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Daniel Kehlmann | aus HEUREKA 4/03 vom 01.10.2003

Sie kennen sich seit bald siebzig Jahren, gleich zu Beginn wird von den Indianerspielen der Kindheit erzählt. Der eine ist der Mann, der dem Traum, mit den Tieren zu sprechen, am nächsten kam, der andere der Verfasser des vielleicht wichtigsten Pamphlets für die Demokratie. Das Gespräch zwischen Konrad Lorenz und Karl Popper, moderiert von Franz Kreuzer, hat österreichische Fernsehgeschichte geschrieben.

Er sei, sagt Popper mit der Selbstironie, die nur Unterlegene entwickeln, immer an den Baum gefesselt worden, der Konrad aber nie. Lorenz, der diese Art Ironie nicht brauchte, nickt stolz. Wann immer eine Uneinigkeit auftaucht, leitet Kreuzer sanft über. Nicht dass es nötig wäre: Sobald Popper - "aber es ist nicht sicher!!!" - zum zweiten und dritten Mal auf sein Falsifikationsprinzip zu sprechen kommt, wechselt Lorenz behutsam das Thema. Wenn wiederum Lorenz seine evolutionäre Erkenntnistheorie erwähnt und zum Beweis seiner philosophischen Kompetenz darauf hinweist, dass er schließlich Kants Königsberger Lehrstuhl innegehabt habe, schweigt Popper taktvoll.

Sie tun, als wären sie einer Meinung. Es wird viel genickt. Und oft nachgefragt, weil beide nicht mehr gut hören. Lorenz spricht vorgebeugt und gestikulierend. Popper sitzt zurückgelehnt, drückt sich in die Sitzpolsterung, spricht leise, zeigt immer wieder sein eigentümliches Kinderlächeln. Er habe, sagt Lorenz von sich, das Selbst eines Gockels: Leugnung des Ich, das habe er nie verstanden! Popper zuckt mit den Schultern.

Kaum ist die Sendung vorbei, weiß man schon nicht mehr genau, was eben besprochen wurde. Aber man erinnert sich noch lange an die schnelle, aufmerksame Verbindlichkeit von Franz Kreuzer - und an den Flirt zwischen Popper und Konrad Lorenz' Hund. Immer wieder, während sein Herr sich in der Philosophie verstrickte, hat Popper ihm den Kopf getätschelt. Und während Popper sprach, hat ihn der Hund immer wieder freundlich angestupst. Als wäre Popper dem Tier, zumindest in diesem Moment, sympathischer als der Meister der Tiersprache selbst. Man muss nicht Konrad Lorenz sein, um das zu verstehen.

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