umweltbewegung auf, als es um den Erhalt der Donauauen um Hainburg ging. Es war nicht das eher enttäuschend gelaufene "Konrad-Lorenz-Volksbegehren", das den geplanten Kraftwerkbau schließlich stoppte, sondern eine Kommission von Umweltwissenschaftlern. Dass diese eingesetzt wurde, ging freilich auf ein öffentlichkeitswirksames "Versöhnungsmittagessen" von Kanzler Fred Sinowatz und Lorenz zurück.

In der Debatte um Zwentendorf hat Lorenz sachlich gegen die Atomkraft argumentiert, aber in der "Kronen Zeitung" am Tag vor der Abstimmung auch erklärt: "Ich gestehe, ohne mich dessen zu schämen: Ich habe einfach Angst." Solche offenen Worte aus dem Mund eines Wissenschaftlers haben viele für ihn und seine Position eingenommen. Er war zeitlebens ein Mensch, der leicht für oder gegen etwas zu begeistern war und diese Begeisterung auch an andere weiterzugeben verstand. Und er hat es früh gelernt, über seine Arbeit verständlich und eingängig zu reden und zu schreiben.

Als Lorenz Mitte der Dreißigerjahre seine Stelle an der Universität verlor, begann er populärwissenschaftliche Artikel für Zeitungen zu schreiben, um so für den Unterhalt seiner jungen Familie und der riesigen Tierschar in Altenberg zu sorgen. Seine frühen Artikel nahmen zum Teil in populärer Sprache vorweg, was er erst danach "wissenschaftlich" publizieren sollte. Außerdem hielt er populärwissenschaftliche Vorträge an der Wiener Urania und kultivierte so die Kunst des Erzählens von Anekdoten.

Dieses Talent half ihm nicht nur in russischer Kriegsgefangenschaft, seine Kameraden zu unterhalten, sondern auch danach beim Verfassen seines ersten Buches: "Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen" (1949) wurde, obwohl es bei einem kleinen Wiener Verlag erschien, zum Weltbestseller. Mit "Das sogenannte Böse" (1963) sprach er trotz des emotionalen und zugespitzten Stils nicht nur interessierte Laien an. Seine Thesen wurden auch weit über sein Fachgebiet hinaus von Wissenschaftlern gelesen und ernsthaft diskutiert.

Vor der Kamera wusste er sich ebenfalls in Szene zu setzen. Schon seit den Dreißigerjahren hatte er selbst Enten zu Lehr- und Dokumentationszwecken gefilmt oder ließ sich mit ihnen filmen. Mit diesen Filmen gelang es ihm einerseits, seine oftmals skeptischen Kollegen zu überzeugen. Andererseits wirkten sie - so wie Lorenz' zahllose Fernsehauftritte seit den Fünfzigerjahren - weit über die Wissenschaft hinaus: Diese Bilder haben für viele die Vorstellung geprägt, wie ein Wissenschaftler aussieht und Wissenschaft funktioniert.

Und das wirkte wieder auf die Forschung und seine wissenschaftliche Reputation zurück. So unbestritten Lorenz' bahnbrechende Arbeiten in den Dreißigerjahren gewesen sind - dass er 1973 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, hatte wohl auch damit zu tun, dass er nach 1945 ein so prominenter Wissenschaftler gewesen ist.

Der Nobelpreis 1973, diese höchste Auszeichnung, die die wissenschaftliche Welt zu vergeben hat, machte Lorenz aber zugleich zu einer noch populäreren Figur, als er ohnehin schon war. Der mediengewandte Wissenschaftler hat das selbst am besten gewusst - und auch besonders treffend auf den Punkt gebracht: Vor dem Nobelpreis sei er bloß der Sprecher der "Gruppe Ökologie" gewesen, der ersten Umweltschutzinitiative deutschsprachiger Wissenschaftler. Danach aber: ihr "Lautsprecher".

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige